Müllfrei in kleinen Schritten

Eine Familie ohne Hausmülltonne

 

 

Meine Zeilen, die ich hier schreibe, hacke ich in eine Tastatur aus Plastik. Der Spitzer für meine Bleistifte ist aus Plastik. Meine auf Papier in einem Drucker aus Plastik ausgedruckten Seiten habe ich in einer Plasikfolie gesammelt. Meine Taschentücher sind in einer Plastikhülle, meine Handcreme ist in einer Plastiktube. Mein Kugelschreiber, mit dem ich meine Gedanken notiert habe ist aus Holz. Heute mache ich mir mal Gedanken darüber, wie viele Plastik-Produkten wir täglich in die Hand nehmen. Morgens beim Zähneputzen und Duschen geht’s schon los. Jeder einzelne von uns verbraucht pro Jahr durchschnittlich 37 kg Plastik allein aus Verpackungsmüll, nur drei Nationen brauchen noch mehr: die Iren mit 61 Kilogramm, Luxemburger (52kg) und Esten (46,5). Insgesamt verbraucht Deutschland jährlich  rund 12 Millionen Tonnen mit steigender Tendenz. Während in der EU die Menge des Plastikmülls von 2005 bis 2015 um zwölf Prozent gestiegen ist, kann Deutschland gar einen Zuwachs um ein Drittel verzeichnen. Seit 1950 hat die Menschheit 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff aus Erdöl erzeugt, 600 Millionen Tonnen davon wurden tatsächlich recycelt, 800 Mio. Tonnen verbrannt.
8,3 Milliarden Tonnen, das ist eine schier unfassbare Zahl, die man sich aber durchaus vorstellen kann, denn sie entspricht der Masse von 80 Millionen Blauwalen, einer Milliarde Elefanten, 25.000 Empire State Buildings oder 822.000 Eiffeltürmen. Willkommen, wir leben in der Plastik-Ära!

Doch Plastik verrottet nicht und hat gefährliche Auswirkungen auf unsere Gesundheit und die Natur. Neben den gesundheitlichen Folgen für uns, wenn wir die Mikro-Teilchen etwa über die Haut oder die Ernährung aufnehmen, leidet ganz besonders die Tierwelt unter dem vielen Plastikmüll, der früher oder später in die Ozeane gelangt. Jährlich „schütten“ wir zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik ins Meer, die in derzeit fünf riesigen Müllstrudeln treiben und in immer kleinere Partikel zerbrechen. Rechnet man diesen Irrsinn hoch, könnte im Jahr 2050 dreimal mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische.

35 Prozent des weltweiten Plastik-Verbrauchs sind alleine auf Verpackungen zurückzuführen. Dagegen kann jeder Einzelne etwas tun. So wie etwa die Olchingerin Daniela Schnagl-Vitak, die den Restmüll ihres Vier-Personen Haushaltes in eineinhalb Jahren annähernd gen Null reduziert hat. Gelbe Säcke braucht sie keine, „die schwarze Hausmülltonne brauche ich auch nicht und werde sie bald zurück geben“, so Schnagl-Vitak. Doch wie geht das? Lebt diese Familie ausschließlich „im Verzicht“? Initialzündung zum Projekt mit weniger Müll zu leben war, „dass ich von der Menge an Verpackungsabfall beim Einkauf von Obst und Gemüse derart genervt war, dass ich mal klein angefangen habe.“ Klein anfangen, das hieß für sie, Obst und Gemüse lose beim regionalen Bauern oder in den entsprechenden Läden einzukaufen, die eben keine Folie drum rumwickeln. „Das ist weniger schwierig, als man denkt. Ich habe es in einen der leichten Obst-Stoffbeutel gepackt, damit die beim Wiegen an der Kasse nicht rumkullern.“ Zudem sind etwa 67 Prozent der Lebensmittel in Plastik verpackt sind, also hat sie bei der Wurst und dem Käse weiter gemacht. „Ich bin mit meinen Schüsseln beim Metzger angerückt. Die wiegen auf ihrem Papier ab und dann kommt es in meine mitgebrachten Behälter hinein. Ganz einfach“,  versichert sie. Milchprodukte kauft sie im Glas. Weiter ging es mit den Verpackungen im Bad und bei den Reinigern. „Eine Flasche Klo-Reiniger stellt sie für neun Cent selbst her mit Stärke, Zitronensäure, Natron und Lavendel- oder Zitronenöl als Duftgeber.  Duschgels und Schampoos in Plastik hat sie verbannt, stellt sie entweder selber her oder kauft nur solche, die es im Glas gibt.  Schnagl-Vitak macht mittlerweile sogar ihre Zahnpasta selber, die Wäsche wäscht sie mit getrockneten und geriebenen Kastanien. Viele Tipps und Rezepte habe sie sich aus dem Internet geholt, „eine meiner Lieblingsseiten ist das Ideenportal smarticular.net“. Wenn es gar nicht ohne Verpackung geht, dann kauft sie Großpackungen. „Von heute auf morgen müllfrei zu leben geht nicht, man sollte dort anfangen, wo es einem am meisten stört und auch, wo es am einfachsten fällt. Am Einkaufssackerl kann jeder anfangen!“ Schraubgläser eignen sich hervorragend zum Lagern oder Transportieren, man könne die Plastik-Brotdose gegen eine Edelstahl-Dose tauschen, Kaffee-ToGo mit Alu-Thermobechern anstelle von Plastik-Bechern verwenden, Müllbeutel aus abbaubarer Maisstärke anstatt aus Plastik in den Mülleimer stecken, Röstkaffee anstatt Kaffeekapseln, Spülbürsten aus Holz. Das alles ist ganz einfach und besteht aus vielen kleinen Schritten. Wiederverwenden, selber machen und hinterfragen, das hätte ihr und ihrer Familie sehr viel gebracht. „Wir haben nur gewonnnen“, ist sich Schnagl-Vitak sicher.  

 

Die durchschnittliche Gebrauchsdauer für eine Plastik-Tüte in Deutschland liegt bei 25 Minuten

Jährlich verenden etwa 1.000.000 Seevögel und 100.000 Meeressäuger durch den Kontakt mit unserem Plastik-Müll.

Eine Plastikflasche benötigt 450 Jahre im Meer, um sich zu zersetzen. Dabei löst sich das Plastik allerdings nur in kleinere, kaum sichtbare Plastik-Teilchen auf.

10 Prozent des Plastiks im Ozean sind Mikroplastik-Pellets, die genauso aussehen wie Fischeier. Das Plastik saugt zusätzlich ölige Schadstoffe wie Pestizide und Herbizide aus der Landwirtschaft auf.

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