Ein extrem heißer Tropfen

Navis e.V. hilft seit 10 Jahre in jeder Krisen-Sitation

„Der Name „Navis“ bedeutet „Schiff“ und passt perfekt, denn wir sind ein „Rettungsschiff“, welches Menschen in Not zu Hilfe eilt. Auch unser Logo ist entsprechend gestaltet“ schildert Gründungsmitglied Stephan Zobel und deutet auf das Emblem mit dem weißen Segel auf seinem blauen T-Shirt. Die konkrete Hilfe von Navis e.V. erstreckt sich auf ganz schnelle die Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmittel, technischer Unterstützung und medizinischer Versorgung. In den zehn Jahren des Bestehens wurden 32.000 Menschen medizinisch versorgt, über zwei Millionen Liter Trinkwasser verteilt und 65 Tonnen Material auf dem Luftweg befördert. Die Männer und Frauen kümmern sich immer solange – meist bis zu acht Wochen - bis die „großen“ Hilfs-Organisationen oder inländische Hilfsdienste in Schwung gekommen sind.

OPs in allen Lagen

Navis ist nach Anforderung in 24 Stunden vor Ort, die ersten sind die „fact finder“, meist vier Männer oder Frauen stark: Techniker, Mediziner und Apotheker. Passiert irgendwo auf der Welt eine Katastrophe, laufen die Telefondrähte bei Navis sofort heiß, der Vorstand berät und klärt ab, ob der Navis-Einsatz ein für die eigenen Leute kalkulierbares Risiko ist, setzt sich mit der Botschaft des Landes in Verbindung, und fragt nach, ob überhaupt Hilfe gewünscht wird. Gleichzeitig kümmern sich Logistiker um die Flugtickets für die „fact finder“ und auch um mögliche Frachtflugzeuge für das Material. Wasseraufbereitungsanlage, medizinische Versorgung, Zelte lagern in Moosburg. Sind die „fact finder“ im Katastrophengebiet und geben grünes Licht für einen Navis-Einsatz, geht Alles mit einem grünem Punkt Markierte - Material im Wert von 250.000 Euro - sofort auf die Reise. Die Sicherstellung von Trinkwasser steht ganz oben, dann kommt die Unterkunft, Küche und medizinische Grundausstattung. „Wir haben ein komplett ausgestattetes  Feldhospital“, bestätigt Arzt Anton Freilinger aus Au in der Hallertau. „Mit modernstem Röntgen- und Ultraschallgerät können wir chirurgische Eingriffe durchführen.“ In Haiti war aber noch viel mehr gefordert, die fact finder hatten noch nicht alles Material zur Verfügung, die Sägen vor Ort passten nicht in den Sterilisator. „Also haben wir mit einem Letherman Messer amputiert“, erinnert sich Koller. „Bei uns in Deutschland hätte man die Gliedmaßen vielleicht retten können, in Haiti wären die Leute aufgrund von Wundbrand schnell gestorben“, ergänzt Freilinger. Da wird auch schon mal eine Lunge punktiert, ohne auf die Instrumente, die man als Mediziner in einer Klinik gewohnt ist, zurückgreifen zu können. Situationen, die die Männer und Frauen an die Grenzen der Belastbarkeit führen, aber nicht zum Aufgeben. „Wir müssen einfach mit jeder Situation zurecht kommen. Wir sitzen jeden Abend beisammen und sprechen den Tag durch. Jeder im Team freut sich auf die Feierabend-Halbe, das hilft beim Verarbeiten“, räumt Zobel ein.

 

 

Schnell, flexibel und effizient
Insgesamt zählt der Verein über 400 Navisianer „wir sind eine solide Organisation“, so Vorstand Wolfgang Wagner. Auslöser der Gründung war der Tsunami im Dezember 2004, die Keimzelle war die Feuerwehr des Flughafens, gegründet wurde bei der Feuerwehr in Goldach und Hallbergmoos. Mit dabei von Anfang an Stephan Zobel von der Goldacher Wehr, Wolfang Wagner kam ein Jahr später hinzu. Seitdem leistet Navis e.V., immer als einer der Ersten vor Ort, im Aus- und Inland Hilfe bei Katastrophen. Nach dem Tsunami kam das Erdbeben in Haiti, die Überschwemmungen in Pakistan, die Dürre in Ostafrika, das Hochwasser in Deggendorf, der Taifun auf den Philippinen und vor einem Jahr das Erbeben in Nepal. Gregor „Keks“ Koller aus Hallbergmoos war mit Walter Unger und dem Arzt Anton Freilinger als „fact finding team“ in Nepal, wo sie in Bhaktapur auf einem ehemaligen Schulgelände das Navis-Lager errichteten. „Man steigt aus dem Flugzeug und orientiert sich. Die erste Anlaufstation ist die deutsche Botschaft, wo wir uns melden, dass wir da sind“, schildert Koller. Er ist dann oft den ganzen Tag nur unterwegs und sucht Ansprechpartner oder organisiert Taxis, Lastwägen oder manchmal auch ein Fahrrad. „Wir informieren uns bei Journalisten über die Situation vor Ort, fragen bei Taxifahrern nach, wie wir am besten zu unserem Einsatzort kommen und wo man uns am nötigsten braucht.

 

Wichtigstes Utensil -  die TWA
Als erstes jedoch suchen sie immer eine große, ebene Fläche, wo sie ihre Zelte aufbauen können. Dieser Platz muss Wasser in der Nähe haben, damit wir unsere 45.000 Euro teuer Trinkwasseraufbereitungsanlage (TWA) zum Einsatz bringen können. Sie macht aus jedem, mit Dreck oder auch Fäkalien verunreinigten Wasser, sauberes Trinkwasser - 500 Liter in der Stunde.“

„Die fact finder melden so schnell wie möglich zu uns nach Deutschland, was gebraucht wird, denn jede Katastrophe hat ihr eigenes Gesicht“, so Wagner. Wichtig ist hier auch die Zusammenarbeit mit den Apotheken. Die Medikamente werden nicht mehr vorgehalten, ist vielmehr ein Einsatz am Anlaufen, dann stellen die Apotheker informiert anhand einer eine Liste die Lieferungen zusammen. „Da ist dann nichts veraltet oder abgelaufen.“ Schnell werden auch ein einheimischer Koch und auch Wäscher „eingestellt“, diese sorgen dann auch dafür, dass den Navis-Helfern nichts passiert. „Man darf nicht vergessen, wir sind in einem uns ganz fremden Land“, betont Wagner.

Arbeiten am physischen und psychischen Limit
Den „fact findern“ folgen die Teams 1, 2 und 3. Sie bleiben je zwei Wochen und lösen sich ab: erfahrene Feuerwehrleute, Sanitäter und Ärzte sowie Fachleute aus den Bereichen Technik, Logistik, Trinkwasseraufbereitung und Kommunikation. Hitze mit oft über 40 Grad am Tag und dafür nur wenige Grad über Null in der Nacht, kräftige Regenschauer, die klamme und feuchte Kleidung, dazu Elend und oft auch Tod - das Arbeiten am Limit ringt physische und psychische Meisterleistungen ab. In San Joaquin auf den Philippinen waren auf zehn Wochen verteilt 54 Navisianer im Einsatz, knapp 6.000 Personen wurden medizinisch betreut, 225.000 Liter Wasser erzeugt und 15 Tonnen Fracht bewegt. „Wir geben viel, bekommen aber mindestens genauso viel zurück“, schildern Freilinger, Koller und Zobel unisono. Erwachsene und Kinder, denen sie zu Hilfe eilten, schätzen diese Hilfe, der Dank sind Händeschütteln, gemalte Bilder und oft auch „nur“ ein Lachen. „Viele haben ja nichts mehr außer ihrem Leben“, so Zobel.

Wir gehen, die „Großen“ kommen
Wenn Navis nach einigen Wochen das Land verläßt, dann kommen die „großen“ Organisationen, wie THW oder Rotes Kreuz. „Die sind keine Konkurrenz zu uns, brauchen halt etwas länger, bis sie in Schwung kommen“, lacht Zobel. Es läuft aber nicht immer alles rund. „In Sri Lanka standen unsere Zelte zweieinhalb Tage am Flughafen. In Kenia mussten wir 2.800 Euro bezahlen, nur um unser Material am Flughafen auszulösen. Das ist Streß pur, dringend benötigtes Material ist da und du kannst es nicht verwenden“, so Zobel. Nach weiteren zwei Wochen kommt ein neues, „frisches“ Team, acht bis zehn Wochen ist Navis mit gut 40 Männern und Frauen im Einsatz. „Keiner bekommt Geld, jeder opfert oft auch seinen Urlaub“, so Wagner. Suchen oder bitten muss er jedoch nie, ganz schnell stehen oft bis zu 100 Helfer bereit für den Einsatz.

 

Bitte Spenden!
Bitten muss Wagner jedoch schon. Nämlich um Gelder für die Flüge der Helfer und der Fracht, aber auch für die Materialien. Die TWA und auch das Lazarett werden stets wieder abgebaut und kommen ins heimische Moosburg zurück. Und auch wenn viele Fluggesellschaften günstige Preise anbieten, es bleibt nach jedem Einsatz eine sehr große Summe, die über Spendengelder wieder hereinkommen muss. „Die schnelle Hilfe ohne Grenzen kostet Geld.“ Dieses kommt von großzügigen Spendern, den Sternstunden des Bayerischen Rundfunks, dem Flughafen, Gemeinden, aber auch Privatpersonen und Firmen. „Kein Cent versickert bei uns in irgendeiner Verwaltung, alles geht 1:1 in die Materialbeschaffung und Kostendeckung“, versichert Wagner.  

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© FRED MAGAZIN Verlag