Markus Hiermer: Der Herr des Archivs

 

Carl Spitzweg hätte seine Freude an Markus Hiermer gehabt. Hiermer (49) ist seit 24 Jahren Stadtarchivar der Stadt Erding, er verwaltet das öffentliche Archiv, sichtet und bewertet alte Bestände, beurteilt, ob es sich lohnt, diese aufzuheben, ordnet und sichert sie fachgerecht für kommende Generationen. Unter seinen „Schätzchen“ sind zahlreiche Schriftverkehre, wie auch viele historische Archivalien und Dokumente.
Hätten sich Spitzweg und Hiermer gekannt, dann wäre aus dem Zusammentreffen bestimmt das Bild „Der Archivar“ entstanden. Ähnlich wie beim Spitzweg‘schen „Der arme Poet“ oder dem „Bücherwurm“, bei denen Spitzweg seine Umgebung kritisch beäugte, ohne sie an den Pranger zu stellen, hätte Hiermer genügend Stoff und Gelegenheit geboten, das Bild des Archivars mit einem guten Schuss Humor zu garnieren.

Von furztrocken keine Spur
Markus Hiermer muss man einfach erleben. Sein Büro im ersten Stock des Erdinger Rathauses ist, wie nicht anders erwartet, chaotisch. Regale voller Ordner und Bücher, zwischen den beiden Schreibtischen über Eck, die mit Unmengen von Aktendeckeln und Schriftstücken belegt sind, fährt er mit seinem Bürostuhl hin und her. Meist lehnt er sich weit im Stuhl zurück und dann sprudelt ein wahrer geschichtlicher Wissensschwall aus ihm hervor. Schnell wird klar: Hiermer ist ein wandelndes Geschichtslexikon. Egal in welcher Epoche man ihn „anbohrt“, er hat eine fundierte Antwort. Und die ist auch nie furztrocken, was man Archivaren oder Historikern ja oft nachsagt. Hiermer garniert sein profundes Wissen mit einer ihm ganz eigenen Satire, pointierten Überspitzungen und Kritik, dass man sich bisweilen wie im Kabarett vorkommt, wo man ja auch auf jede Nuance achten muss. Schade, schade, dass Hiermer seine Aufgabe als Archivar der großen Kreisstadt Erding als eine Arbeit ausschließlich hinter den Kulissen versteht. „Im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen suche ich nicht die Öffentlichkeit! Ich organisiere keine Ausstellungen und gebe keine stadtgeschichtlichen Werke heraus“, winkt Hiermer ab - zumal ihm dazu auch die finanzielle und technische Unterstützung fehlt. Ab und zu ein Vortrag, wie demnächst im Museum Franz-Xaver Stahl über die Sütterlin-Schrift oder bei der Kolpingsfamilie, das war’s dann aber auch schon. „Ich bin Verwaltungsbeamter und Einzelkämpfer, da muss ich Prioritäten setzen!“ Mit spitzbübischen Grinsen fügt er an: „Aber ich bin die städtische Allzweckwaffe, was Stadtgeschichte angeht.“
 

Ein überzeugter Hardliner
Erdings Bestände beginnen am Ende des 30-jährigen Krieges 1648. Vieles ist durch die Plünderungen der Schweden und den ersten großen Stadtbrand 1632 verloren gegangen. „Man hat zwar 1648 wichtige Unterlagen in Fässer verpackt über den Inn nach Wasserburg und Traunstein gerettet, auch mit schwedischen Offizieren verhandelt und 6000 Gulden gegen die Brandschatzung bezahlt , um eine Zerstörung der Stadt zu verhindern. Hat aber nichts genützt! Die Schweden und Franzosen haben trotzdem über mehr als 15 Jahre hinweg die Stadt zweimal geplündert und 1648 vollständig eingeäschert.“

Erst 1693 wurde das Archiv wieder aufgebaut, „aus der Reformationszeit ist leider eben kaum etwas da.“ Zumindest über „einige wenige Urkunden“ aus dem Mittelalter darf er sich freuen. „Das bleibt in meinem Keller!“
 

Der historische Hardliner

Kurz nach seiner dreijährigen Ausbildung an der Archivschule kam Hiermer am 1. Mai 1993 nach Erding. „Volle Aschenbecher und Gerümpel erwarteten mich im Magazin im Keller, von Registratur keine Spur.“ Als seinen Mentor sieht er den damaligen Bürgermeister Karl-Heinz Bauernfeind, ihm verdanke er viel. Bauernfeind habe nicht nur ständig Akten und Bücher ins Archiv gebracht, sondern sich seiner und seines Wissens auch regelmäßig bedient. Nach 24 Jahren Arbeit hat Hiermer 2.500 Akten mit zigtausend Dokumenten archiviert, die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Auf die Frage, wann er denn fertig sei, antwortet Hiermer mit seinem eigenen, hohen Lachen. „Nie! Das ist ein circulus vitiosus, eine Sisyphusarbeit, ständig kommt etwas Neues hinzu!“

Er sei erst mal froh, wenn er demnächst mit dem Repertorium, also dem Verzeichnis, was die Archivare als Findbuch bezeichnen, fertig werde. Dieses Findbuch ist wie eine Inventarliste zu verstehen. Momentan liegt auf seinem Schreibtisch der „Anschluss von Langengeisling an die städtische Wasserleitung von 1928/29“, eine gut gefüllte Akte mit vielen Dokumenten. Anhand des Findbuchs kann dann auch im Archiv gestöbert und es genutzt werden. Aber natürlich nur von Hiermer selbst und einigen wenigen Autorisierten, denn „es gibt auch Vieles, das der Geheimhaltung unterliegt. Etwa Akten zu persönlichen Lebensumständen aus dem Dritten Reich.“

Überhaupt etwas in fremde Hände außer Haus zu geben, das bereitet ihm fast körperliche Schmerzen. „Ich geb‘ nichts her“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die Angst sei viel zu groß, dass etwas kaputt oder gar verloren geht. Wer ein berechtigtes Interesse hat, der kann gerne und jederzeit zu ihm kommen, das sei kein Problem. „Hier bin ich ein Hardliner!“

Kulturverfall ist knallharte Realität
Von klein auf begeisterte sich Markus Hiermer für Geschichte. „Nie hat es etwas anderes für mich gegeben, mich als Leseratte zu bezeichnen ist stark untertrieben.“ Im kommenden Jahr wird er 50, da habe sich auch zu Hause einiges angesammelt. Sein Bücherschrank zu Hause sei voll, ständig müsse er anbauen. Für ihn gilt: einmal Archivar immer Archivar - und in Gedanken 24 Stunden im Einsatz. „Mein Job ist mein Lebensinhalt.“

Auch wenn sein Berufsstand stets in der Vergangenheit spreche, mache er sich darüber keinen Kopf. „ Denn wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht bewältigen und die Zukunft nicht meistern“, ist sich Hiermer sicher. Der Vergangenheit Tribut zu zollen sei aber wichtig: „Kulturverfall ist kein Schlagwort, sondern knallharte Realität.“ Sein Herz schlage ganz klar für die Prinzregentenzeit: „Da schwöre ich drauf als eine Zeit des sozialen, medizinischen und politischen Fortschritts und einer unvergleichlichen kulturellen Blüte.“ Bayern in der Barockzeit hingegen entlockt Hiermer ein lapidares „na ja.“
 

Tief im Keller und mit Hiermers Wohlwollen
Im Untergeschoss des Erdinger Rathauses ist das Herz des Archivs, das Magazin. In neun langen Rollschränken, alle gut vier Meter hoch und sechs Meter lang, lagern hier Pläne, Hiermers geliebtes Zeitungsarchiv, Sammlungen, Grundbuchauszüge, Geburtsurkunden, Zinslisten - eben alles, was nach der Frist von fünf bis 30 Jahren ins Archiv kommt und Hiermer als archivwürdig einstuft. Wohltemperiert bei rund 18 Grad und bei 40 bis 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, in fein säuberlich sortierten und beschrifteten Kartons. Seine Auswahl bestimmt, welches Bild von der Gegenwart überliefert wird, Hiermer „macht“ hier quasi Geschichte. Wichtig sei, alle Metallteile, wie Büroklammern oder Tackernadeln, aus den Schriftstücken zu entfernen, weil diese sonst rosten. Die einzelnen Blätter werden dann zwischen Aktendeckeln zusammengefasst, mit einem Schnürchen verknotet und in säurefreie Kartons verpackt. Anschließend warten sie darauf, geordnet und verzeichnet zu werden. „Titel, Signatur und Laufzeit sind Pflichtvermerke und werden im Findbuch festgehalten. Der Titel ist eine grobe Beschreibung der Akte, die Signatur hilft später beim Finden und die Laufzeit setzt sich aus der Zeit zusammen, in der die Schriftstücke entstanden sind. „Wieviel hier lagert habe ich nie gezählt. Es schaut nach viel aus, könnte aber mehr sein.“ Die Registratur der Nazis etwa sei leider 1945 komplett im Rathausinnenhof verbrannt worden.
 

Was wird aus dem gesammelten Wissen?
Damit aus dem Archiv dann doch für jedermann sichtbare Stadtgeschichte wird, da bedarf es der Historiker. „Die 22 Autoren des Buches ‚Erding nach 1945‘ haben sich alle meiner Archivalien bedient“, so Hiermer. Sein ganzer Stolz gilt aktuell einem Buch in A3 Format, eine an der schottischen St. Andrews-Universität eingereichten Doktorarbeit, die sich mit eucharistischen Wallfahrten, die auf „Heilig Blut“ Mythen zurückgehen, beschäftigt. „Hier war ich der Geburtshelfer!“

 

 

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