40 Jahre bioknuspern

Barnhouse feiert erfolgreich Jubiläum

 

Sie sind die Pioniere des Knusper-Bio-Müslis. Begonnen haben Sina Nagl (67) und Neil Reen (68) vor 40 Jahren in ihrer Münchner Küche. Der Engländer Reen brachte die Crunchy-Idee aus seiner Heimat mit. Auf einem Blech im alten Ofen begannen sie Haferflocken, Honig und Sonnenblumenöl so lange zu mischen und zu backen, bis es knusprig und wohlschmeckend wurde. Eben so richtig crunchy – in Deutschland wurde daraus „Krunchy“. Daran, dass sie keine Zusatz- oder Aromastoffe verwenden hat sich nichts geändert. Nur die Mengen und die
Geschmacksrichtungen wurden viel mehr – und der Besitzer ist neu.

Am Anfang fast verzettelt
Eigentlich wollten Nagl und Reen Knusper-Müsli aus England für ihre neu gegründete Firma „Barnhouse“ importieren, um bei der langsam in Deutschland entstehenden Naturkostbewegung dabei zu sein. Doch der englische Hersteller glaubte nicht an sie, so begannen sie selbst zu mischen und backen. Zunächst in ihrer Schwabinger Wohnung in einem 30 Jahre alten Ofen, Blech für Blech, alles von Hand, Tütchen für Tütchen abgefüllt. Verkauft wurde das weltweit einzige Knusper-Müsli mit rein biologischen Zutaten in den ersten fünf Bioläden Münchens. Die
Nachfrage stieg stark und schnell, so zog man für zwei Jahre in einen Keller der Münchner Großmarkthalle. Die Öfen wurden moderner und größer und waren doch nach zwei Jahren wieder zu klein. So ging es 1983 nach Ismaning, eine Etage über einer Möbelschreinerei. Hier wurde jetzt nicht nur Krunchy gebacken, sondern auch Suppen, Soßen, Pudding, Baby-Nahrung, Kekse, Schokoladentafeln und Riegel sowie Müsli gemischt – alles in Bio-Qualität.


Umzug nachMühldorf und Konzentration auf Krunchy
Ende der 1990er-Jahre wurden auch die Ismaninger Produktionsräume angesichts des immer weiter wachsenden Sortiments zu eng und so stand die Frage an: Wohin? „In Mühldorf am Inn, da gab es schon damals die Primavera-Mühle, woher Barnhouse viele Rohstoffe bezog. Die
Landwirte, die unsere Rohstoffe, wie Bio-Hafer oder Bio-Dinkel anbauen, befanden sich in den Landkreisen Erding, Mühldorf, Landshut, Ebersberg und Rosenheim – da liegt Mühldorf dann recht gut“, erläutert Andreas Bentlage, verantwortlich für Marketing und Produktmanagement, die exotisch anmutende Standortwahl. In Mühldorf war man nicht nur nah an der Mühle, sondern konnte auch ab 1998 im ersten eigenen Gebäude, exakt auf die Erfordernisse eines modernen Knuspermüsli-Backbetriebs zugeschnitten, in großem Maßstab produzieren. Die vielen Nebenäste Schokolade, Pudding oder Soßen gab man auf und konzentrierte sich
voll auf die Herstellung von heute 30 verschiedenen Krunchy-Knusper-Müslis, dazu noch Cornflakes und Kakao-Knusperbällchen speziell für Kinder. „Alles selbstverständlich von höchster Bio-Qualität ohne zusätzliche Aromastoffe, Geschmacksverstärker oder Hilfsstoffe. So erreichen wir heute 99,9 Prozent aller deutschen Bioläden, sind auch stark in Italien, Spanien, Niederlande, Österreich und der Schweiz“, berichtet Bentlage.

 

Faire Preise für die Bio-Landwirte
Die Grundidee von Barnhouse (was so viel wie „große Scheune“ bedeutet) ist, dass man gesunde Bio-Lebensmittel herstellt, deren Zutaten möglichst aus der Region kommen und damit den Naturkost-Fachhandel beliefert. Das Konzept kam an, die Anzahl der Bio-Läden wuchs seit
Jahrzehnten beständig und so tat es auch das Unternehmen Barnhouse beim Umsatz, Mitarbeitern, Anzahl der Lieferanten und Kunden sowie der Produkte. Bis heute stehe man
treu zum Bio-Fachhandel, „aber keiner kann sagen, wie sich das in der Zukunft entwickeln wird. Bleibt Bio wirklich im Discounter, wie stark bleibt der Fachhandel?“, fragt sich Sina Nagl.
Schon vor vielen Jahren schloss Barnhouse enge Kooperationen mit Bio-Landwirten. Aktuell sind es 63, die kontrolliert durch die Verbände Demeter, Naturland, Bioland und Biokreis, im Radius von etwa 100 Kilometern um Mühldorf Hafer und Dinkel anbauen. Hafer ist mit einem Anteil von zwei Dritteln das Hauptgetreide des Unternehmens. „Uns geht es um viel mehr als nur faire
Preise für die Landwirte und regional erzeugtes Getreide. Wir haben da ein tolles Netzwerk aufgebaut, mit dem wir ständig neue Projekte rund um den Öko-Landbau entwickeln und voranbringen“, erzählt Bentlage.

 

Zucker, Palmfett und Plastik-Verpackungen
Der Start von Barnhouse war „Krunchy Honig“, dazu wurden Haferflocken mit Honig und Öl vermischt, im Backofen so lange erhitzt, bis alles schön karamellisierte. Nach dem Abkühlen und Brechen in kleine Einzelstücke waren diese knusprig, süß, biologisch und äußerst gschma-
ckig. Es kamen Dinkel, Amaranth und Quinoa als weitere Getreidesorten hinzu, getrocknete Früchte von Waldbeeren über Mohn-Orange, Mohn-Erdbeere-Zitrone, Cocoa, Äpfel und Birnen, Nüsse, Schokolade und Nougat, Rosinen und Zimt– mittlerweile sind es 30 verschiedene Krunchy-Sorten. Manche mit weniger Zucker, seit kurzem alle ohne Palmöl, mal mit Reissirup als Süßung, für Kinder Cornflakes mit Maissirup und Kakao-Knusperbällchen. „In diesem Jahr werden wir erstmals unser komplettes Getreide zu 100 Prozent aus der Region beziehen, darauf sind wir echt stolz. Unsere Kunden wissen genau, woher die Rohstoffe kommen, wie sie angebaut wurden, das ist doch toll“, berichtet Bentlage. Auch im Bio-Bereich muss man als
Marktführer innovativ sein, jedes Jahr kommen über 2000 Bio-Neuheiten auf den Markt, nicht einmal 5 Prozent überleben das erste Jahr. Daher sind sie in der kleinen Mühldorfer Versuchsküche kontinuierlich beim Testen neuer Geschmacksrichtungen und Verpackungen. Aktuell sind es zum Beispiel 2,5 Kilo-Beutel für Unverpackt-Stationen in den Bioläden.
„Immer mehr wollen Lebensmittel ohne Verpackung, ein Verzicht auf Kunststoff ist bei unseren Krunchy-Produkten aber aus Hygiene-, wie auch aus Knusper-Gründen noch nicht möglich. Wir sind am Thema dran“, sagt Bentlage.

 

Jetzt ohne Palmöl – ist das wirklich die Lösung?
Das Thema Palmöl ist in der Bio-Branche ebenfalls sehr heikel. Öl ist notwendig, damit die Getreide-Flocken gemeinsam mit Zucker im Ofen gebacken werden können und karamellisieren. „Wir haben da sehr darauf geachtet, dass wir Bio-Palmöl aus Süd-Amerika und nicht das aus Indonesien bekommen, wo für die Palmen Urwälder samt Orang-Utans bedenkenlos gerodet werden.“ Palmöl, so erläuterte Nagl, war für den speziellen „Biss“ und
„Crunch“ notwendig, Versuche mit Rapsöl seien viele Jahre nicht zufriedenstellend gewesen. „Nach Italien konnten wir jedoch absolut nichts mehr mit Palmöl verkaufen, das ist da voll geächtet. Also steckten wir viel Geld und Zeit in die Forschung – und seit Oktober backen wir alle Produkte mit europäischem Sonnenblumenöl statt Palmöl“, sagt Nagl. Sie bedauert allerdings die Ächtung jeglichen Palmöls, „denn wir haben da gemeinsam mit anderen in Südamerika einen tolle, nachhaltige Palmöl Plantage aufgebaut, da ging es den Arbeitern und der Natur sehr gut. Das stirbt jetzt leider alles“, berichtet Nagl, die selbst mehrfach vor Ort war.

 

Die dritte Backstraße startet demnächst
In den großen Lagern in Mühldorf stehen die gewaltigen Säcke mit den Rohstoffen – Getreide, Zucker, Nüsse, Schokolade, getrocknete Früchte – vierstöckig übereinander. Noch werden die einzelnen Ingredienzien  manuell von den Arbeitern abgeholt und mit Staplern zum Mischen gefahren. Vorbereitet ist aber bereits die vollautomatische Herstellung, in der alles von Maschinen aus dem Lager geholt, in gewaltigen Kesseln gemischt und dann als zähe Krunchy-Masse auf dem etwa meterbreiten Förderband zum Ofen gut zwei Zentimeter hoch geschichtet wird. 40 Meter lang sind die beiden Backstraßen, Temperatur und Dauer des Backens sind ebenso Firmengeheimnis wie die genaue Zusammensetzung. Nach dem Backen kühlt alles lang-
sam ab, nach dem Brechen wird verpackt: automatisch in Plastiktütchen, jedes davon fährt langsam über eine elektronische Waage und durch einen Metalldetektor – Fehler werden
erbarmungslos ausgestoßen. Ist alles ok werden die Tüten manuell in große Kartons auf Paletten gesetzt. Bevor aber irgendetwas verkauft wird, probieren feine Nasen und Schle-
ckermäulchen jede einzelne Charge. „Maximale Qualität, das war und ist unser oberstes Gebot!“, sagt Bentlage. Die nach seinen Worten sehr geringe Reklamationszahl spreche
dafür. Gut 20 Tonnen am Tag oder fast 500 Tonnen „Krunchy“ monatlich werden von den 90 Mitarbeitern im Drei-Schicht-Betrieb in Mühldorf produziert, eine dritte Backstraße ist
gerade im Aufbau. Die Lieblingssorte in Deutschland, Spanien und Italien, verrät Bentlage, ist Schoko, gefolgt von Apfel-Zimt und Waldbeere.

 

Zwei Firmen mit Bio-Leidenchaft
Seit November gehört Barnhouse zur „S.HIPP.S GmbH“ der Hipp-Söhne Stefan und Sebastian. „Wir kennen die Hipps schon sehr lange, die sind auf unserer Welle und so können wir von den langjährigen Erfahrungen der neuen Gesellschafter im Bereich der Beschaffung von Bio-Rohwaren profitieren“, erklärt Sina Nagl. Gerne hätte sie und Neel Reen das Unternehmen an ihre Kinder weitergegeben – aber die hatten kein Interesse. „Uns war es besonders wichtig, Ge-
sellschafter zu finden, die mit Leidenschaft Bio-Produkte herstellen, die besondere Unternehmenskultur einer Bio-Marke verstehen und denen Bio am Herzen liegt. In den Brüdern Hipp haben wir genau das gefunden“, sagt Nagl. Neuer Geschäftsführer in Mühldorf ist Martin Eras, die beiden Gründer Nagl und Reen sind noch einige Monate dort angestellt, dann werden sie nur beraten. „Ich denke, Barnhouse ist auf einem sehr guten Weg in die Zukunft!“, betont Nagl.


Das Backenmussten wir erst lernen!

Nagl ist gebürtige Dietersheimerin (einem Ortsteil von Eching bei Freising), wuchs hier 19 Jahre auf, ging dann weg in die Welt und kam mit 38 Jahren zurück in ihr Heimatdorf. Sie lebt in einem herrlichen Holzhaus mit vielen halben Etagen. Direkt am Ortsrand, Richtung Norden kilometerweise nur unbebautes Ackerland. Gelernt hat sie Anwaltsgehilfin, gemeinsam mit ihrem früheren Lebenspartner Neil Reen entdeckte sie Ende der 1970er-Jahre Bio und Öko
für sich. Sie wollten etwas beisteuern, das jedem schmeckt, einfach lecker ist. Obwohl sie beide das Backen überhaupt nicht geliebt haben, begannen sie Knusper-Müsli aus Bio-Grundstoffen zu mischen, backen, klein hacken und von Hand in Cellofan-Tütchen zu füllen. „Es gab ja nichts anderes, wo wir das hätten reinpacken können.“ Jeden Tag urde gebacken, gefüllt und an die fünf Bio-Läden im großen Umkreis verteilt. „Vorher mussten Familie, Nachbarn, Freunde immer probieren, ob es auch wirklich schmeckt.“ Das tat es, schnell sprach sich das exzellente „Krunchy“ herum und so probierten sie immer neue Sorten und Geschmacksrichtungen aus.
„Hafer zu bekommen war damals sehr schwierig, das baute doch keiner mehr an.“ Von Anfang an – das fasziniert Nagl heute noch – gab es fast nur Verträge per Handschlag, man war sich in der Szene einig: Auf keinen Fall so werden wie die Industrie. „Darum war es problematisch als wir anfingen mit Werbung und farbigen Karton-Verpackungen. Einigen wäre es am liebsten gewesen, wir hätten alles schwarz-weiß von Hand bemalt, keine Werbung gemacht“, lacht Nagl.
Der Bio-Markt entwickelte sich und mit ihm das Krunchy von Barnhouse. „Wenn wir ehrlich sind, dann hat der Einstieg von Lidl und Aldi auf dem Bio-Markt nicht viel verändert. Nach wie vor liegt die Bio-Anbaufläche in Bayern bei acht, neun Prozent, das müsste aber unbedingt ganz stark wachsen, wenn sich wirklich etwas ändern soll bei den Themen Flächenverbrauch, Nitrat-Belastung, Klimaschutz“, sagt Nagl. Sehr viele Verbraucher würden leider nur sagen, sie wollen Bio und dann doch billigst beim Discounter – egal woher es kommt oder wie es produziert wurde. Gute Verträge mit den Landwirten seien notwendig, eine enge Partnerschaft, in der man den Bauern sagt und zeigt, dass man sie und ihre Arbeit braucht und wertschätzt. „Wenn
wir mehr Bio wollen, dann muss auch der Markt dafür her. Auf dem flachen Land gibt es fast keine Bio-Läden und die kleinen, alternativen machen immer häufiger zu. Wir müssen also
schauen, wohin sich die Bio-Branche entwickelt: große Bio-Ketten, doch in den Supermärkten oder kleine Einzelhändler?“
Nagl hat „Barnhouse“ verkauft, bald wird sie externe Beraterin. „Und dann möchte ich in meiner Heimat Eching und Dietersheim mitmischen – denn da gibt es beim Thema Bio viel Nachholbedarf!“ Darauf darf man sich schon freuen.

 

Barnhouse 3-Nutzen-Feld und „Sinaba“-Hafer
Das gemeinsam von Barnhouse und Partner-Landwirten entwickelte „3-Nutzen-Feld“ vereint ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Die
Landwirte pflanzen Hafer gemeinsam mit Leindotter, einer uralten Kulturpflanze, die das Ausbreiten von Samenunkräutern verhindert, gleichzeitig viel Futter für Wildbienen bietet. Als dritten Nutzen liefern Leindottersamen wertvolles Eiweiß und ein an Linolsäure reiches Öl.
Der „Sinaba“-Hafer, benannt nach Sina Nagl von Barnhouse, ist eine Mit-Entwicklung von Sepp Braun, „dem“ Öko-Visionär (bekannt als der Bauer mit den Regenwürmern) und langjährigen Barnhouse-Partnerlandwirt. Er war der erste, der tatsächlich einen vom ersten Tag an ökologisch gezüchteten Hafer selbst selektierte. Seit Januar 2018 ist die Spelzhafer-Sorte „Sinaba“ offiziell als Sorte zugelassen. Barnhouse unterstützte diese Züchtung mit 45.000 Euro.
Daneben laufen von Barnhouse auch noch „Ackerwildkräuter“- sowie Wildbienen-Aktionen.

 

 

 

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