Bootfahren im Stadtpark wie früher?

Seele baumeln lassen, Füße reinhängen, Ruderboote

 

 

In der flirrenden Nachmittagssonne ziehen Paddler und Ruderer gemächlich auf der fast nicht
fließenden Sempt vorbei. Nur ab und an ist ein sanftes Patschen der ins Wasser eintauchenden Ruderblätter zu hören. Kinder sitzen auf Steinquadern am Sempt-Ufer und hängen ihre Beinchen ins kühlende Naß. Insekten schwirren nur wenige Zentimeter über dem Wasser, auf
dem sich unzählige Enten, Schwäne und Haubentaucher tummeln. Auf den Wiesen des Stadtparks treffen sich die Erdinger zum Picknick unter schattigen Bäumen, während
die Kinder auf dem Spielplatz toben. Klingt herrlich idyllisch, fast schon kitschig. Außerdem gibt‘s Bootfahren doch gar nicht! Stimmt, denn das Befahren der Sempt ist in den aktuellen Planungen zur Umgestaltung des Erdinger Stadtparks nicht vorgesehen. Wenngleich es gar nicht so weit hergeholt wäre und auch gar nicht so lange her ist, dass das Rudern auf der Sempt
noch möglich war, ja sogar ein äußerst beliebtes Freizeitvergnügen. Man konnte sich die dafür erforderlichen Schiffchen offiziell von der Stadt ausleihen.

Erste Belege aus dem Jahr 1880
Schon der Begründer der „Grünen Lunge“ Erdings, Walther von Grainger, war mit seiner Liebsten und Angetrauten Franziska von Widmann in einem Holzkahn auf der Sempt unterwegs. Eine alte Fotografie aus dem Fotoarchiv des Erdinger Museums
belegt den Boots-Ausflug. Aber nicht nur die Graingers, viele andere „Sommerfrischler“ zogen ihre Bahnen auf der Sempt. „Vor allem die, die sich einen Ausflug an den Tegern- oder Chiemsee eben nicht leisten konnten“, weiß Stadt-Archivar Markus Hiermer. Das erste
Schriftstück in seinem Archiv, das das Bootfahren belegt, ist datiert mit dem 23. Juni 1880. Hier geht es um die Beschaffung von Booten. 16 Jahre später, am 2. September 1896, erhielt
Erdings Stadtbaumeister Kaspar Egger in wunderbarer, schöner Süttlerin-Schrift abgefasst, ein Angebot des Tegernseer Bootsbaumeisters Thomas Kellerer über ein kleines Holzschiff, „für 5-6 Personen ganz für Ihre Zwecke passend mit Kiel gebaut und Ruder für 140 Mark.“ Die Kähne wurden von der Stadt beschafft, die natürlich daran auch verdiente: Am 23. April 1897 wurde in der Magistrats- Sitzung einstimmig eine Gebührenordnung beschlossen: Zwei Personen bezahlten je 50 Pfennig pro Stunde, drei Mann 40 Pfennig und bis zu fünf Mitfahrer 30 Pfenning für ein neueres Schiffchen, für ein älteres galt der Einheitspreis von 20 Pfennig
pro Person. Im Juni 1909 wurde der Kostenvoranschlag in Höhe von 352 Mark vom damaligen Bürgermeister Friedrich Herbig und den Magistratsräten Kumpfmüller, Bauer und Empl für die Errichtung eines Bootshauses einstimmig angenommen. Der Betrieb florierte, es wurde der Kauf weiterer Kähne bewilligt, die Nachfrage war anscheinend so groß, dass auch die Stadt daraus eine lukrative Einnahmequelle machen konnte.

Eine Stunde Bootfahren 400 Mark – aber nur am Tag!
Im März 1920 verdoppelte sie die Benutzungsgebühren, der mit dem Verleih betraute Parkwächter wurde mit einem Drittel der Einnahmen entlohnt. Aufgrund der voranschreitenden Inflation mussten die Erdinger für ihr Wasservergnügen immer tiefer in die Tasche greifen, schon im Juli kostete die Stunde pro Person zwei Mark, in Zeiten der Hyperinflation drei Jahre
später dann bereits 400 Mark. Bis 1927 beruhigte sich die Wirtschaft, Kahnfahren wurde wieder „billig“, der Stadtrat kehrte zum Stundensatz von 50 Pfennig pro Person zurück. Auch nach dem Nationalsozialismus erkannte der Verwaltungsausschuss, dass „mit dem Betrieb der Kahnfahrten mit einer entsprechenden Einnahme für die Stadtkasse zu rechnen ist.“ Und empfahl daher, die für den Betrieb erforderlichen Boote zu beschaffen und Angebote einzuholen. Den Zuschlag erhielt die Bootswerft Ringmaier aus Diessen, je ein Ruderboot
für drei (290 Mark) und vier Personen (340 Mark) sowie zwei Paar Ersatzruder für 40 Mark sollten sofort geliefert werden. Die Boote wurden dann zu einem Preis von 1,50 und 2 Mark pro Stunde verliehen. Gefahren werden durfte nur zwischen der Pointner-Mühle Klettham (dem
heutigen griechischen Restaurant Ilios) und der Eisenbahnbrücke im Stadtpark. Nächtliche amoureuse Stunden wurden strikt unterbunden, nach Sonnenuntergang musste der
Bootsbetrieb eingestellt werden.

Die Sempt gehört allen

Dass sich mit einem Boot rasch Diebesgut wegschaffen lässt, bekam Lorenz Pointner zu spüren. Aus seinem Hühnerstall wurden im April 1953 Eier geklaut, auch Holz und Gemüse kam abhanden. Den Spuren nach muss es ein Kahnfahrer gewesen sein. Den Werkkanal zu sperren
lehnte die Stadt ab, „der Gemeingebrauch an Privatflüssen ist jedem gestattet.“ Einziges Zugeständnis an Pointner war, dass das Bootfahren nur innerhalb des Stadtparks erlaubt und
das Landen außerhalb der Bootshütte verboten wurde. Im Jahr 1958 wurden fünf Boote im Stadtpark zum Verleih angeboten, ging mal eines kaputt und lohnte es sich nicht zu reparieren,
dann wurde es, wie im Juli 1958, der Wasserwacht überlassen. „Unter Ausschluss jeglicher Haftung“. Im Jahr 1965 endet das Vergnügen Gut organisiert, mit frisch gestrichenen
und generalüberholten Booten, ging man immer ab Ostern in die Ruder-Saison, wie die Belege und Korrespondenz mit dem Diessener Bootsbauer belegen. Dem Parkwächter und  Bootsverleiher entging auch nicht der geringste Schaden. Im Mai 1964 traf es den 14-jährigen
Burschen Willi, dessen Vater von Bürgermeister Hans Schmidmayer eine Rechnung über 20 Mark bekam, weil Willi ein Bootsruder abgeschlagen hat. Leider enden mit dieser  Schadensersatzforderung die Aufzeichnungen im Archiv jäh. Ein Bootsunfall auf der Sempt, bei dem ein junges Berliner Mädchen, das in Erding ihre Ferien verbrachte, ertrank, könnte der
Ausschlag für das abrupte Ende des Bootsfahrens auf der Sempt gewesen sein. Der Unfall ereignete sich jedoch laut Chronik der Erdinger Wasserwacht bereits im August 1955.
Bootfahren wäre auch eine lukrative Attraktion Fakt ist, dass „sich viele noch an die schöne Zeit erinnern können“, so Hiermer. Auch Stadtrat Walter Rauscher (CSU), der noch gerne an das Bootsfahren auf der Sempt denkt, fände es gar nicht so abwegig, dieses Freizeitvergnügen wieder in das Stadtpark-Konzept zu integrieren. 1920 zählte die Stadt Erding rund 5000 Einwohner, das „Verzeichnis über die eingegangenen Gebühren der Nutzung der Schiffe“ belegt für dieses Jahr 1759 Vermietungen, die der Stadt 3718 Mark einbrachten. Rechnet man das auf heute rund 39.000 Einwohner hoch, plus die weit über eine Million Touristen, vor
allem in der Therme, für die Bootfahren im wirklich außergewöhnlich schönen Stadtpark bestimmt eine große Attraktion wäre, dann könnte hier für die Stadt schon ein schönes
Sümmchen herausspringen (und zur Finanzierung der Stadtparksanierung beitragen). Platz wäre zwischen Vogelgehege und Eisenbahnbrücke bis zur ehemaligen Pointnermühle ideal
vorhanden. Aber alleine des Geldes wegen wieder ein Bootsverleih? OB Max Gotz und der Stadtrat haben gemeinsam den Erdingern und Besuchern mit der Sanierung des
Stadtparks ein immenses Stück Lebensqualität gegeben. Naherholung pur direkt vor der Haustüre. Da fehlt jetzt nur noch der singende Ruderer mit Strohhut auf der Sempt, oder?


Wir danken dem Stadtmuseum Erding für die historischen Fotos und unserem „Mister Allwissend“ wenn es um die Erdinger Stadtgeschichte geht, Stadtarchivar Markus Hiermer.

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