Husten, Schnupfen – Notaufnahme?

 

Genau 24.800 Menschen kamen im vergangenen Jahr in die Notaufnahme des Klinikums Erding. Das waren vier Prozent weniger als noch 2016, doch die meisten, die kamen, waren entweder keine Notfälle oder sie waren unzufrieden über die oft sehr langen Wartezeiten. Es ist das gleiche Problem in den Notstationen aller deutschen Krankenhäuser: Hausärzte, die alle gemeinsam geschlossen haben. Fachärzte, die keine Termine frei haben. Patienten mit Schmerzen oder starkem Unwohlsein, die nicht wissen wohin mit ihrem Leid. Unkenntnis in der Bevölkerung über Bereitschaftspraxen und die Telefon-Nummer 116117. Also ab in die Notaufnahme, egal zu welcher Uhrzeit. Dort ballen sie sich: die echten Notfälle und die Lappalien, schimpfen, wüten und zornen über ewige Wartezeiten. Das extrem freundliche Personal in der Erdinger Notaufnahme (wie überall aus Kostengründen nur sehr knapp besetzt) bekommt diese Wut voll ab – muss gleichzeitig echten Notfällen helfen. Zudem verursacht jeder ambulante Patient in der Notaufnahme enorm hohe Kosten, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. Eine Lösung für dieses Dilemma, das sich Jahr für Jahr verstärkt, hat keiner!

Eine Reportage aus der Notaufnahme im Klinikum Erding.

 

Nur zwei Böller-Verletzungen, aber viel Alkohol-Auswirkungen

Peter kommt in der Silvesternacht, morgens um halb zwei, zu Fuß in die Notaufnahme marschiert. Seine rechte Hand blutet stark. „Ich habe nicht aufgepasst, da ist mir ein Böller in der Hand explodiert“, erzählt er fröhlich, leicht alkoholisiert, während Assistenzarzt Dr. Felix Förscher seine Wunden säubert, näht und verbindet. „Glück gehabt“, meint der Arzt, „nur Riss- und Quetschwunden, nichts Schlimmes, in ein paar Tagen zum Hausarzt zum Fäden ziehen!“ Peter bedankt sich höflich, „jetzt geht’s ins Bett, kein Bock mehr zum Feiern“, sagt er, seine dick einbandagierte Hand schwenkend. Er war einer von drei Männern in der Nacht des Jahreswechsels mit typischen Feuerwerksverletzungen. Weil sie so früh dran waren, kamen sie sofort und ohne Wartezeit dran.

Eine Stunde später sieht das schon anders aus, da haben Pfleger Patrick, Krankenschwester Sabrina, Schwesternschülerin Michaela sowie die beiden jungen Assistenzärzte, Internist Andreas Huber und Chirurg Felix Förscher, bis zum frühen Morgen alle Hände voll zu tun. Meist sind es die Auswirkungen von zu viel Alkohol: eine Kopf-Platzwunde, eine polizeiliche Blutentnahme, ein Fenstersturz, eine weinende Frau mit blauem Auge und Platzwunden nach häuslicher Gewalt. Dazu ein Mann, der seit zwei Wochen Husten hat, eine Frau mit Kreislaufproblemen und zwei Patienten mit Herzbeschwerden. Sie alle (bis auf die Blutentnahme der Polizei) wurden im Viertelstundentakt angeliefert von den beiden Sanitätern Werner und Daniel. „Diese Nacht war insgesamt in Ordnung, kein Patient musste lange warten“, sagt Krankenpfleger Patrick. Er hatte an Weihnachten frei, aber jedes zweite Wochenende muss ein Pfleger oder eine Schwester ran für einen Nacht- oder Wochenenddienst. Berufsalltag! In der Silvesternacht waren fast alle Patienten höflich und dankbar.

 

Aggressive Patienten, trotz sehr nettem Personal

Am vorletzten Tag des alten Jahres, da war die Situation eine völlig andere, erzählen Schwestern und Pfleger. 20 sind es insgesamt, die in der Erdinger Notaufnahme im Drei-Schicht-System arbeiten. Die Mindestbesetzung sind drei Pflegekräfte im Frühdienst, drei im Spät-, einer im Zwischen- sowie zwei im Nachtdienst. Am 30. Dezember, einem Samstag, da waren den ganzen Tag über sämtliche Sitzplätze eng belegt, die Menschen standen in langen Reihen hintereinander und warteten. Sie warteten lange! Einige bis zu sechs, sieben Stunden. Viele husteten, jede Menge hatten Schnupfen, Hals- und Kopfweh, ein Teil auch Fieber. Aber es waren auch welche dabei, die ihre Krankschreibung verlängern wollten. Eine junge Frau hat seit zwei Monaten Probleme mit dem Sprunggelenk. Der Rentner wollte sich eine Spritze gegen Grippe geben lassen. Dazwischen der junge Bursche, der mit seiner Freundin da war und am Abend vorher rauschbedingt, optisch deutlich sichtbar, eine Schlägerei hatte. Bei der Polizei wollte er eine Anzeige machen, die Beamten sagten ihm, er benötige dafür ein Attest von einem Arzt. Doch am 30. Dezember gab es keine offene Praxis in und um Erding. Also marschierte das Pärchen direkt in die Krankenhaus-Notaufnahme. Mit seinem Attest-Wunsch und den paar blauen Flecken war er natürlich kein Notfall – also erhielt er das Prädikat „blau“ – Wartezeit unbegrenzt! So begann der junge Mann nach einer Stunde zu stänkern, immer lauter, bis er nach unflätig herumbrüllte, dass es eine unglaubliche Unverschämtheit sei, dass man ihn so lange warten lasse. Er drohte mit einer Klage und den Schwestern mit Schlägen, wenn sie ihn nicht endlich drannehmen.

 

Die Dringlichkeit bestimmt die Reihenfolge

„Bei uns in der Notaufnahme geht es nicht darum, wer zuerst kommt und dann wird wie beim Hausarzt einer nach dem anderen abgearbeitet. Sondern unser erfahrenes Team in der Steuerzentrale entscheidet nach einem objektiven Ersteinschätzungssystem, wer wann drankommen muss!“, erklärt Dr. Wulf-Joachim Altenberger. Der gebürtige Schweinfurter ist seit 1996 Leiter der Notaufnahme im Erdinger Klinikum. „Steuerzentrale“, so nennen sie den Glaskasten im Empfangsbereich mit den vielen Computerbildschirmen, Formularen und Druckern. Erfahrene Pfleger und Schwestern versuchen sicherzustellen, entweder nach dem ESI (Emergency Severity Index), oder dem MTS (Manchester Triage System), dass die Patienten schnell nach dem Schweregrad ihrer Erkrankung zu versorgen. Wenn es gut läuft (ohne echte Notfälle nach Unfällen oder Herzinfarkten), sollte eigentlich jeder Patient nach spätestens zwei Stunden mit dem Arzt gesprochen haben.

 

Unverständnis über viel zu wenig Personal

Ein Samstag Mitte Januar. Die Bereitschaftspraxis im Erdgeschoss ist von morgens um 9 bis abends um 21 Uhr immer ziemlich gut besucht, ständig warten acht bis zehn Patienten, keiner länger als eine dreiviertel Stunde. Starke Erkältung, extremes Kopfweh, seit zwei Tagen Bauchschmerzen, hohes Fieber, Ellenbogen verletzt beim Skifahren, Sprunggelenk umgeknickt beim Kicken in der Halle. Dann ein älteres Paar, er 85 Jahre, sehr rüstig, aber mit Herzproblemen seit Jahren. „Ich war schon beim Hausarzt am Donnerstag, aber es wurde immer schlimmer heute Nacht. Meine Frau wollte im Dunkeln nicht Autofahren, also kommen wir jetzt“, berichtet der Senior. Er hat schon seine Tasche dabei, erwartet, dass ihn der Bereitschaftsarzt zum EKG und weiteren Herzuntersuchungen in die Klinik einweist oder in die Notaufnahme schickt. „Aber das wird heute wohl noch lange dauern“, befürchtet er.

Eine Etage höher in der Notaufnahme: Brütende Hitze im Wartebereich, eine Dame wurde wegen extrem starken Husten von der Bereitschaftsärztin hochgeschickt. Ihr geht es elend, sie wartet seit vier Stunden, hat großen Durst, der Wasserspender gurgelt vor sich hin, hat aber hat keine Becher. Sie war schon zwei Mal bei den Schwestern in der „Steuerungszentrale“, bat um eine rasche Behandlung. Der Mann neben ihr wartet seit fünfeinhalb Stunden, bei ihm wurde wenigstens schon Blut abgenommen, nun erwartet er seine Laborergebnisse, muss danach zum Röntgen und Ultraschall. Er ist relativ ruhig, im Gegensatz zu zwei Frauen. „Meine Mama ist 86, die wurde um halb zwölf mit dem Sanka zu Hause abgeholt als Notfall. Jetzt ist es kurz vor 16 Uhr und sie wartet noch immer auf den Arzt! Und ich darf nicht einmal zu ihr, das gibt’s doch gar nicht“, ärgert sie sich. Während sie erzählt kommt zwei Mal der Krankenwagen und bringt Patienten, ein Fußballer mit dickem Knöchel humpelt in den Wartebereich, „wahrscheinlich die Bänder gerissen“, meint er unter Schmerzen. Eine zweite Frau berichtet: „Mein Papa ist über 80 und fiel in seiner Wohnung um. Weil er einen Notfall-Piepser hat, kam der Krankenwagen sofort. Jetzt sitze ich hier seit zwei Stunden und darf nicht zu ihm. Doch er ist stark dement, kann keinerlei sinnvolle Antwort geben. Was soll das?“, schüttelt sie den Kopf.

Einig sind sich alle, dass das Personal nett, freundlich und kompetent sei. „Doch die sind viel zu wenig, die Wartezeiten einfach unendlich lang“, sagt eine Frau. Die Nummer der Bereitschaft 116117 kennen sie alle. „Da brauchst gar nicht anrufen, da hängst zwei Stunden in der Warteschleife!“, behauptet ein Mann. „Und wenn ein Arzt nach ein paar Stunden heimkommt, kann er nichts machen: Kein Blut abnehmen, kein Ultraschall – also schickt er uns in die Notaufnahme, und das geht dann auch nicht schneller, als wenn ich gleich hierher fahre!“ Dazwischen kommt ein weinendes Mädchen, vielleicht, zehn zwölf Jahre, mit ihrer Mama in den Wartebereich. Beim Skifahren hat sie sich sehr wahrscheinlich den Arm gebrochen. Auch sie sitzt jetzt erstmal mit großen Schmerzen und muss lange warten. „Wir alle hätten am Samstag Nachmittag etwas Besseres zu tun, als stundenlang im Krankenhaus zu sitzen – da ist kein einziger Simulant oder Lappalie dabei. Damit wollen die Verantwortlichen nur ablenken, dass es viel zu wenig Personal gibt!“, schimpft eine Frau lautstark, die anderen nicken energisch.

 

Was soll der Kranke tun?

Woher kommt die „Da gehen wir ins Krankenhaus“-Mentalität? Es treffen einige Aspekte zusammen: Sämtliche Haus- und Allgemeinärzte schließen ihre Praxen ab Freitag Nachmittag bis Montag. Zwischen dem 18. Dezember und dem 8. Januar (also drei Wochen lang!) hatte in und um Erding kein Hausarzt geöffnet. Auch die Behauptung der „Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (kvb)“ - sie vertritt die Interessen der 27.550 in Bayern niedergelassenen Ärzte - dass jeder Kassen-Patient spätestens nach vier Wochen einen Termin beim Facharzt habe, stimmt einfach nicht! Zahlreiche Befragungen und Tests haben ergeben, dass der normale Kassen-Patient sechs bis acht Wochen warten muss!

Ein zweiter Aspekt ist, dass die früher normale Hemmschwelle, ins Krankenhaus, gar in die Notaufnahme, zu gehen, bei vielen Menschen völlig fehlt. Betrunkene Jugendliche wurden früher von ihren Eltern mit einem Eimer vor dem Bett „geheilt“. Bei normalen Schmerzen wurden Salben, Umschläge oder Tabletten eingesetzt – heute geht’s in die Notfallaufnahme.

Hinzu kommt bei vielen „Kranken“ die Eigendiagnose von Dr.med. Google: Welche schlimme, wenn nicht gar fast tödliche Krankheit könnte es sein, wenn ich schon eine Woche Husten oder zehn Tage Kreuzschmerzen habe? Auf welche furchtbare Malaise deutet meine Schlafstörung oder regelmäßige Blähungen hin? Der voll ausdiagnostizierte Kranke benötigt nun dringend einen Arzt, der ihm seine Diagnose bestätigt. Der Mensch mit Schmerzen will subito zu einem Mediziner. Weil: Das steht mir bei den hohen Kassenbeiträgen zu!
Die exzellente deutsche Klinik-Alltag hat ungewollt auch mit dazu beigetragen: Wenn sich reiche Patienten aus der ganzen Welt in Deutschland behandeln und operieren lassen, dann nehme ich auch mal ein paar Stunden des Wartens in Kauf. Denn dann habe ich mein umfassendes Blutbild oder sämtliche möglichen Durchleuchtungs-Apparaturen durchlaufen, auf die ich bei Fachärzten Wochen bis Monate gewartet hätte. Alles Wichtige ist dann abgeklärt, das ist bequem, trotz Warten - blockiert aber echte Notfälle.

Die Menschen wollen heute eine 24-Stunden-Rundumversorgung und sie wollen alles gleich haben – oder zumindest dann, wenn es in ihren eigenen Zeitplan passt.

 

Das Bereitschaftspraxis-Prinzip hakt

Seit vielen Jahren gibt es zwar die kostenlose Telefonnummer 116117 der kvb (über die jeder rasch einen Arzt an der Strippe, zur Not bei sich zu Hause oder auch in einer Bereitschaftspraxis vor sich hätte). Doch diese Nummer kennen viele nicht! Die zugehörige Bereitschaftspraxis im Klinikum Erding ist auch nicht deutlich ausgeschildert. Hinzu kommt, dass es ganz von der (nicht medizinisch ausgebildeten) Person an der Pforte im Klinikum abhängt, ob ein Hilfesuchender erst nach links um die Ecke zum Bereitschaftsarzt oder gleich eine Etage höher in die Notaufnahme geschickt wird. Schiebt zudem in der Bereitschaftspraxis in Ohren-, Frauen- oder Augenarzt, Psychologe oder Hautarzt Dienst, dann ädern sich die „Notfälle“ drastisch: Laut dem Notaufnahme-Personal schicken diese „Notfall-Laien“ jeden mit starker Erkältung oder kleiner Wunde – auch wenn sie keineswegs geröntgt oder genäht werden muss – weiter in die Notaufnahme.

Die füllt sich so immer mehr, ist dafür aber eben nicht ausgelegt.

 

Der ambulante Kranke verursacht hohe Kosten

In der Notaufnahme ärgert sich der selbst diagnostizierte „Schwerkranke“, weil ihn das medizinische Fachpersonal nicht als mit dem Tode ringend einstuft, sondern zwei, drei, vier Stunden warten lässt. „Wir verstehen in der Notaufnahme unter Notfall und Schmerzen etwas anderes als der normale Patient!“, betont Abteilungschef Altenberger. Sein Team wiederum ärgert sich, weil die Husten-, Schnupfen-, Attest- und Kopfweh-Fraktion mittlerweile über die Hälfte der Patienten ausmacht. Dadurch fehlt Zeit und Ruhe für die wirklichen Notfälle.

Zudem verursachen Bagatell-Fälle extrem hohe Kosten, auf denen das Krankenhaus sitzen bleibt: „Wir können für jeden Patient, den wir nur ambulant behandeln, 23 Euro bei der Krankenkasse abrechnen. Obwohl er Kosten von mindestens 100 Euro verursacht: für Personal und Technik, die vorhanden sein müssen, für die Verwaltung. Wenn wir röntgen müssen, ein CT oder ein umfassendes Blutbild machen, dann kostet das ein paar Hundert Euro – wenn wir trotzdem nichts Großes finden und ihn heimschicken, können wir doch nur 23 Euro abrechnen, egal ob morgens um 9 oder nachts um 3 Uhr. So entsteht durch immer mehr Lappalien ein immer größeres Defizit“, berichtet Altenberger. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft schätzt jährliche Kosten von weit über einer Milliarde Euro, die so den 1.951 deutschen Krankenhäusern fehlen. In Erding verursachten die ambulanten Patienten der Notaufnahme im Jahr 2017 ein Defizit von 1 Million Euro. „Aber der Landkreis und ich persönlich, wir stehen zu unserer Notaufnahme! Wir werden keinen heimschicken, der sich in akuter Not befindet – auch wenn wir viel Geld sparen könnten“, betont Landrat Martin Bayerstorfer. Klinik-Vorstand Sandor Mohacsi ergänzt, dass man das knappe Personal deutlich ausbauen werde. „Vor zwei Jahren gab es einen festen Arzt, der Rest rotierte aus den anderen Abteilungen. Ab 1. April werden wir fünf Vollzeit-Stellen für Ärzte haben und bilden ein eigenes Notfall-Ärzteteam aus!“

Böse Zungen behaupten, viele Notaufnahmen würden Patienten mit Kleinigkeiten stationär aufnehmen, um so ihr Defizit zu senken. Notfall-Chef Altenberger weist dies für Erding entschieden zurück.

 

Heimgeschickt wird keiner

„Wir als Schwestern und Pfleger bekommen den ganzen Ärger vieler Patienten ab. Das ist manchmal sehr frustrierend, angesichts der vielen Nacht- und Wochenenddienste, die wir haben. Auch wenn‘s fast immer viel Spaß macht und wir den Menschen helfen können. Diese Wut, dieser Zorn von vielen, das ist nicht schön!“, sagt Schwester Annette. Ihre Kolleginnen nicken. „Fast schon zwei Drittel der Patienten hat bei uns nichts verloren. Die könnten zwei Tage später zum Hausarzt gehen. So lange die Bereitschaftspraxis offen hat, schicken wir die auch erst mal dahin – aber nach 21 Uhr schicken keinen heim, versuchen jedem zu helfen. Trotzdem sind viele wütend auf uns!“

Geholfen haben sie auch der Frau, die an einem Sonntag in gut gefüllten Notaufnahme auftauchte und sagte, ihr sei total schwindelig, sie habe rasend Kopfschmerzen, einen irre hohen Puls und Atemnot. Das klang dramatisch, schnell waren ein Arzt und zwei Schwestern bei ihr, der Verdacht auf Herzinfarkt lag nahe. Das Ergebnis: Blutdruck völlig normal, ebenso der Puls, beim Abhören der Lunge war nichts festzustellen. Zur großen Enttäuschung der Patientin wurde sie als „grün“ eingestuft – Wartezeit Minimum zwei Stunden bis zur intensiven Untersuchung. Oder der kleine Alexander, fünf Jahre alt. Mit seinen Eltern und den Brüdern Niklas (6) und Lukas (10) war er beim Planschen in der Therme Erding und schlug sich das Kinn auf, blutete kräftig. Der Thermen-Sani verpflichtete die Eltern dazu, dass sie in die Notaufnahme des Krankenhaues müssten. Dort wurde aus dem „Notfall“ Alexander nach einer Stunde Wartezeit ein großes Dino-Pflaster auf dem Kinn.

 

Das starke Erdinger Team

Chirurg Dr. Wulf-Joachim Altenberger ist als Arzt ein erfahrener Haudegen. Er hat die Notaufnahme in Erding mit aufgebaut und leitet sie seit 22 Jahren. Allein daran, wie nett Altenberger auch mit den jüngsten Lern-Schwestern und Praktikanten in seinem Team umgeht (und immer vom „Team“ spricht, nie von sich selbst), ebenso sein Kollegen für die Innere Medizin, Dr. Thorsten Radons, sieht man, welcher Geist in der Erdinger Notaufnahme herrscht: freundlich, dienstleistend, kompetent. Es gibt kaum Personal-Fluktuation, trotz der vielen Nacht- und Wochenenddienste, alle Pfleger und Schwestern lobten den Team-Spirit, die Zusammenarbeit mit den Ärzten und mit den meisten Patienten. Nur im echten Notfall wird es hektischer und lauter. Aber das Team ist gut eingespielt, die Technik in Erding sowieso auf dem neuesten Stand. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass einmal ein Patient in der Notaufnahme gestorben wäre. Das soll auch so bleiben!“, unterstreicht Altenberger. Nur die ständig steigenden Bagatell-Fälle, das ist ein echtes Problem.

 

Die Wunder-Nummer 116117

Um dem Dilemma der mit Nicht-Notfällen überfüllten Notaufnahmen zu begegnen, hat die kvb die kostenlose Telefonnummer 116117 eingerichtet. Wer anruft, hat schnell Fachpersonal an der Strippe. Bei einem wirklich kritischen, lebensbedrohlichen Fall (das sind aber nur 3 Prozent), wird sofort zur Rettungsleitstelle weiter vermittelt. Dort sitzt ein ausgebildeter Rettungssanitäter der darüber entscheidet, ob der Krankenwagen samt Notarzt sofort zum Anrufer losfährt.

Die restlichen Anrufer der Nummer 116117 werden gebeten, die Bereitschafts-Praxis der kvb im Klinikum Erding aufzusuchen. Die hat jeden Abend bis 20 oder 21 Uhr sowie tagsüber an den Wochenenden geöffnet. Diese Möglichkeit nutzen in Erding jeden Tag etwa 20 bis 25 Menschen, am Samstag oder Sonntag sind es aber auch schon mal 80 bis 100. Jeden Monat kommen rund 1000 Hilfesuchende in die Bereitschaftspraxis. Hier sitzt ein niedergelassener Arzt (Ohren-, Augen- und Frauenärzte werden ebenso herangezogen wie Orthopäden oder Allgemeinärzte – echte „Notfallärzte“ gibt es in Deutschland nicht, aber alle Mediziner haben das gleiche medizinische Grundstudium), der versucht ohne Röntgen, CT, Nähen oder Gipsen zu helfen. Oft beruhigt er den Patienten, schreibt ein Rezept und schickt ihn zum Hausarzt ein paar Tage später. Offiziell werden nur 20 Prozent der Fälle in die Notaufnahme weiter geschickt, aber das hängt sehr stark vom Arzt ab.

Dritte Möglichkeit beim Anruf der 116117, wenn ein Patient zwar kein Notfall ist, aber auch nicht in die Bereitschaftspraxis kommen kann: Dann kommt ein Arzt zum Hausbesuch mit dem Fahrdienst. Das kann einige Stunden dauern, denn das Gebiet der Fahrdienst-Ärzte ist deutlich größer als der Landkreis.

 

Laut Deutschem Ärzteblatt strömen mittlerweile jedes Jahr über 25 Millionen Menschen in die Notaufnahmen der 1.951 deutschen Krankenhäuser. In die Notaufnahme, wo es eigentlich um Leben und Tod geht! „Bis vor etwa zehn Jahren kamen auch nur wirklich Notfälle zu uns“, sagt Schwester Annette, die bereits seit 1993 in der Erdinger Notaufnahme tätig ist. Für ältere Menschen über 60 Jahre gelte das noch immer, die kämen nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Vorher wird mit alten Hausmitteln versucht, das Fieber zu senken oder Schmerzen zu lindern. „Wadenwickel gegen Fieber, feuchtwarme Waschlappen gegen Ohrenschmerzen, mal ein, zwei Schmerztabletten gegen Kopf- oder Kreuzweh. Das kennen die Jungen alle nicht mehr, die kommen mit jeder Kleinigkeit gleich zu uns – dabei haben sie hier oft nichts verloren!“, sagen die Erdinger Schwestern und Pfleger.

 

Statistik der Erdinger Notaufnahme

5 Einzel-, 2 Doppel-Behandlungsräume darin integriert

1 Schockraum (wenn es um Leben und Tod geht)

2 feste Ärzte am Tag, zwei Assistenzärzte nachts und am Wochenende

20 Pfleger und Schwestern (immer 3 im Früh-, 3 Spät-, 1 im Zwischen und 3 im Nachdienst)

Knapp 25.000 Patienten kommen im Jahr in die Notaufnahme Erding (Landkreis: rund 31.000), über die Hälfte sind keine Notfälle, hätten auch ein, zwei Tage später zum Hausarzt gehen können.

kvb-Praxis Erding: Jeden Monat werden hier rund 1000 Menschen vorstellig, etwa ein Fünftel von ihnen werden von den dort tätigen Ärzten in die Notaufnahme weiter geschickt.

 

Lösungsansätze

Was kann man gegen das Problem der verstopften Notaufnahmen tun? Auf alle Fälle, die Telefon-Nummer 116117 bekannter machen und die Bereitschaftspraxen im Krankenhaus Erding. Einige Pfleger regten an, dass es das Schulfach „Gesundheitsvorsorge“ geben müsse, in dem jeder lerne, wie er  sich bei einfachen Problemen, auch mit alten und bewährten Hausmitteln selbst helfen kann. Notfall-Ärzte empfehlen eine Notfall-Gebühr in Höhe von 50 Euro, die jeder bezahlen muss, wenn er in die Notaufnahme kommt. Das deckt ein wenig mehr die Kosten. Wer tatsächlich ein Notfall ist, bekommt das Geld zurück. Eine andere Möglichkeit wäre, dass kein Patient mehr selbstständig in die Notaufnahme marschieren darf, ohne dass ihn medizinisches Fachpersonal ausdrücklich dort hin schickt.

 

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