Notzinger Weiher: Danke für nichts?

Auch mit dem neuen Konzept sind nur wenige zufrieden

 

 

Seit Jahrzehnten gehen die Oberdinger, Notzinger und auch Erdinger Singles, Paare und Senioren, oder auch Familien mit kleinen Kindern, wenn sie einen ruhigen Natursee suchen, zum Baden an den Notzinger Weiher. Wer es noch ruhiger will, läuft noch ein paar Meter weiter und legt sich zwischen hohe Büsche an den größeren der beiden Tümpel.
Beide wurden 1923 zur Kiesgewinnung für den Bau des Mittleren Isarkanal ausgebaggert. Am Anfang war es nur ein See, im Jahr 1930 wollten die Bauern eine Zufahrtstraße zu ih-ren Feldern, so entstand ein großer und ein kleiner Weiher. Bis vor etwa 20 Jahren machte die Wasserwacht an den Wochenenden Dienst am kleineren See, dort, wo Heini Link seit 45 Jahren sein Kiosk betreibt. „Erst kamen immer zwei drei Burschen und Mädchen mit dem Rad, später hatten sie ein Schwimmbrett dabei und wieder später auch noch ein Auto. Bei uns passierte ja nichts, also hatten die auch so gut wie nichts zu tun“, berichtet Link. Nach seinen Erinnerungen wurden an einem regnerischen Wochenende die Badegäste gezählt. Weil so wenige da waren, entschied die DLRG-Führung, dass künftig keiner mehr Dienst am „Notzinger“ tun wird. Die beiden tödlichen Unfälle am See im Juli 2005, als ein 14-Jähriger und im Juli 2010, als eine 56-Jährige ertranken, hätte aber auch eine besetzte Wasserwacht-Station nicht verhindern könne. Beide Unglücke geschahen an einem Werktag – die ehrenamtlichen Wasserwachtler tun aber nur am Wochenende Dienst.

 

Natursee oder bewachter Badesee?
Trotz dieser Vorgeschichte endzündete sich nun der Ärger zahlreicher Bürger daran, dass im neuen Konzept des Landratsamtes die geplante Wasserwachtstation nicht mehr vorkommt. „Wollen wir wirklich warten, bis wieder einer ertrinkt, bevor wir auch hier so eine Station bauen?“, fragte ein sichtlich wütender Mann. „Wir werden in einem Nebenraum der neuen Toilettenanlage ein Rettungsbrett deponieren“, so weit kam Landrat Martin Bayerstorfer den Befürwortern der Rettungsstation entgegen. „Wollen wir hier einen Natursee erhalten oder wollen wir einen zweiten Kronthaler Weiher?“, fragte Manfred Drobny, Kreisgeschäftsführer des Bund Naturschutz in die Runde. Erst die massive Klageandrohungdes BN hatte den Landkreis zum Umdenken bewogen. „Wir wollen auf keinen Fall einen langen Rechtsstreit, also haben wir unser Konzept geändert“, begründete der Landrat seine radikale 180 Grad-Wende.


Umfangreiche Pläne am Anfang
Ausgangssituation war, dass der Landkreis auf seinem Grund, am dritten der Notzinger Weiher, einen Jugendzeltplatz bauen will. Dazu wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Dezember 2016 nicht nur zahlreicheBüsche, sondern auch große, gesunde Weiden und Ulmen abgeholzt.
Zusätzlich zu Unterkünften, Grill- und Kochplätzen für den neuen Zeltplatz, wollte man zwischen den beiden Weihern große Toiletten- und Duschanlagen, einen mächtigen Parkplatz samt Wendehammer bauen und am heutigen Badesee breite, große Einstiege,eine neue „Ufer-Modellierung“ mit Aufschüttungen und Abflachungen, einen neuen Kinderspielplatz, einen breiten Naturlehrpfad, Aussichtsplattformen und -stege sowie eben eine 16 Quadratmeter große Wasserwachtstation bauen. Der Aufschrei unter den Naturliebhabern war groß, diese suchen ja eben die Ruhe an jenem See, wollen hier auf keinen Fall einen prosperierenden Bade- oder Partybetrieb à la „Kronthaler“. Vor allem schaltete sich der BN ein, legte fest, dass dieser Tümpel ein „Idyllin einem Naturschutzgebiet“ sei und daher erhaltenswert. Sollte der Landkreis nicht auf die massive Kritik reagieren, werde der BN klagen, verbreitete er publikumswirksam auf allen Kanälen.

 

Statt der grünen Acht ein Pseudo-Natur-Lehrpfad

Dass der Kreis reagieren würde war klar – dass er aber ein Jahr später in allen Punkten total einknickt, da waren doch viele verwundert. „Wir als untere Naturschutzbehörde könnten hier jederzeit bauen“, unterstrich Bayerstorfer die Rechtslage. „Dennoch haben wir so viele Anregungen der Bürger erhalten, die wir natürlich sehr gerne einbauen!“
Ergebnis des „Ideen-Einbaus“ ist, dass es jetzt keine Wasserwachtstation gibt, nur noch ein Räumchen für eine Rettungsliege (nicht in der Toilette, wie beabsichtigt, sondern nach mehreren Bürgervorschlägen in einem Nebenraum) sowie einen breiter Anfahrtssweg für ein Rettungsfahrzeug. Steg, Terrasse oder Plattform wurden ebenso gestrichen wie die Ufer-Modellierungen und der neue Kinderspielplatz. Gebaut werden soll allerdings noch eine moderne Toilettenanlage, ein neuer Einstieg in den See – und der Natur-Lehrpfad als Attraktion für die zeltenden Jugendlichen: etwa 1,20 Meter breit schlängelt er sich durchs Unterholz entlang des Sees bis zur vorbeifließenden Dorfen. Jedoch nicht etwa zwischen den Bäumen und von Hinweisschild zu Täfelchen auf 250 Meter Länge, sondern kerzengerade durchs Unterholz. Fürdiesen „Natur“-Lehrpfad, müssen daher 27 große, gesunde Bäume gefällt werden. „Das ist doch ein Witz“, schimpft Kiosk-Guru Heini Link, „da lässt man am großen See den Weg jahrelang zuwachsen und verwildern, der würde sich ideal anbieten gemeinsam mit dem Trampelpfad um unseren See. Dort könnte man das altertümliche Torfstechen zeigen, hätte eine schöne grüne Acht um beide Teiche, kein einziger Baum müsste dran glauben.“
Tobias Ehnes vom Landschaftsarchitektur-Büro Narr-Rist-Türk betonte, „dass nun keinerlei Fledermäuse mehr tangiert würden, auch andere geschützte Arten oder Biotope sind von unseren Planungen nicht mehr betroffen.“ Jetzt soll es endlich Toiletten, Wasser und Strom geben Für die neue Toilettenanlage und das benachbarte Gebäude des Jugendzeltplatzes will man zwei Klein-Kläranlagen bauen, die Frischwasser-Leitung wird ebenso wie das Stromkabel von der Straße ED 7 zum See gezogen (denn seit fast 50 Jahren betreibt Heini Link zwar ein Kiosk am See, hat aber keine Wasser-, Abwasser- oder Stromleitung).
Zeitgleich könnten immer 50 Jugendliche bis 16 Jahren am See zelten, das Landratsamt erwartet ab dem Sommer 2019 vor allem in den bairischen Ferien und speziell an den Wochenenden dort Betrieb.
Allen kann man es nie recht machen Doch auch mit dem neuen Konzept sind keineswegs alle
Kritiker besänftigt. Bei der sehr gut besuchten Bürgerversammlung in Notzing beklagten sich
viele über das komplette Streichen der Wasserwachtstation. „Warten wir, bis einer ertrinkt?“,
fragten einige. Andere fanden die ursprüngliche Idee der Stege in den See richtig gut, „jetzt gibt es gar keinen mehr!“ Eine ältere Dame hätte gerne breite, sichere Einstiege, „anstelle der glitschigen Steine“. Ein junger Papa will einen schönen, neuen Spielbereich, der jetzige ist doch erbärmlich.“ Landrat Bayerstorfer konnte die erneute geballte Kritik nicht ganz nachvollziehen. „Die Signale der Bürger waren doch ganz klar: Der See soll naturnah so wie jetzt erhalten bleiben. Viele schimpfen dennoch: „Seit Jahrzehnten warten wir auf vernünftige Toiletten statt Dixie-Klos, auf gescheite Einstiege und schon lange auf einen schönen Kinder-Spielplatz. Sollen wir dafür jetzt danke sagen, dass der Landkreis nach so langer Planung nichts
macht als gerademal das dringend Notwendige?“

 

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