Kalligraphie: die wahre Augenlust

Martha Schmitt gibt „Unzialis“-Kurse und schreibt schön

 

Handschriftliches hat in der heutigen Zeit Seltenheitswert. Wir alle kommunizieren überwiegend digital, oft ist es „nur“ noch die Unterschrift, die einen Eindruck vom Menschen hinter den Zeilen vermittelt. Schade, denn wie schön ist es doch, wenn man zur Feder oder zum Stift greift und zum Essen, zur Hochzeit oder sonst einer Veranstaltung handschriftlich einlädt. Noch einen Schritt weiter als die Handschrift geht die Kalligraphie: klassische, fließende und gebrochene Schriften von der Antiqua bis zur Kursive, die eine leichte Lesbarkeit der Wörter oder Texte erlauben, aber auch freie und expressive Handschriften, die schwer lesbare Texte hervorbringen. Kalligraphie ist die reine Augenlust.

Eine Expertin ist die Erdingerin Martha Schmitt, die Kalligraphie-Kurse gibt – auch im Museum Erding

 

Der irakische Maler und Kalligraph Hassan Massoudy gilt als einer der größten lebenden Kalligraphen. Er erklärte einmal, dass die erste Tugend der Kalligraphie die Geduld sei. Massoudy stellt seine Tinte selbst her, schneidet seine Federn auf die Art, wie es in seiner Heimat Mesopotamien seit jeher üblich ist. Bei seiner Kunst wird das Wort zum Vorwand, seine „Schrift“ tanzt auf dem Papier.

 

Meist denkt man bei Kalligraphie  an die chinesische, japanische oder arabische Schriftkunst. Aber auch die kunstvoll illuminierten mittelalterlichen Schriften des Abendlandes fallen dem Kunstinteressierten ein. In wohl keiner anderen Epoche hat die Schrift so viele Veränderungen und Wandlungen erlebt, gerade die mittelalterlichen Mönche mussten ganz regelmäßig und gut leserlich schreiben. Aber auch sie haben mit ihren damals vielleicht revolutionären Mitteln die Texte ausgestaltet. Es gibt jedoch auch eine durchaus moderne abendländische Kalligraphie, deren Grundlage zwar die traditionellen Schriften bilden, die aber weit gefächerte kreative Möglichkeiten bietet, vom exakt geschriebenen Text bis zur fast nicht mehr lesbaren Grafik, der ein Text zugrunde liegt. „Kalligraphie – die Kunst des schönen Schreibens. Aber was ist schon schön? Da gehen die Meinungen manchmal weit auseinander“, sagt die Erdinger Kalligraphin Martha Schmitt. Die studierte Anglistin und Geographin war Lehrerin an der Realschule Taufkirchen, begann 1997 mit Aquarell-Malerei und 2004 mit der Kalligraphie. Sie ist Mitglied im Kunstverein Freisinger Mohr, dem Kalligraphiekreis Erding/Freising sowie der Schreibwerkstatt Klingspor, Offenbach. 

 

„Heute ist der Begriff Schönheit natürlich noch viel weiter zu fassen, eine kalligraphische Arbeit kann ein abstraktes Kunstwerk sein“, betont Schmitt. Aber auch die leserliche Ausprägung der Kalligraphie hat immer noch ihre Berechtigung. „Wenn man jemandem eine handgeschriebene Einladung oder eine schöne Weihnachtskarte schreibt, dann weiß derjenige, dass man sich dafür Zeit und Mühe genommen hat und die Person ganz speziell meint.“ Stimmt, jeder von uns kennt die Wirkung, wenn man zum Füller greift. Egal ob edle Geschäftsdinners oder die kleine, private Einladung - wer handschriftlich - womöglich professionell kalligrafiert - einlädt, ist sich der Aufmerksamkeit sicher. Die Schrift gibt der Botschaft noch eine weitere Dimension, die der Form. „Wie bei jeder Kunst ist es nötig, zuerst die Grundlagen zu erlernen, das heißt die Schriften zu üben, bevor man seiner eigenen Intuition freien Lauf lassen kann. Dann aber sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Man darf mit allen möglichen Werkzeugen und Flüssigkeiten schreiben und vielerlei Untergründe verwenden“, so Schmitt, die im Februar im Museum Erding den Kalligraphie- Kurs „Die Unzialis – eine historische Schrift im modernen Gewand“ anbietet.

 

Diese Schrift Unzialis entwickelte sich im 4. Jahrhundert aus der „Capitalis“. Sie war runder, wurde mit Wortzwischenräumen geschrieben und dadurch viel leichter lesbar. Die Unzialis war aber immer noch eine Majuskelschrift, es gibt also nur Großbuchstaben. Wie bei ihrer Vorgängerin gibt es auch kein J und kein W. Das V wurde zu einem U. Die Unzialis war die erste richtige Buchschrift. Da es damals noch keine geeigneten Drucktechniken gab, wurden auch Bücher mit der Hand geschrieben. Dafür wurden sogenannte Buchschriften verwendet. Sie waren aufwändig und nur schwer zu schreiben. Für den täglichen Gebrauch gab es sogenannte Briefschriften oder Kursive. Diese entsprachen unseren heutigen Schreibschriften.

Handschriftlich verfassen heutzutage viele, wenn überhaupt, nur noch den Einkaufszettel. Statt einer Kurznotiz „pingt“ man seine Kollegen per Messenger an, schreibt E-Mails statt Briefe und selbst die Telefonnummer tippt jeder heute meist direkt ins Handy, statt sie wie früher im Adressbuch zu notieren. Und auch persönliche Post wird immer seltener. Nur noch sieben Prozent der verschickten Briefe gehen heutzutage von Privat an Privat. Vor acht Jahren waren es laut Post noch zehn Prozent. Ein handgeschriebener Brief ist nicht „nur“ ein Brief, sondern auch eine postalische Wertschätzung, fasste es die Wiesbadener Schriftkünstlerin Petra Beiße zusammen. Es kommt nicht von ungefähr, dass im Geschäftsbereich die Handschrift derzeit ein Revival erlebt. Das Verfassen von  Handschriftlichem zu besonderen Anlässen oder Kurzmitteilungen an die Kunden soll Vertrauen schaffen und ein Zeichen von Wertschätzung sein.

(Martha Schmitt hat für diese Ausgabe des FREDMagazin auch den Titel gestaltet!)

 

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Kalligraphie-Kurs im Museum Erding mit Martha Schmitt (8./9.2.2019)
„Die Unzialis – eine historische Schrift im modernen Gewand“
Die Teilnehmer werden im ersten Teil des Kurses die historische Schrift erlernen, die sich aufgrund der wenigen unterschiedlichen Formen relativ schnell erfassen lässt. Im Anschluss werden größere, ungewöhnliche Werkzeuge und farbige Tinten verwendet, um ein lebendig gestaltetes Kalligraphiebild anzufertigen. Dafür sollte jeder Teilnehmer einen kurzen Text mitbringen, der ihm etwas bedeutet: einige Prosazeilen, eine Strophe eines Gedichtes oder ein frei verfasster, eigener Text. Zum Abschluss des Kurses können die Teilnehmer nicht nur viel Erfahrung, sondern auch ein eigenes, sehr persönliches Schriftstück mit nach Hause nehmen.

Freitag, 8. Februar 18.30 bis 21 Uhr, Samstag, 9. Februar, 10 bis 17 Uhr; Anmeldung beim Museum Erding (08122.408158) oder museum@erding.de, maximal 10 Teilnehmer (Erwachsene), Vorkenntnisse nicht erforderlich! Kosten: 50 Euro zuzüglich 10 Euro Materialkosten
 

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