Das Schweineglück der Anna Kratzer

Bio-Schweine sind gefragt, aber ihre Aufzucht ist aufwändig

 

 

„Mäggie, kimm! Wo seid’s denn wieda alle?“, ruft Anna Kratzer (36) ihre vierjährige Zuchtsau Mäggie und lockt mit einem vollen Eimer frischer Äpfel. Nach dem zweiten Ruf sieht man erst nur den breiten Rüssel, dann trottet das mächtige Schwein gemächlich aus ihrem Stall. Und schon folgen auch die ersten beiden rotblonden, mit dünnen Härchen und unzähligen schwarzen Tüpfelchen übersäten Ferkel, die vorsichtig um die Ecke lugen. Als die jedoch Anna entdecken und vor allem die leckeren roten Äpfel, da gibt es kein Halten mehr. Das war dann auch das Signal für die Geschwister, immer mehr kleine Schweinchen wuseln durchs hohe Gras um Annas Beine und wollen ihre Obstration haben. 17 Ferkel, vier Wochen alt, und Mutter Mäggie geht es so richtig gut! Sie sind Bio-Schweine auf dem Kratzer-Hof in Neuharting bei Dorfen: Alle Ferkel werden langsam aufgezogen, mit viel Platz für die Mama-Sau wie für die Kinder, ohne gefängnisartige Boxen, „Abferkelkäfig“ genannt. Gefüttert werden sie mit gentechnikfreiem Futter, das meiste vom eigenen Hof. Das alles ist deutlich aufwändiger und viel teurer als Schweine-Mastfabriken.

 

Kein gerader Weg

Seit zwei Generationen steht der Kratzer-Hof aus Neuharting bei Dorfen für beste Bioqualität aus ökologischem Landbau. Annas Papa Fritz gehört zu den Bio-Pionieren im Landkreis Erding. „Der Papa und die Mama haben sich schon 1984 entschieden, den Hof mit den 30 Hektar großen Äckern nach den organisch-biologischen Richtlinien des Naturlandverbandes umzustellen. Das war am Anfang ganz schön schwer, viele Kollegen haben sie ausgelacht, manche auch nur bemitleidet. Heute gibt es viele, die sehen, dass unser Weg der richtige ist für die Natur und die Tiere“, sagt Anna Kratzer entschieden. Sie wollte nicht immer Landwirtin werden, lernte erst Köchin, arbeitete in guten Restaurants und Hotels. Dann hat sie doch den Hof übernommen.

 

Bio ist eine persönliche Einstellung

Die Umstellung von Konventionell auf Bio lag vor allem auch daran, dass das neue entstandene Tagwerk  händeringend auf der Suche nach Lieferanten war. Die Kratzers begannen mit Angus-Rindern, bauen selber Weizen, Gerste und viele Früchte auf Streuobstwiesen und in Windschutzhecken an. Die Früchte werden vollreif geerntet und in der Biobrennerei nach alter Tradition, aromaschonend zu sortenreinen Obstbränden und Likören verarbeitet. „Irgendwann haben wir auch mit Bio-Schweinen angefangen, die Anforderungen sind dafür verdammt streng und werden regelmäßig kontrolliert“, berichtet Anna.

Ihre Tiere leben im „normalen“ Familienverband, stehen nicht auf Spaltenböden, sondern auf Stroh, haben viel Licht, frische Luft, genügend Platz und wenn sie wollen freien Weidegang. Auf Hormongaben, Wachstumsförderer, Beruhigungsmittel und dergleichen verzichtet Anna, ebenso auf Glyphosat oder ähnliches auf den Äckern. „Bio oder Öko, das ist eine persönliche Einstellung, da geht es nicht um den maximalen Profit, sondern um den Erhalt unserer Umwelt – auch für unsere Kinder!“, sagt Anna und lächelt ihren kleinen Sohn Paul an.

 

Zeit, Platz und Ruhe für die Schweine

Das Futter für die Tiere ist also nur Bio, ohne jegliche chemischen Spritzmittel. „Wir füttern Weizen, Gerste und unsere Äpfel!“ Statt Beton oder Spaltenboden Stroh im Stall, keine Abferkelkäfige. Die Ferkel bleiben gute acht Wochen bei der Mutter, „das ist ganz wichtig, denn Schweine sind Familientiere!“, sagt Anna. Danach kommen sie gemeinsam für sieben bis achte Monate in den Maststall, auch das ist deutlich länger als bei den konventionellen Züchtern, da werden die turbogemästeten Tiere oft schon mit drei, vier Monaten geschlachtet. „Wir hatten mal eine Sau, die warf so viele Ferkel aber hatte kaum Milch – das war ein ganz großes Problem! Kuhmilch geht nicht, das vertragen die Kleinen nicht, also mussten wir uns Bio-Schweinemilch-Pulver besorgen, das kostet aber das Doppelte. Ebenso sind das Futter und die Medikamente wesentlich teurer“, erläutert Anna.

Sie lässt – im Gegensatz zum normalen Schweinezuchtbetrieb, wo die Sau sofort wieder besamt wird - die Mutterschweine erst mal einige Zeit alleine, dass sie sich erholen können. Denn schließlich kann ein Wurf bis zu 18 Ferkel bedeuten, so viele Zitzen hat die Sau. Erst dann kommt wieder der Besamer, zwei Mal im Jahr, und dann sind die Mutter-Sauen wieder für drei Monate, drei Wochen und drei Tage trächtig, bevor Alles wieder von vorne losgeht.

 

Es geht nicht um Maximal-Profit

Anna Kratzer hat insgesamt vier Mutter-Schweine, Mäggie war ihre erste. Iberische Duroc-Schweine, der Vater ist immer ein Pietrain. 15 Jahre alt kann ein Schwein werden, doch im Normalfall wirft eine Mutter-Sau zehn bis 15 Mal, wird also sieben bis zehn Jahre. Insgesamt hat Anna zwischen 30 und 50 Schweine auf dem Hof, „die Nachfrage wäre viel größer, wir könnten also mehr züchten - aber das will ich nicht“, sagt sie.

 

Keine Namen mehr für die Ferkel

Natürlich gehört zur Schweinezucht auch das Schlachten. „Das ist immer das Schlimmste!“, sagt Anna und ihre Mutter Christl nickt. Spanferkel, also Schweinchen, die gerade Mal sechs Wochen alt sind und zehn bis zwölf Kilo haben, verkaufen sie aus Prinzip nicht. „Am Anfang hatten sogar alle meine Ferkelchen eigene Namen. Doch beim Schlachten haben wir immer so viel geweint, seither bekommen nur noch die Muttersauen Namen, zu denen haben wir auch eine ganz enge Bindung.“ Was nicht heißen soll, dass sie ihre kleinen Ferkel nicht alle liebt und sogar mit ihnen kuschelt.

Geschlachtet und zur Wurst und Schinken verarbeitet werden Annas Tiere in der Tagwerk Schlachterei Niederhummel, dort geht es wesentlich humaner zu als in anderen Schlachthöfen. Sie geht fest davon aus, dass jeder Verbraucher den immens großen Aufwand, den sie betreiben, auch schmeckt. Verkauft werden Fleisch und Wurst auf dem eigenen Hof und bei Tagwerk „Kein Verbraucher will mehr fettes Fleisch, wir müssen also magere Schweine mästen. Zum anderen wollen viele nur noch Filet, Lende und Schnitzel essen – ein Schwein mit 120 Kilo hat aber viel mehr zu bieten!“

 

Schmerzfreie Kastration könnte das Aus für viele bedeuten

Ein ganz anderes Problem droht ab 2019, dann müssen die männlichen Ferkel nämlich vor der üblichen Kastration vollständig betäubt werden, der Eingriff muss zu 100 Prozent schmerzfrei sein. Wird ein kleiner Eber nicht kastriert, wird er rasch sehr aggressiv und ist sein Fleisch ist zudem fast nicht verkäuflich. Die Schweinebauern – konventionell wie bio - sehen in dieser EU-Verordnung einen Angriff auf ihre Existenz. Die heutige Praxis der betäubungslosen Kastration sei ausreichend und habe sich bewährt, bei dem nur wenige Sekunden dauernden Vorgang werde Schmerzmittel eingesetzt. Tierschützer hingegen sagen, dies sei eine furchtbare Qual. Die Narkose – die nur Tierärzte durchführen dürfen - ist jedoch sehr teuer, vor allem mit von Bio-Bauern akzeptierten Mitteln. Viele Ferkelbauern werden daher aufgeben müssen. Es droht eine weitere Produktionsverlagerung ins Ausland mit langen Tiertransporten. Schweinezüchter vermuten nicht den Tierschutz hinter der Verordnung, sondern Organisationen, die den Fleischkonsum senken wollen.

Für Anna Kratzer bedeutet die Betäubung eine sehr große Unsicherheit: „Ich habe keine Ahnung, wie wir das bezahlen sollen!“

 

Kasten 1

Ein Kilo konventionelles Schweinefleisch, also Schnitzel, Gulasch oder Keule, kostet im Laden aktuell zwischen fünf und sechs Euro das Kilo. Für ein Kilo Bio-Schweinfleisch bei Tagwerk, geschlachtet und verarbeitet bei der Tagwerk Schlachterei in Niederhummel, muss man zwischen 20 und 25 Euro bezahlen. Der Schweinebauer selbst bekommt, wenn er im Großbetrieb Hunderte Schweine innerhalb von etwa sechs bis sieben Monaten auf das Schlachtgewicht von 120 Kilo gemästet hat, im Moment 1,35 bis 1,60 Euro für ein Kilo. Der Bio-Schweine-Züchter erhält ungefähr das Doppelte (aktuell 3,80 €/kg), hier dauert es bis zur Schlachtreife gut zwei bis drei Monate länger, es wird kein Turbo-Mastfutter verwendet und nur Bio-Futter. Die Ferkel sind deutlich länger bei ihrer Mutter, was dem „normalen“ Leben eines Schweines entspricht. Der Ertrag ist für beide jedoch so gering, dass es den Aufwand kaum lohnt. Schweinefleisch hat keinen Wert!

 

Kasten 2

Jeder Deutsche isst (sofern er nicht zu den 6,5 Millionen Veganern und Vegetarierern gehört) im Jahr 60 Kilo Fleisch. Davon sind 40 Kilo Schweinfleisch und dieses ist wiederum zur Hälfte zu Wurst und Schinken verarbeitet. Alle Deutschen essen im Jahr fast 5 Millionen Tonnen Fleisch. Die Gesamtmenge an konsumiertem Fleisch ist seit Jahren rückläufig, nicht aber die produzierte Menge – das heißt: Deutschland exportiert immer mehr Fleisch, und das muss natürlich billig sein!

„Produziert“ werden in Deutschland jährlich 8,2 Millionen Tonnen Fleisch, es stammt von 750 Millionen Tieren: 600 Millionen Masthühner, 60 Millionen Schweine, 37 Millionen Puten, 30 Millionen Suppenhühner, 18 Millionen Enten, 3,6 Millionen Kühe, über eine Million Schafe, Ziegen und Pferde sowie 600.000 Gänse.

 

Kasten 3

Nur 0,5 Prozent des Schweinefleischs ist Bio (also 450.000 Schweine im Jahr). Die Nachfrage ist größer, doch es gibt zu wenig Bio-Schweinezüchter. Die wirklich großen (konventionellen) Schweinezuchtbetriebe stehen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Dort sind teilweise über 50.000 Tiere in einem Betrieb – und produzieren unter schlimmsten Bedingungen gigantische Mengen an Gülle. In Bayern sinkt die Zahl der Schweinebauern ständig, Betriebe, die mindestens 50 Schweine oder zehn Zuchtsauen halten sind es noch 5100. Insgesamt wurden in Bayern im vergangenen Jahr 3,3 Millionen Schweine gehalten: 1,5 Millionen Mastschweine, 239 500 Zuchtsauen und 929 500 Ferkel.

Im Landkreis Erding gibt es 150 Betriebe (vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele), in denen 60 000 Schweine gemästet werden: 25.000 Mastschweine (über 50kg) und 20.000 Ferkel (bis 30 kg).

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