Der „Dotschn-Winter“ forderte in Erding kaum Todes-Opfer

Winter 1917: Mini Semmel, dünnes Bier und die Kinder müssen barfuß in die Schule kommen

 

Drei winzige, schlichte Semmeln im Museum Erding sind der Anlass für diese Geschichte. Die drei sind „Zeitzeugen“ aus dem Ersten Weltkrieg, der vor genau 100 Jahren zu Ende ging. Im Winter 1916/17 dominierte der Hunger die vorweihnachtliche Zeit in ganz Deutschland, so natürlich auch in der Region Erding. Doch während man davon ausgeht, dass im gesamten Reich zwischen 480.000 und 800.000 Menschen während des Krieges an Hunger starben, die meisten im Hunger- oder Kohlrüben- (bairisch: „Dotschn“) -winter, gab es in Erding auf Grund der bäuerlichen Struktur nur wenige Menschen, die verhungerten. Trotzdem war auch hier die Not unbeschreiblich, undenkbar – wer kann es sich vorstellen wie es ist, Weihnachten zu feiern, während die Männer, Brüder und Väter im Schützengraben liegen?

 

Dass man die Hunger-Opfer im Landkreis Erding nicht genau beziffern kann liegt daran, dass die Todesursache in den uns vorliegenden Sterberegistern nicht angegeben wurde. Arbeitet man die Listen durch zeigt sich, dass es wohl vielen Säuglingen und Kleinkindern ging wie Balthasar oder Ursula. Balthasar aus Altenerding wurde nur neun Stunden alt, Ursula aus Erding Stadt gerade mal elf Monate.

 

Eine verhängnisvolle Kettenreaktion
Die dramatische Ernährungslage der deutschen Zivilbevölkerung, aber auch der kämpfenden Soldaten in den Jahren 1914 bis 1918, hing damit zusammen, dass Deutschland zu Beginn des Krieges der größte Importeur von Lebensmitteln war, 30 Prozent wurde im Ausland gekauft. Die „Hungerblockade“ der alliierten Gegner, gepaart mit der falschen zentralistischen bis diktatorischen Ernährungspolitik sowie eine Missernte im Sommer 1916 schaukelten sich gegenseitig auf und sorgten für eine unglaubliche Ernährungsknappheit. Vor allem für die ärmere Stadtbevölkerung war dies eine Katastrophe.
Seit 1915 stand die gesamte Ernte unter staatlicher Kontrolle, im gleichen Jahr wurde die Mehlration auf 1,5 Kilogramm pro Person in der Woche gesenkt. Dazu gab es nur noch 100 Gramm Fett, ein Viertelliter Milch und ein Ei – in der Woche! Außerdem wurde ein „Kriegsbrot“ eingeführt, das aus Kartoffel- und Dotschnmehl sowie anderen minderwertigen Mehlsorten gebacken wurde. Milch wurde mit Wasser gestreckt, Ersatz-Produkte kamen auf den Markt. 1918 zählte man mehr als 11.000 sogenannter Surrogate. Die Rationen wurden auf 1000 Kalorien pro Tag reduziert, die Hälfte des Mindestbedarfs. In Berlin erschien 1915 das Kochbuch mit dem Titel „Des Vaterlands Kochtopf“, das „allerlei Rezepte für Küche und Herz in kriegerischen Tagen“ versprach. Das waren zum Beispiel Graupensuppe, eine ungewürzte Salzwasser-Reissuppe, saure Pflaumen mit Wassernudeln ohne Zucker. Auch Hans Niedermayer schreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „Erding im Ersten Weltkrieg“ (erhältlich im Museum Erding) von einem „Bayerischen Kriegskochbuch“ für eine einfache und billige Ernährung.

Von Allem zu wenig
Der Höhepunkt der Hungerkrise kam im Winter 1916/17, sie war vor allem für die Stadtbevölkerung eine Katastrophe. Die Kartoffelernte des Jahres 1916 lag aufgrund schlechter Witterung und einer Kartoffelfäulnis nur bei etwa 50 Prozent des Friedensertrags. Wetteraufzeichnungen belegen, dass es im April schneite, von Juni bis August sehr heiß und trocken war und es zu einer Schädlingsplage kam. Was genießbar war, ging entweder an die Front oder blieb gleich bei den Bauern (daher ging es den Erdingern ja auch relativ gut). An die Bevölkerung wurden als Ersatz Kohl- und Steckrüben ausgegeben, die kaum Nährwert haben und deren Verteilung auch nur schlecht klappte. Da es kriegsbedingt an menschlicher und tierischer Arbeitskraft für die Feldarbeit mangelte, Düngemittel nahezu komplett fehlten, fiel auch die Getreideernte des Jahres 1917 extrem schlecht aus. Zugleich ging alles Nitrat, dessen künstliche Erzeugung erst kurz zuvor erfunden worden war, in die Munitionsproduktion, natürlicher Salpeter kam aufgrund der Blockade nicht mehr ins Land und fehlte als Dünger auch auf den Feldern der Bauern im Erdinger Landkreis. So folgte auf den „Hungerwinter“ ein „Hungersommer“. Die Grundversorgung der Münchner Stadtbevölkerung lag nur noch bei 1000 Kalorien am Tag – zum Sterben zu viel und zum Leben und Arbeiten zu wenig. Schleichhandel und Wuchergeschäfte blühten.

 

Die Hamsterer kommen
„Den Erdingern ging  es mit ihrem landwirtschaftlich geprägten Umfeld, im Gegensatz zu den Großstädtern etwa, noch verhältnismäßig gut“, weiß Stadtarchivar Markus Hiermer. „Erding war eine Ackerbürgerstadt.“ Die Wilderei stieg ins Unermessliche (inklusive Katzen und Hunde), Schwarzschlachtungen gab es überall, jede noch so ausgelutschte Kartoffelschale wurde an die Tiere verfüttert. Die Schweine wurden in den Wald hinausgetrieben, damit sie sich mit Eicheln, Kastanien oder ähnlichem selbst versorgen.
„Hamsterer“ aus München schwärmten in rauen Mengen vom Ostbahnhof ins Erdinger Land aus. „Das war ein Betrieb ohnegleichen“, erzählt Hiermer. Die meisten kamen mit der Bahn, viele mit dem Rad oder auch zu Fuß. „Die damaligen Lebensmittelmarken waren nicht mehr wert als das Papier. Wenn es etwas gab, dann war es zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben“, so Hiermer. Die „Hamsterer“ kauften den Bauern die Lebensmittel aber nicht mit Geld ab, „das war ja nichts mehr wert“, vielmehr wurde getauscht. Gerade Werkzeuge, „bis zum rostigen Nagel“, alles war gefragt und wertvoll. „Da war nichts mit Wegwerfgesellschaft“, fügt Hiermer an. Die von der Polizei bereits in der Bahn durchgeführten Kontrollen hätten so gut wie nichts gebracht.

 

Aus der Not geboren

Brezn, Hörnchen oder Kaisersemmeln gab es nicht mehr, Marmelade wurde aus Karotten gemacht, Zeitungen versuchten, den Lesern vegetarisches Essen schmackhaft zu machen. In München hungert duie Bevölkerung, am Viktualienmarkt wird das Fleisch von Dachsen und Eichhörnen verkauft.

Wie Niedermayer in seinem Buch schreibt, mussten sich auch die Erdinger gewaltig einschränken und umstellen. Sie rauchten Hopfen statt Tabak, nahmen geröstete Eicheln statt Kaffeebohnen, Brennesseln und Obstkerne wurden als Kaffee-Ersatz gesammelt, Zucker gab es kaum noch, die Postkarten wurde zum Papier sparen verkleinert. Das Bier wurde immer dünner, weil keine Gerste mehr da war, schließlich durfte nur noch zehn Prozent des „Kriegsbieres“ wie in Friedenszeiten gebraut werden. In einer Zeitung stand darauf hin: „Eine solche Biereinschränkung mag sich vielleicht in Norddeutschland, keinesfalls in Bayern durchführen lassen. Bier ist für die bayerische Bevölkerung ein unentbehrliches Genussmittel.“ 

Die Schulkinder mussten barfuß laufen - das Leder brauchten jetzt die Soldaten -, Frauen lernten, wie sie aus Stroh, Filz, Bast, Teppichresten und Linoleum Schuhe herstellen konnten, Sohlen und Absätze waren aus Pappe oder Holz. Nähfaden und Wolle wurden stark rationiert, Kerzenwachs und Öl in den Kirchen beschränkt, der Leichentrunk wurde verboten, auch erfrorene Kartoffeln mussten jetzt essbar gemacht werden, indem man sie kleingeschnitten in kaltem Wasser auftaute. Walnüsse mussten abgeliefert werden für die Ölversorgung, ebenso Kaninchen, Hasen- und Katzenfelle, zudem Flachs, Hanf und Seegras als Füllstoffe, da es ja keine Kunststoffe mehr gab. „Oft war es für die Landwirte weit profitabler, ihre Produkte über den „Schleichhandel" zu vermarkten, statt sie zu den nicht immer kostendeckenden Preisen auf dem regulären Markt anzubieten. Jeder neuen Festlegung von Höchstpreisen folgte sehr rasch eine tendenzielle Verknappung des regulären Angebots. „Schmalhans war Küchenmeister“, lacht Erdings Archivar.

Doch „hungern“ musste in Erding keiner so richtig, die im Januar 1917 im Gasthof Lex, mitten im Zentrum der Stadt eröffnete „Volksküche“ wurde im Oktober schon wieder geschlossen, weil es keine Nachfrage gab.
 

Hunger macht krank
Für Hiermer ist trotzdem sicher, der „erste Weltkrieg wurde an der Heimatfront verloren“, weil weder für Versorgung der Bevölkerung noch der Soldaten vorgesorgt oder geplant worden war. In den Kriegs-Nachfolgejahren kamen dann die unzähligen Toten durch die Spanische Grippe, der 1918 bis 1920 weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen, in Deutschland waren es rund 350.000. Die Unterernährung in den Kriegsjahren hatte dafür den Boden bereitet.

 

Das Buch „Erding im Ersten Weltkrieg“ von Hans Niedermayer ist im Museum Erding erhältlich, dort gibt es auch noch einige Ausstellungsstücke.

Museum Erding – Prielmayerstraße 1 – Erding; Öffnungszeiten täglich 13 bis 17 Uhr, nicht am 24./25.12. sowie 31.12./1.1.2019

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