„Gemeinsame Sache“ mit Baugenossenschaften und Baugemeinschaften

Zwei Modelle für günstigeres Wohnen und/oder Bauen

 

 

Es ist das alte Spiel der freien Marktwirtschaft zwischen Angebot und Nachfrage: bei wenig Angebot und hoher Nachfrage steigen die Preise. Das kennzeichnet den Wohnungsmarkt seit vielen Jahren vor allem im Ballungsgebiet München und seinem Umland. Erding gehört mit dazu, die Nachfrage kann nicht bedient werden. Bei den Mieten und auch Immobilienpreisen sind die Zuwächse in den vergangenen Jahren irrational gestiegen: bei Eigentumswohnungen um über 60 Prozent, Mieten im Schnitt um 30 Prozent. Pro Jahr sind Steigerungen um bis zu 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr keine Seltenheit. Wer soll das bezahlen? Mittlerweile werden die Normalverdiener von vor zehn Jahren als Personenkreis mit schwachem Einkommen tituliert, nur weil sie diese Beträge nicht mehr bezahlen können. Leidtragende sind Familien mit „normalem“ Einkommen, Alleinerziehende, Rentner, es geht querbeet durch alle Bevölkerungsschichten.
Die Freien Wähler und die Grünen Erdings haben nun zwei Modelle diskutiert: Baugenossenschaften und Baugemeinschaften.

 

 

 

Freie Wähler: Wohnbaugenossenschaft

Das Thema „Miteinander Jung bleiben – neue Wohnformen für Erding“ der Freien Wähler füllte den Saal bis auf den letzten Platz und bestätigte den Landtagsabgeordneten Benno Zierer darin, dass man schon lange am Abgrund stehe und das Problem des knappen Wohnraums durch die Zuwanderung akuter denn je sei. „Nur durch Reden und Ausreden ist die Quadratur des Kreises nicht zu schaffen.“
Architekt Kai Krömer stellte das Münchner Projekt „Wagnis vier“ vor, bei dem unter Beteiligung der späteren Bewohner bereits in der Planungsphase ein generationenübergreifendes Wohnprojekt am Olympiapark entstanden ist: 53 Wohnungen in drei Häusern sowie Gemeinschaftsräume und Gewerbeflächen. Die Mitglieder der Genossenschaft sind Mieter im eigenen Haus: Sie haben ein lebenslanges Wohnrecht, können aber ihrerseits kündigen. Die Wohnungen sind keine Spekulationsobjekte, sondern bleiben auch den Erben erhalten, es geht also nicht um Gewinnmaximierung.  „Somit ist die Wohnbaugenossenschaft eine dritte Form zwischen Eigentum und Miete“, erläuterte Krömer.  Als Bewohner einer Genossenschaftswohnung ist der Mieter gleichzeitig Eigentümer. „Wer mitmacht, zahlt drei Dinge: 1000 Euro für die Mitgliedschaft in der Genossenschaft, dann die Miete und die Eigenkapital-Einlage, die für die Projektfinanzierung notwendig ist. Diese Einlage wird bei einem eventuellen Auszug wieder ausbezahlt. Miete und Einlage sind je nach Einkommen und Förderung unterschiedlich hoch.“ Die Wagnisianer machen also gemeinsame Sache für günstigere Mieten und auch ein besseres Miteinander. Eine Mieterin ist die Seniorin Renate Hanauer, die seit zwei Jahren in der Anlage am Ackermannring wohnt. „Übers Internet bin ich auf Wagnis gestossen“, erzählt Hanauer, damals noch in den USA wohnhaft. Je nach Stockwerk verteilten sich große Wohnungen für Familien mit etwa 120 Quadratmeter und Appartements in verschiedenen Größen. Die Wohnungen sind über einen Laubengang, ähnlich einem durchgehenden Balkon, miteinander verbunden, „man kann sich treffen und miteinander reden, muss aber nicht“, so Hanauer. „Wagnis“ steht für „Wohnen und Arbeiten in Gemeinschaft, nachbarschaftlich, innovativ und selbstbestimmt.“ In der Umsetzung heißt das: Es gibt Gemeinschaftsräume, große grüne Dachterrassen für alle und Nachbarschaftstreffs. Die Bewohner kümmern sich umeinander.  „Für mich war wichtig, dass ich nicht anonym wohne. Bereits bei den Planungen haben wir Bewohner uns regelmäßig getroffen und kennen gelernt, das war toll.“ Alle Wohnungen sind barrierefrei, es gibt Gemeinschaftsräume und für Besucher zwei Gästeappartements, einen Kiosk und auch einen Pflegestützpunkt. „Man kümmert sich um den Nachbarn“, bestätigt Hanauer, „zwei Kindern gebe ich momentan Nachhilfe in Englisch. Als ein älterer Nachbar erkrankt war, haben die Jungen für ihn mit eingekauft. So muss es sein, damit man sich wohl fühlt!“ Die Wohnungen sind dauerhaft günstiger, aber auch nicht wirklich billig, denn die Genossenschaft kauft die Grundstücke zu marktüblichen Preisen, die Bewohner zahlen je nach Einkommen unterschiedlich viel Miete und Geld für Genossenschaftsanteile.
Für FW-Stadträtin Petra Bauerfeind ist die Fläche am Erdinger Thermengarten ideal für genossenschaftlich geplanten Wohnungen der Baugenossenschaft und der landkreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft. Einheimischenmodelle sowie die sozialgerechte Bodennutzung seinen keine Allheilmittel, können aber im Mix „zu einer Erhöhung des Angebots führen.“

 

 

Die Grünen: Baugemeinschaft

Eine von Wohnungsreferent Herbert Maier (Grüne) initiierte Veranstaltung informierte zum Thema Baugemeinschaften. Eine Baugemeinschaft ist der Zusammenschluss mehrerer privater Bauherren, die zwar jeder für sich das Grundstück kaufen, dann aber gemeinsam planen und bauen. Geld sparen sie dadurch, dass sie nur einen Architekten oder Planer beauftragen, keine Gewinnzuschläge an Bauträger bezahlt werden müssen.  „Die Gesamtkosten werden im Schnitt um 15 bis zu 25 Prozent reduziert“, erläuterte Referent Stefan Krieger von Conplan, Projektentwickler für Wohn- und Bauprojekte. „Die geringeren Baukosten sind es jedoch nicht alleine. Denn man hat wesentlichen Einfluss auf die Baugestaltung und Ausstattung.

Die zukünftigen Nachbarn lernen sich schon bei der gemeinsamen Planung kennen und können so ihre Vorstellungen und Ideen umsetzen, dies führt zu hoher nachbarschaftlicher Solidarität von Beginn an“, so Krieger. Alle Entscheidungen würden gemeinsam getroffen, wobei es dem Einzelnen überlassen bleibe, wie weit er sich einbringt und wie viel er mitgestalten möchte. „Baugenossenschaften und Baugemeinschaften sind im Prinzip Geschwister, sie haben beide zum Ziel, günstigeren Wohnraum zu schaffen“, so Maier. Der Thermengarten ist auch für ihn das Gebiet, um das Modell Baugemeinschaften in Erding zu etablieren. Der Informationsabend brachte bereits neun Interessenten für das Modell Baugemeinschaften zusammen, „weitere Interessierte können sich unter meiner Mailadresse herbert.maier@erding.de gerne melden.“

 

 

Beispielrechnung bei einer einkommensorientierten Wohnraumförderung für einen Wagnis-Mieter:

  • Mieter, die Anrecht auf geförderten Wohnraum haben, zahlen an die Genossenschaft 9,25 Euro pro Quadratmeter. Aufgrund des öffentlichen Zuschusses zahlen sie je nach Einkommen zwischen 4,85 und 7,25 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Bei einer 100 Quadratmeter-Wohnung sind das zwischen 485 und 725 Euro Kaltmiete, dazu maximal zwei Euro Nebenkosten, also 200 Euro. Die Pflichteinlage beträgt zwischen 310 und 700 Euro pro Quadratmeter. Macht bei Hundert Quadratmetern zwischen 31000 Euro und 70000 Euro.

 

 

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