Die Weite in Norwegen ist unglaublich

Alex Denk geht 7000 Kilometer von Südspanien zum Nordkap

 

 

Vor einem Jahr war Alex Denk (24) noch glattrasiert mit Kurzhaarfrisur. Der sportliche Kerl hatte gerade seine Ausbildung zum Physiotherapeuten beendet. „Ich wollte nicht gleich arbeiten, vorher musste etwas Besonderes kommen“, sagt Denk. Ein Österreicher brachte ihn auf die Idee, Europa zu durchqueren. „Am 3. Dezember 2017 war Start in Südspanien, am 3. Oktober 2018 stand ich am Nordkap“, erzählt er stolz. Dazwischen lagen 7000 Kilometer zu Fuß, tausende Fotos, ein Zauselbart und unglaubliche Naturerlebnisse.
 

Der Rucksack wiegt heute nur noch 6 Kilo

Alex war immer sportlich, ging mit den Eltern wandern und skifahren. Vor allem ist er musikalisch begabt. Vor der Ausbildung in Erlangen war er auf dem Internat bei den Regensburger Domspatzen. Nach dem Abi wollte er Wirtschafts-Informatik studieren, das klappte nicht, da marschierte er mal schnell den spanischen Jakobsweg, den „Camino Francés“, gut 500 Kilometer. „Danach waren es ein paar kurze Wanderungen, 150 Kilometer auf Mallorca, 200 in Schottland. Ich hatte keine Ahnung von Distanz, wie schwer ein Rucksack auf so lange Strecken sein darf, wie weit man am Tag gehen kann“, berichtet Denk. Er macht daher „klassische“ Anfängerfehler: sein Rucksack wog 14 Kilo ohne Zelt – denn man weiß ja nie, was man irgendwann braucht – und er marschierte am ersten Tag in Spanien viel zu weit, bis er fast umfiel. „Rasch merkte ich, dass es nicht um Schnelligkeit ging und dass man mit sehr wenig auskommt: Isomatte, Schlafsack, Zelt, Rucksack, alles superleicht, dazu ein paar Waschsachen.“ Für kalte Temperaturen packt er nach dem Zwiebelprinzip lange Unterhose, Mütze, Handschuhe, Daunen- und Regenjacke ein, plus einen kleinen Gaskocher mit Göffel. Wechselhemden oder -Unterwäsche? „Unnötig – in der Natur stinkt eh jeder!“, lautet seine Devise heute. Inklusive Foto- und Video-Kamera samt Objektiven, zur Navigation zwei Handys – falls eines kaputt geht –, Taschenmesser und E-Book reduzierte er sein Rucksack-Gewicht am Schluss auf sechs Kilo. „Das war deutlich angenehmer, dazu spezielle, super leichte Trail-Runner an den Füßen, so zog ich los auf meinen Trip durch Europa von Süd nach Nord.“

 

Sein Körper ließ ihn im Stich

Zuerst sollte es von München bis nach Santiago de Compostela sein, doch schnell stand für ihn fest: vom südlichsten Punkt Europas im spanischen Tarifa am Atlantik bis zum nördlichsten, dem Nordkap. Seine Freundin Miranda unterstützte ihn ebenso wie seine Eltern Jutta und Walter. „Vom Opa habe ich ein bisschen Geld geerbt, meine Eltern gaben was dazu. Ich wollte so oft wie möglich umsonst in der Natur übernachten und kalkulierte mit zehn Euro am Tag für Essen und Übernachtungen. Das hat aber nicht ganz gereicht“, schmunzelt Denk.

Am 3. Dezember vergangenen Jahres marschierte er in Andalusien los und wollte spätestens im Juni in Norwegen sein, dass er den nördlichsten Zipfel des Kontinents vor Beginn des Winters erreicht. Vom ersten Tag an merkte er, dass es nicht läuft, quälte sich drei Wochen durch Andalusien, bekam den Kopf nicht frei, dazu kamen große Schmerzen. Er war zu schnell losgelaufen, im Schnitt fast 40 Kilometer am Tag, so dass er am Schienbein eine Knochenhaut-Entzündung bekam. Er schaffte nur noch 80 Kilometer in der Woche, musste ein paar Tage ganz aussetzen. „An Heiligabend 2017 lag ich frierend, mit Tränen vor Schmerzen, in einem Hotel ohne Heizung in einem winzigen Kaff in Spanien. Ich konnte keinen Schritt mehr tun.“ Erstmals hatte ihn sein Körper im Stich gelassen. Wütend und zornig auf sich selbst humpelte er am nächsten Tag zur Straße, fuhr per Anhalter und Bus zum Flughafen und war am Abend in Ottendichl. „Ich dachte, das war’s, ich wäre gescheitert.“

 

Mit dem „flow“ 40 Kilometer am Tag

Nach sechs Wochen Pause mit wenig Gehen und viel Umsorgen durch Physios und Eltern wollte er nochmal los. Der „Neustart“ war in Lyon in Frankreich. Jetzt schaffte Alex die Strapazen auch mental. Trotz extremer Kälte bis zu minus 18 Grad in der Nacht und 10 Grad unter Null am Tag konnte er den Kopf abschalten. Jetzt gab es kein „Warum?“ mehr, sondern nur noch die Freude am Gehen. Nach der Kälte kam er auch „in den flow“. Jetzt packte er täglich 35, 40 Kilometer, durch Frankreich, bei Genf in die Schweiz. „Es gab nie Probleme mit der Polizei, auch wenn ich wild campte, die Menschen waren alle super nett. Obwohl ich kein Französisch spreche, habe ich nächtelang in Frankreich mit Einheimischen gelacht.“ Ab Konstanz und durchs herrliche Schwabenland erlebt den Frühling so intensiv und nah wie noch nie: „Die Vögel, die ersten Blüten, die erwachende Natur –  so unglaublich schön.“

In Ulm besuchten ihn seine Eltern, gemeinsam verbringen sie ein paar Tage bevor Alex weiterzieht. „Das war schon schwer für uns alle, das erneute Abschiednehmen. Wir standen ja auf seiner Tour in ständigem Kontakt, auch über das Internet, aber jetzt, von Angesicht zu Angesicht, das war nicht leicht“, erzählt Vater Walter.

Bei Flensburg ging es nach Dänemark. „Da flutschte es so richtig, ich schaffte im Schnitt sogar 45 Kilometer am Tag, einmal sogar 60.“ Die über 500 Kilometer der Fernwanderroute „Ochsenweg“ durch Dänemark schafft er in elf Tagen – und dann am 3. Juni endlich mit der Fähre nach Kristiansand, ganz in den Süden Norwegens. „Meine Freude war so groß, da wollte ich doch unbedingt hin – und hatte ja noch immer 3000 Kilometer vor mir.“

 

Die „Weihnachtsbäckerei“ half gegen den Frust

Norwegen, das ist für Alex Denk eines: Weite. Unendliche Weite. Es gibt zwar Hunderte Wanderhütten, die alle jedem offen stehen, wo man auf Vertrauen das bezahlt, was man isst oder mitnimmt. „Aber es gab Phasen, da habe ich zwei Wochen lang keinen Menschen gesehen. Da musste ich schon sehr gut planen, wo ich wie viel einkaufe, wo übernachte. Aber das Grandiose der Landschaft überwiegt einfach“, strahlt Denk heute noch übers ganze Gesicht. Die eiskalten Nächte, die Tage bei Dauerregen, die nicht mehr vorhandenen Wege durch Matsch, Moor und Schlamm und die Tage ohne Lust und Antrieb – die vergisst er allerdings nicht. In solchen Momenten, da half ihm das Singen. Dabei gibt es zwei Lieder, die er immer wieder lauthals trällerte, der ehemalige Sängerknabe: If you’re happy, clap your hands. „Aber vor allem war es ein Lied: „In der Weihnachtsbäckerei“ – manchmal mitten in der größten Sommerhitze. Keine Ahnung, warum genau diese beiden Kinderlieder, doch sie haben mir geholfen an schlechten Tagen.“

 

Elektronische Helfer gegen die Einsamkeit

Für alle Fälle hatte Denk einen Notfallknopf dabei, dafür hat er eine Versicherung abgeschlossen. Wäre wirklich etwas passiert, hätten die ihn überall geholt. Zudem stand er über Instagram (AlexWanderbursche) ständig in Verbindung mit Followern, postete Hunderte Bilder und kleine Videos, mit seinen Eltern hatte er regelmäßig Kontakt über das Smartphone. „Ganz allein war ich also nie!“ Dann endlich, am 3. Oktober, das Nordkap. Zwei Wochen vorher stießen noch seine Kumpels Daniel und Korbinian zu ihm und marschierten den letzten Teil bis zu Europas Nordspitze und der markanten Stahl-Weltkugel mit ihm. „Dass die kamen und gleich voll mitzogen, ich hatte ja mittlerweile ein ganz schönes Tempo drauf, größten Respekt dafür!“

Sechs paar durchgelaufenen Schuhe, die ihm die Eltern immer nachgeschickt hatten, über 4000 grandiose Fotos, viele Videos, lange Haare und einen langen Zauselbart im Gesicht sind ein Teil seiner Bilanz. Ein anderer sagt: „Europa, auch Deutschland, ist zu Fuß so unglaublich schön. Aber das wird alles übertroffen von Norwegen!“

 

Nächster Stopp: Husky-Farm

Noch während seiner Tour hat er gleich das nächste Abenteuer ausgemacht: Im Januar geht er als Hiwi auf die Husky-Farm des Deutschen Björn Klauer nördlich des Polarkreises und hilft dort mit, 90 Hunde und Hunderte Touristen zu betreuen. „In der Zwischenzeit werde ich mal meine Fotos und Videos ordnen, vielleicht daraus Vorträge machen oder einen Film auf youtube. Vielleicht auch wieder glatt rasieren“, lacht Alex Denk. Jetzt möchte er erst mal Zeit mit seiner Freundin verbringen, bevor er wieder vier Monate weg ist.

 

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