Vom irren Spätzünder zum Gerichts-Berater

Auch mit 50 kann man eine neue Lebens-Idee realisieren

 

 

Wir im FRED haben es schon immer gewusst und Wolfgang Schorlau (67) mehrfach für seine Romane um den Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler gelobt: RAF-Morde, drohende Trinkwasser-Privatisierungen, Selbstjustiz an Kriegsgefangenen, Traumatisierung von Bundeswehr-Soldaten, NSU-Morde, Oktoberfest-Attentat oder sein jüngstes Buch zur Griechenland-Krise. Schorlau packt „aktuelle“ Themen, recherchiert sie penibel und bastelt daraus super-spannenden Krimis. So realistisch wabert oft die Phantasie, dass er durch seine Bücher Gerichts-Prozesse anschob, dabei sogar als Gutachter aussagt. Was gibt es Größeres für einen Roman-Schreiber? Dabei ist er gar kein Journalist oder Schriftsteller. Aber ein linker, grüner, Netter. Wie er in Dorfen bewies.

 

Schorlau wuchs in Idar-Oberstein am Hunsrück in Rheinland-Pfalz auf. „Ich war ein verträumtes Kind, immer auf Fantasiereise“, sagt er in einem Interview. Die Volksschule schwänzte er oft, die Lehre als Kaufmann bei einem Elektrogroßhändler schaffte er mit Ach und Krach. „Da war ich Azubi der Weltrevolution und las Marx, dass ich fast aus der Lehre geflogen wäre.“ Er holt in Berlin das Abitur nach, studiert aber nicht wie geplant Soziologie, sondern wird Programmierer. Später macht er sich mit einer Softwarefima selbstständig, schrieb seine ersten Bücher: „Der PC im galvanischen Betrieb“, ein paar Jahre später eines über Bluesmusiker in Chicago. Beide verkauften sich kaum, waren aber auch nicht für die Massen geschrieben. Mit 49 Jahren entschloss er sich, alles hinzuschmeißen und mit seinen Ersparnissen von 20.000 Mark Schriftsteller zu werden und Krimis zu schreiben. Jeder in seinem Bekanntenkreis hielt ihn für völlig irre, den sicheren Job aufzugeben und ausgerechnet Romane mit einem Privatdetektiv zu schreiben – ein Genre, das bereits übervoll schien. „Ich war überzeugt von meiner Geschichte, habe also alles auf eine Karte gesetzt!“

 

Schorlau erfand Georg Dengler, Ex-BKA-Mann, jetzt ein versoffener Privatschnüffler, chronisch pleite mit großer Liebe zu Blues- und Rock-Musik sowie zu Olga. Sie ist Schorlaus zweite Erfindung, eine geniale Computer-Hackerin mit zweifelhafter Vergangenheit. Seit zwölf Jahren verbringt Schorlau so viel Zeit mit den beiden, dass sie für ihn fast real sind. „Der Dengler, der ja mittlerweile ein guter Freund von mir ist“, berichtete Schorlau im Dorfener Jakobmayer, „der wollte mir die Freundschaft aufkündigen. Er warf mir vor, ich hätte durch die Bücher über ihn Geld verdient, er habe aber immer noch keines.“ Über eine Million seiner mittlerweile neun Dengler-Bänder hat Schorlau verkauft, „da habe ich dem Georg im neuesten schon einen lukrativen Auftrag zuschanzen müssen, dass er bei mir blieb!“ Leider habe er die Olga in der Realität noch nicht gefunden, „so jemand wäre natürlich toll für meine Recherchen, die überall in jeden Computer rein- und an jedes Dokument rankommt.“ Seine Figuren sind immer Mischungen aus vielen Menschen, die Schorlau irgendwo kennengelernt hat, „manchmal ist es aber auch ein ganz bestimmter Mensch, dem ich einen anderen Namen gebe, weil der perfekt in meine Story passt.“ Diese „Story“ ist der dritte Baustein seiner erfolgreichen Reihe. Er sucht sich immer Themen die aktuell sind, aber nicht tagesaktuell. Dann recherchiert er akribisch in alle Richtungen, wie ein investigativer Journalist, spricht mit unzähligen Betroffenen und Fachleuten vor Ort. „Dafür brauche ich immer ein bis zwei Jahre, das Thema muss auch dann noch interessant sein, das ist gar nicht so einfach.“

 

Wie gut Schorlau/Dengler recherchieren, wie tief sie immer einsteigen und zu welch‘ überraschenden Ergebnissen sie dann kommen, sieht man beispielsweise daran, dass das „München Komplott“ mit verantwortlich war, dass das Oktoberfest-Attentat nach Jahrzehnten des Abblockens, Vertuschens und Schweigens wieder neu aufgerollt wurde. Schorlau durfte sogar nach Erscheinen seines vorletzten Buches „Die schützende Hand“ über die NSU-Morde als Gutachter im Prozess aussagen. Fiktion wird zur Realität!

 

Sein jüngster Dengler, „Der große Plan“, beschäftigt sich mit der Griechenland-Krise, die bei Schorlau eben nicht mit „den faulen Griechen, die nicht arbeiten wollen“ begann, sondern mit der Besetzung Griechenlands durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Morden, Ausbeutung und Zerstörung des Landes. „Der Dengler und ich, wir waren Monate vor Ort und haben intensiv ermittelt. Wenn ausgerechnet die Deutschen den Griechen gemeinsam mit der Troika Vorhaltungen machen, kommt das dort sehr verständlich nicht gut an.“

Schorlau betont, er will zuerst immer mit jedem Buch seine Leser zwölf bis 15 Stunden gut unterhalten. „Wenn ich es dann noch schaffe, dass einige über das Thema intensiver nachdenken – das ist perfekt! Etwas bewegen oder umstürzen kann ich mit Literatur bestimmt nicht, aber jeder einzelne kann sich ändern!“

 

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