Ohne Sumpfgebiet keine Kinder

Anton Euringer stellt „Die Landschaft im Wandel“ vor

 

 

In den letzten 50 Jahren sind drei Viertel aller Dorfreiher in Bayern verschwunden, knapp 80 Prozent der Insekten. Der Bestand der Wildbienen ist stark gefährdet, ebenso der Hasen, Rebhühner und Fasane. Von über im gesamten Erdinger Landkreis lebenden Graugänsen erfährt man nur noch aus Erzählungen, ebenso über hektargroße Flächen vom stengellosen Enzian.
„Die Landschaft ist im Wandel“, so der ehemalige Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, Anton Euringer. Und nach 40 Jahren Tätigkeit in dieser Position kennt er sich in seinem Erdinger Landkreis so gut aus wie kein anderer. Beim Gastvortrag des Landesverbandes für Vogelschutz in Fraunberg konnte er deshalb auch viele Entwicklungen aufzeigen. Wer Euringer kennt, weiß, dass er harte Fakten in einer ungemein unterhaltsamen Art zu vermitteln weiß, dadurch werden sie aber leider nicht weniger schlimm. Denn es ist der Mensch, der durch intensive Landwirtschaft und den Einsatz von Pestiziden Flora und Fauna die Lebensgrundlagen entzieht. Lebenswichtige Symbiosen zwischen Pflanze und Tier funktionieren nicht mehr. Das Fazit ist Artensterben. „Die Natur und die Landschaft wandelt sich schon immer, aber die Natur macht es so, dass keine Art dadurch gefährdet ist“, so Euringer. Hat der Mensch seine Hände im Spiel, schaue das ganz anders aus.
„Der ‚runde‘ Landkreis Erding hat vier Naturräume: Im Nordosten das tertiäre Hugelland, das Holzland mit seinem Hainbuchenwald, im Süden das Altmoränen-Gebiet mit den fruchtbaren Böden, im Westen das Erdinger Moos, ein Nass- und Feuchtgebiet par excellence und im Norden die Isarauen bei Gaden.“ Jedes Gebiet hat eine Nahrungskette „fällt einer aus, also etwa die Insekten, dann wird es auch für die nachfolgenden Konsumenten dünn und gefährlich. So überlebt der Erlenzeisig den Winter nur mit Erlensamen, die Schlehe sichert den Bestand des Schlehen-Bürstenspinners, ohne die roten Früchte des Pfaffenhütchens hätte das Rotkehlchens keine rote Brust, ohne den großen Wiesenknopf gibt es keinen Wiesenknopf-Ameisenbläuling. „Wir brauchen jede Hecke und jedes Rohr!“, appellierte Euringer. „In einer Kopfweide etwa wohnen über 1.100 Käfer!“ Dass es nicht immer zu jedes Bürgers Freude ist, wenn „ich mal eine Wiese stehen lasse und nicht gleich mähe, bekomme ich deutlich zu spüren. Da kommen sofort die Reaktionen im Rathaus an. Warum mäht ich denn nicht?“, berichtete Fraunbergs Bürgermeister Hans Wiesmaier.

Aber auch stehende und fließende Teiche, Tümpel und Bäche seinen Kleinode der Artenvielfalt. Verrohrte Gewässer seien tote Gewässer, „da gibt’s keine Insekten oder Amphibien, hier lebt nichts. Von oben kommt keine Sonne rein, also was soll da schon wachsen?“ Statt die Feuchtigkeit liebende Sumpfdotterblume sehe man an den Uferstreifen indisches Springkraut, „hoch gewachsen, da sie viele Nährstoffe lieben.“ Ein Indikator für völlig überdüngte Böden also.

„Artenschutz ist wichtig, geht aber nur, wenn auch der Lebensraum dazu passt!“. Ein Beispiel ist das entwässerte Erdinger Moos. „Früher wuchs hier überall Wollgras, das richtig feuchte Böden liebt. 1963 lebten noch 40 Paare Sumpfohreulen im Notzinger Moos.  In Finsing gab es so viele Sumpfschildkröten, dass sie in die Suppentöpfe wanderten. Von all‘ denen ist keiner und nichts mehr da!“ Leider sei auch die typische Erdinger Moos Aurikel, die „Primula auricula monasencsis“ verschwunden. 1995 wurden die beiden  letzten Exemplare gezählt, „seither gilt sie als in der Natur verschwunden.“ Es gebe aber auch Positives, etwa das Viehlaßmoos, das mit 245 Hektar größte zusammenhängende Quellmoor-Grundwasserrest des Erdinger Mooses bei Berglern. Lange war es durch Streuwiesennutzung und kleinbäuerliche Handtorfstiche geprägt, wodurch aus Pfeifengras-Streuwiesen, Kohldistel- und Glatthaferwiesen, Hochstaudenfluren und Feuchtgebieten, naturnahe Gräben sowie trockenen Alm- und Torfrücken entstanden.
„Jeder kann in seinem Umfeld etwas tun“ so Euringers Appell. In einem Holzgartenzaun etwa können Käfer leben, in einem Obstbaum sich Bienen tummeln. Jeder sollte bienen- und insektenfreundliche Pflanzen im Garten hegen.“ Oder in die Wassertonne einen oder zwei Äste legen, „dann braucht kein Insekt darin ertrinken!“
„Ohne Sumpfgebiet kein Frosch, ohne Frosch kein Klapperstorch und ohne Klapperstorch keine Kinder. Darum sterben wir Deutschen aus“, so eine von Euringer gezeigte Karikatur von Marie Marcks. „Das wollen wir doch nicht wahr werden lassen!“

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© FRED MAGAZIN Verlag Das Magazin für Erding und die Region