Stahl-Bunker: Einzigartig in Deutschland

Die Luftschutzanlage in der Landshuter Straße

sb - Die Stadt Erding ist um ein „Bodendenkmal“ reicher. Unter dem großen Künstlergarten neben dem Museum Franz Xaver Stahl befindet sich, tief in der Erde vergraben und ausgeklügelt in seiner Planung und Ausführung, eine Luftschutzanlage aus dem 2. Weltkrieg. Das Gartengrundstück gehörte zu dieser Zeit der Malermeisterswitwe Ursula Stahl, Mutter des berühmten Tiermalers Franz Xaver Stahl. Heute ist der Garten Teil des Museums Franz Xaver Stahl.
 

Ursula Stahl hat das Grundstück in den 20er-Jahren erworben, um dort einen Obst- und Gemüsegarten zu gestalten. Sie muss die Bauherrin der bis heute unversehrten Anlage aus den frühen 40er-Jahren gewesen sein. Vom Keller des heute denkmalgeschützten Biedermeierhauses in der Landshuter Straße, das seit 2014 das Museum Franz Xaver Stahl ist, führt ein Gang unterirdisch zu zwei in der Erde versenkten, mit Beton ummantelt Stahlzylindern. Sie dienten als Schutzräume für die Hausbewohner und die Nachbarn. Im Haus Landshuter Straße 31 lebten viele Mieter im Erdgeschoß und im Dachgeschoß, der heute mit einer hohen Mauer umgebene Garten war damals noch ohne Begrenzungen, so dass jeder das Grundstück betreten konnte. Zeitzeuge Josef Miethaler hat im 2. Weltkrieg als 14-Jähriger mehrmals bei Fliegeralarm in diesem Bunker Zuflucht gesucht. Dabei ist er durch den Garten gelaufen und durch den Eingang dort in den Luftschutzkeller. Die Holzbank im Luftschutzraum, auf der er als Junge saß, gibt es noch immer und auch die Kerzen, die man für den Fall eines Stromausfalles aufgestellt hatte, sind noch da!
„Das Besondere am Luftschutzkeller in der Landshuter Straße ist zum einen die Unversehrtheit und vor allem die einzigartige Bauweise“, schildert Museumsleiterin Dr. Heike Kronseder. Sie hat sich bei der Erforschung Hilfe von Experten geholt. „Zunächst bin ich auf den Verein ‚Berliner Unterwelten‘ gestoßen, denen ich Fotos geschickt habe“, erklärt Kronseder. Ihre Versuche, eine vergleichbare Anlage zu finden, haben auch nach Durchsicht historischer Magazine und Werbeblätter der späten 20er- bis 40er-Jahre kein Ergebnis gebracht. Kronseder war bald klar, dass es sich um ein Unikat handeln müsse, auf jeden Fall war der Berliner Verein begeistert, „denn obwohl allesamt Experten auf dem Gebiet Luftschutz und Luftschutzanlagen sind, hatten sie so etwas noch nicht gesehen.“ Jürgen Wedemeyer, Vorstandsmitglied bei ‚Berliner Unterwelten‘ kam nach Erding gefahren, um sich die Anlage im Original anzusehen. Aufgrund der Ausführung und Maße der genieteten Rundbunker vermutete er, dass es sich um Teile eines Dampfkessels einer Eisenbahn handeln könnte. „Das ist naheliegend, denn die Familie Stahl war mit einem Oberinspektor der Reichsbahn sehr gut bekannt.“
Seit dem Pariser Abkommen 1926 war das Thema „ziviler Luftschutz“ aktuell. Mit der Gründung des Reichsluftschutzbundes im April 1933 waren die Hausbesitzer aufgefordert nach bestimmten Vorgaben und Vorschriften für Luftschutz zu sorgen, weiß Karlheinz Kümmel vom Luftschutzarchiv Kümmel in München. „Kümmel war in meiner Forschung ein weiterer Glücksfall“, betont Kronseder, „er kennt viele der süddeutschen Anlagen und ist im Besitz einer sehr umfangreichen Sammlung an Dokumenten.“ Auf jeden Fall ist das in Erding erhaltene Modell kein vorgefertigtes Industriestück, sondern eine extra angefertigte und sehr aufwändige Anlage. Es sind noch die Gastüren, teilweise noch mit dem im Krieg stark rationierten Gummiabdichtungen vorhanden; es wurde an mehrere Ausgänge gedacht, so dass man im Falle einer Zerstörung dennoch aus dem Keller entkommen konnte. Noch immer sind die Beleuchtungen mit Porzellanfassungen vorhanden; präzise wurden die runden Holzbänke eingepasst, Mauernischen, Treppen, Absätze genau berechnet. „Die Berechnungen haben genau gepasst“, so Heike Kronseder, „denn man hat den ehemaligen Gewölbekeller eines im Garten bis etwa 1906 stehenden Hauses als zusätzlichen Raum miteinbezogen.“ Damit war auch die sogenannte Trümmerzone bedacht, wonach der Keller mindestens halbe Firsthöhe vom Haus entfernt sein sollte, damit bei einer Bombardierung dieser nicht verschüttet werden konnte.

 

Eine Besichtigung des Luftschutzkellers ist am 9. September von 14 bis 17 Uhr geplant, für kleine Gruppe auch nach Anmeldung unter 08122.408 160 oder 0171.80 95 120.

 

 

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