Der Ultra-Feinstaub-Skandal, der keiner sein darf

Experten und Bürgerverein werden trotz dramatischer Zahlen lächerlich gemacht

 

Allgegenwärtig um uns sind immer Unmengen von Teilchen, kleinere und größere: Wasserdampf, Gase, Staub, Verbrennungs-Rückstände. Die kleinsten, unter 100 Nanometer, heißen Ultrafeinstaub oder UFP für ultra fine particles. Auf der Zugspitze sind es etwa 1000 Partikel in einem Würfel mit den Kantenlängen von einem Zentimeter. „Landluft“ hat 3.000 Partikel, eine Wohngegend gut 4.000, das ist auch der deutsche „Durchschnittswert“. Diese gleiche Wohngegend aber, fünf bis zehn Kilometer vom Flughafen entfernt, weist, wenn der Wind vom Airport kommt, dann 45.000 Partikel je Kubikzentimeter auf. Am schlimmsten dran sind jedoch der Fußballplatz in Marzling mit 75.000 Teilchen sowie als trauriger Spitzenreiter im Umland die Gemeinde Hallbergmoos mit bis zu 80.000 Partikel – also das 20-Fache des Durchschnitts! Doch das ist alles kein Vergleich mit dem Besucherhügel, dem MAC oder dem Frachtbereich auf dem Flughafen selbst. Da wurden schon bis zu 1.500.000 Teilchen in einem cm3 gemessen. Der Flughafen ist also der absolute UFP-Hotspot! Alle Werte wurden mehrfach gemessen vom Bürgerverein Freising (BV) mit den modernsten Geräten, die auch am Frankfurter, Stuttgarter oder Basler Flughafen zum Einsatz kommen und „Referenzwerte“ liefern. Doch trotz dieser Extremwerte gibt es keinen Aufschrei in den Kindergärten, Schulen und Sportvereinen des Umlands, dass ihre Kinder, Sportler, Bürger nicht weiter hochgradig vergiftet werden. Und genau da, wo es die allerhöchsten UFP-Werte gibt, auf dem Flughafen, da arbeiten Tausende, fliegen jeden Tag Zehntausende ab oder kommen an und exakt dort will der Flughafen sein neues Gewerbegebiet „LabCampus“ hinsetzen. Weder für die FMG noch die Staatsregierung existiert diese unglaubliche UFP-Belastung. Weil es eben nicht sein darf, um den schönen Schein nicht zu zerkratzen!

 

Keine Spinner, sondern besorgte Techniker

Der „Bürgerverein Freising zur Vermeidung von Lärm- und Schadstoffbelastung“ – übrigens keine Sammlung von verbohrten Ultra-Ökos, die gegen alles Moderne sind, sondern überwiegend Ingenieure und Universitäts-Professoren, die das Thema von der technischen, der messbaren Seiten angehen - will rund um den Flughafen in langfristigen Messungen belastbares Zahlenmaterial sammeln, so eindeutig nachweisen, wo und wann die Belastung durch die kleinen Partikel am höchsten ist. Doch – oh Wunder, wie schon bei der Automobilindustrie – der Münchner Flughafen weigert sich, solche Messungen durchzuführen! Und kann so einfach frech weiterbehaupten, es gebe ja gar keine Zahlen. Denn, so sagt die FMG, sie führt ja selbst seit 2015 Luftmessungen durch – und die seien alle in Ordnung, da gebe es keinerlei UFP-Belastung. „Nur“, sagt Prof. Wolfgang Rottmann vom BV, „diese Messstellen des Flughafens stehen alle südlich der Süd-Startbahn. Da Feinstaub und Emissionen speziell beim Start der Flugzeuge und deren Bodenbewegungen entstehen, Starts gegen die Windrichtung erfolgen, gibt es den meisten Abgasausstoß in Windrichtung. Da am Flughafen München der Wind zu fast 40 Prozent aus westlicher bis südlicher Richtung kommt, gibt es die hohen UFP-Werte vor allem im Norden und Nordosten“. Laut Rottmann sind die offiziellen Flughafen-Messergebnisse daher hochgradig irreführend.

 

Diesel = Ultrafeinstaub = kein Skandal!

Es ist schon erstaunlich: Es sind wieder die gleichen Personen aus der gleichen Partei!

Jahrelang haben sie den Diesel-Skandal erst gar nicht wahrgenommen (weil‘s ja gar nicht so schlimm ist), dann kleingeredet (haben doch nur ein paar wenige gemacht) und schließlich, nachdem klar ist, dass uns alle deutschen Automobil-Hersteller seit Jahren belügen, gemeinsam mit den betroffenen Betrügern eine „Lösung“ gefunden (natürlich im Sinne der so wichtigen deutschen Schlüsselindustrie, dass die nicht „belastet“ wird, denn sie will ja unsere Luft weiter belasten).

Die gleichen Handelnden mischen auch jetzt wieder an vorderster Front mit, um das Thema Ultrafeinstaub so klein wie nur irgendwie möglich zu halten. Erst sagten sie jahrelang, diese UFP-Belastung existiert gar nicht. Dann zweifelten sie die Messgeräte an, schließlich die handelnden Akteure des Bürgerverein Freising (BV) als inkompetent. Neueste Strategie ist zu behaupten, es gebe wohl irgendeine eine Belastung, aber keiner wisse doch, wie schlimm die ist. Der Freisinger Bundestagsabgeordnete Erich Irlstorfer (er sitzt in Berlin unter anderem im Gesundheitsausschuss!) weigert sich zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem BV zu kommen, um seine Sicht und die seiner Regierung darzulegen, weil er behauptet, es gibt keinen offiziellen Grenzwerte und daher sei auch überhaupt nicht gesichert, dass UFP krank machen. Sein Partei-Kollege, Staatsminister Florian Herrmann, wirft dem BV sogar „Panikmache“ vor, da es „keine eindeutigen epidemiologischen Studien“ zu UFP gebe. Der Bürgerverein, so Herrmann, „verunsichere Menschen, wenn er so tue, als gäbe es Grenzwerte, indem er einfach Zahlenwerte in den Raum stelle und damit suggeriere, diese Werte seien gefährlich“.

 

Es gibt seit 2001 Studien

Aussagekräftige Zahlen und Studien zu UFP gibt es sehr wohl! Bereits seit 2001 untersuchen Wissenschaftler auf der ganzen Welt die Auswirkungen von Ultrafeinstaub, wenn Menschen diesen einatmen. Die Ergebnisse sind erschreckend!

 

Ein Gramm Kerosin verbrennt zu 100 Milliarden Partikel

Flugzeuge haben im Gegensatz zu Autos (aus deren Verbrennungsabgasen ebenso UFP entstehen) keine Katalysatoren und Partikelfilter, das ist technisch nicht möglich. Täglich werden am Münchner Flughafen 500.000 Liter Kerosin (Flugbenzin) verbrannt: bei Starts, Landungen, vor allem aber beim Rollen zwischen den Terminals und Start-/Landebahnen. Ein Flugzeug verbringt 60 Prozent oder 26 Minuten seiner Zeit am Flughafen mit laufenden Turbinen stehend oder rollend auf dem Flugfeld. Das Flugzeug stößt dabei in einer Sekunde so viel UFP aus wie ein Auto, das 60 Kilometer weit fährt.

Ein Gramm Kerosin verbrennt zu rund 100 Milliarden Partikel in der Größe von 10 bis 50 Nanometer – eben genau zu UFP-Teilchen: Zu klein, als dass sie rasch zu Boden sinken und sich daher mit dem Wind sehr weit verbreiten, zu klein als dass sie von uns beim Atmen aufgehalten werden können und daher ganz tief in unsere Lungen eindringen – und dort Krankheiten auslösen können! Laut Oswald Rottmann vom BV Freising gibt es zahlreiche Untersuchungen, nach denen UFP fünf Mal gefährlicher sind als Stickoxide. „Bei Stickoxiden ist es aus unserer Sicht nachgewiesen, dass daran jedes Jahr 6000 Menschen vorzeitig sterben – nicht umsonst verhängen die ersten Städte Diesel-Fahrverbote ab 2019, um die Stickoxide zu reduzieren!“

 

Was wäre die Lösung?

Zunächst überrascht, wie tatenlos die Gemeinden Marzling, Freising und Hallbergmoos, in denen enorme UFP-Werte gemessen wurden, nach wie vor sind. Es gab weder Warnungen an Kindergärten oder Sportvereine, bei bestimmten Windrichtungen im verschlossenen Gebäude zu bleiben. Nur Hallbergmoos hat sich ein Messgerät angeschafft, um regelmäßig selbst zu messen. „Aus unserer Sicht gibt es nur eine Lösung um die UFP-Belastung deutlich zu reduzieren: Der Flugbetrieb muss drastisch eingeschränkt werden“, sagt Wolfgang Herrmann, stellvertretender Vorsitzender der BV. Da fast 30 Prozent aller Flüge von München Kurzflüge nach Nürnberg, Stuttgart oder Frankfurt sind, könnte man aus Sicht des Bürgervereins darauf total verzichten. „Der Zug wäre genauso schnell, nur wird er steuerlich nicht so bevorzugt wie die Fluggesellschaften und Flughäfen – Stichworte sind fehlende Kerosin-Steuer oder Direkt-Subventionen durch den Flughafen - daher sind die Zugbillets teurer als Flugtickets“, sagt Herrmann.

Wenn die Flugzeuge langsamer rollen würden entstünde weniger UFP, dann sind aber auch nur noch 45 statt wie bisher 90 Flugbewegungen stündlich möglich. Das wäre dann ja kein Problem, wenn die vielen Kurzstreckenflüge wegfallen. „Natürlich kann aber jeder von uns selbst beitragen: Ein Flug im Jahr muss reichen, nicht alle paar Wochen zum Kurztripp nach Malle oder London! Ich kann nicht über die gigantische UFP-Belastung schimpfen, wenn ich selbst mit ‘zig Flügen dazu beitrage!“, sagt Dr. Reinhard Kendlbacher, Vorsitzender der BV.

Selbstverständlich sind sie sich einig, dass auch aus dem UFP-Grund eine dritte Startbahn völlig idiotisch wäre.

 

Kasten 1

Bei jeder fossilen Verbrennung entstehen Ruß, Asche, Gase (u.a. Kohlendioxid und Kohlenmonoxid), Stickoxide und eben Feinstaub und Ultrafeinstaub.

Ultrafeinstaub (UFP) sind Feststoff-Teilchen, die kleiner sind als 100 nm

Wegen ihrer geringen Größe und Masse verhalten sie sich in der Luft ähnlich wie Gasmoleküle, werden sehr weit mit dem Wind getragen und setzen sich kaum ab.

Turbinen (Flugzeugtriebwerke) erzeugen UFP in sehr großem Umfang und Konzentration

UFPs können über die Lunge in den Körper und sogar in Zellen eindringen und sich dort anreichern.

 

Kasten 2

Ein Nanometer (nm) verhält sich zu einem Meter wie der Durchmesser einer 1-Cent-Münze zu dem des Erdballs. Ein Nanopartikel verhält sich zur Größe eines Fußballs etwa so wie ein Fußball zur Größe unseres Planeten Erde. Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter, ein Zehnmillionstel Zentimeter, ein Tausendmillionstel Meter, ein Milliardstel Meter.

 

Kasten 3

Ergebnisse der UFP-Langzeitstudien:

# Signifikante Zunahme Lungenschäden (Studie 2001)

# Anstieg der systemischen Entzündungen (2010)

# Toxizität (2010)

# Durch UFP werden Herzkranzgefäße und Lungenfunktion geschädigt (2015)

# UFP erhöht den Blutdruck (2015)

# Entzündungen und Blutgerinnung steigen deutlich (2015 und 2016)

# Atherosklerose (2016)

# Eindeutiger Zusammenhang mit Schlaganfall und Bluthochdruck (2017)

# UFP können Alzheimer auslösen (2018)

Welche Studien mit welchen Ergebnissen muss es noch geben??

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