Vom Ansturm überrollt

Drei Nähmaschinen stehen bei Jenny del Toso in ihrem kleinen Laden in der Theresienstraße: eine für „Overlock“, damit werden Innensäume gemacht, dass die nicht ausfransen. Eine zweite ist speziell für T-Shirt-Säume, dass die Nähte dehnbar bleiben. „Die dritte ist eine Industrienähmaschine, ein Schnellnäher, für die klassischen Reparaturen“, erklärt del Toso. Am Anfang hatte sie ihren Laden noch täglich geöffnet, doch der Ansturm der Kundinnen – Männer verirren sich nur selten zu ihr, obwohl sie auch Trachten-Janker für Männer anfertigt – war so groß, dass sie kaum noch zum Nähen kam. „Ich muss doch oft längere Gespräche führen, was die Kundin sich exakt wünscht bei einer Änderung oder Maßabfertigung, das geht ja nicht in zwei, drei Minuten!“ Jetzt hat sie „nur“ noch vier Tage in der Woche offen, die restlichen näht sie, oft bis tief in die Nacht hinein und am Wochenende.

 

Der Traumberuf – und eine super Marktlücke!

Und dann erfüllt auch das charakteristische, schnelle Rattern den Raum. Nun schießt die Nadel ihrer Nähmaschine auf und ab durch Stoffe aller Art hindurch. Im Keller hat sie Schränke und dicke Ordner mit Stoffmuster, da ist alles dabei, außer Leder. „Dafür habe ich keine Maschine – also mache ich auch nichts mit Lederhosen!“ Das Fensterbrett randvoll mit Garn- und Fadenrollen in allen nur erdenklichen Farben, überall stehen gespickte Nadelkissen, im Ankleideraum, neben einem mannshohen Spiegel, der markante Rockabdrunder, der aus einer schmalen, breiten Düse ganz fein Talkum bläst und so eine exakte Kante für den Rock oder Hose. Stoffballen und -reste oder eine lebensgroße Modellpuppe sucht man vergeblich, dafürstehe einige Schneiderbüsten mit Jacken, Pullis oder Abendkleidern herum. „Die Stoffe habe ich schon, die liegen nur nicht herum!“, lacht die sympathische Schneiderin.

An den Kleiderständern hängen die fertig reparierten oder geänderten Kleidungsstücke der Kunden, im Zentrum natürlich ihre eigenen Kreationen: Jacken, Dirndl, T-Shirts, aber auch ein Abendkleid. Bis zu 15 Kleidungsstücke schafft sie an einem Tag, das ist zum Teil wenig Kreativität und viel hartes Handwerk.

 

Wander- und Meisterjahre

Nach der Lehre ging’s weiter zur nächsten renommierten Adresse: dem Gewandhaus Gruber in Erding. „Hier habe ich sehr viel gelernt für Änderungen, denn die haben natürlich schon sehr viele und tolle Aufträge!“ Es folgte die zweijährige Ausbildung zur Schneidermeisterin in Vollzeit, anschließend noch ein Jahr Maßschneiderin. „Mein Ziel war immer ein eigener Laden“, doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Zunächst wieder zur Firma Gruber, nun aber vor allem in der Filiale Freising, „hier habe ich jetzt neben dem Ändern das Verkaufen und die Kundenansprache gelernt. Das gehört ja auch dazu!“

Es folgte eine zweijährige Selbstständigkeit zu Hause, in der sie fast schon das Gleiche machte wie heute, nur eben räumlich deutlich beengter. „Und da merkte ich doch sehr schnell, dass es in und um Hallbergmoos einen großen Bedarf für Änderungen und Reparaturen gibt, auch wenn immer mehr junge Leute ihre Klamotten beim Billig-Discounter kaufen und schon mit der kleinsten Macke oder Riss wegwerfen.“

 

 

 

Ein aussterbendes Handwerk

Im 12. Jahrhundert entstand mit Maßanfertigungen und Einzelstücken die Schneiderei. Davor stellten nur die Mütter und Großmütter die Kleider für ihre Familien her. Die ersten richtigen Schneidereien entstanden auf den Höfen und Schlössern reicher Adelsfamilien. Der Adel ließ seine Kleidung von Angestellten anfertigen und so entstanden richtige Schneider, die später nur noch für Kleider zuständig waren. Der Beruf verbreitete sich schnell und es gab bald auch Schneidereien in den Dörfern. Jedoch war der Beruf des Schneiders lange verspottet, da die meist männlichen Handwerker einen typischen Frauenberuf ausübten.

In Deutschland ist das Schneiderhandwerk eigentlich ein Ausbildungsberuf. Es gibt die dreijährige Maßschneiderei und die zweijährige Änderungsschneiderei. Die offizielle Berufsbeschreibung lautet „handwerklicher Lehrberuf der Textilverarbeitung“ – das beschreibt die große Vielfalt. So unterscheidet man zwischen Damen- und Herrenschneider, Änderungsschneider, Modeschneider, Maßschneider, Kürschner (Pelzschneider) und Lederschneider. Da sich seit einigen Jahren jeder, auch ohne Ausbildung und Meisterbrief, Schneider nennen darf, gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Schneider es in Deutschland gibt. Schätzungen gehen davon aus, dass es in ganz Deutschland noch 9000 gibt, in Bayern um die 2500. Die meisten Änderungsschneider sind heute türkische oder asiatische Läden, für deutsche Jugendliche ist der Beruf wenig attraktiv, zumal auch die Bezahlung mit monatlich 275 Euro im ersten Lehrjahr, im dritten dann 325 Euro katastrophal schlecht ist.

 

Frauen wollen noch Schneider haben

Hinzu kommt, dass sich immer weniger Konsumenten Kleidungsstücke individuell anfertigen lassen. Es sind vor allem Frauen: wohlhabende Frauen, die etwas Ausgefallenes tragen wollen, Geschäftsfrauen, die etwas Uniques suchten, Frauen mit einer ungewöhnlichen Figur, die sonst nichts finden, korpulentere Frauen, die trotz ihres Gewichts schicke Kleider tragen möchten. Und oft sind es Frauen, die zu einem bestimmten Anlass dieses eine Kleid, das bereits in ihrem Kopf existiert, geschneidert kriegen wollen.

 

Vom Riss in der Hose bis zum neu bezogenen Kinderwagen

Wer in der Branche überleben will, muss also kreativ sein. Allein vom Handwerk „Maßanfertigung“ kann kaum einer überleben – bei Jenny del Toso funktioniert die Mischung aus Änderungs, Reparatur- und Maßschneiderin. „Ich habe die Marktlücke gefunden! Vom ersten Tag meiner Selbstständigkeit lief es super.“ Hosenbeine und Ärmel kürzen, Risse vernähen, einen Rock oder eine Hose weiter oder enger machen. „Ich mache eigentlich alles, außer ganz dicke Ledersachen“

Sie hatte auch schon einige wirklich außergewöhnliche Aufträge: einen Kinderwagen komplett neu beziehen, das war sehr schwierig und knifflig. „Eine Kundin wollte unbedingt ihre Bettlaken kleiner gemacht haben, eine andere ihren total zerfetzten Lieblingsrock weiter anziehen – wenn es technisch irgendwie geht, dann mache ich das auch!“

 

Qualität aus Bayern hat ihren Preis

Ihr eigentliches Herzblut steckt aber in den Eigenkreationen: Pullover, T-Shirts, Dirndl, Abendkleider oder Jacken. „Da lebe ich dann so richtig auf – leider komme ich aus Zeitgründen seit einiger Zeit kaum dazu, ich habe zu viel Aufträge bei den Änderungen“, bedauert sie ein wenig. Zum Start in die Selbstständigkeit hatte sie einen großen Vorrat an T-Shirts geschneidert, farbenfroh und außergewöhnlich. Natürlich nicht für fünf, sechs Euro, wie die Massenware aus Bangladesch, sondern für 60 Euro das Stück. „Die waren alle innerhalb kürzester Zeit weg, da habe ich fast keine mehr!“ Sie macht auch Maßanzüge für Herren, obwohl sich das kaum lohnt, denn die viele Zeit, die sie da reinsteckt, da müsste sie rund 1000 Euro verlangen, „und das zahlt keiner!“

Groß ist hingegen die Nachfrage nach ihren Dirndln, die beginnen bei 300 Euro und liegen im Schnitt bei 500. „Aber dann hat man eben auch ein wirklich individuelles und nicht das gleiche wie noch drei andere Frauen, alle aus dem günstigen Stoff-Discounter.“ Ihre persönliche Lieblingsfarbe ist ein spezielles Grün, sie berät die Kunden aber auch in alle anderen Farbrichtungen.

 

Zufriedenheit an erste Stelle

Del Toso sagt, sie könnte im Moment 24 Stunden jeden Tag öffnen und nähen, so groß ist die Nachfrage. Daher findet sie auch keine Zeit Nachwuchs auszubilden oder eine Mitarbeiterin anzulernen. Die Kunden kommen nicht nur aus der Region Hallbergmoos, sondern sogar aus München oder Unterföhring und auch ihr alter Arbeitgeber Gruber schickt Kunden zu ihr, wenn er selbst voll ausgebucht ist. „Wichtig ist mir,  dass meine Kunden absolut zufrieden sind: bei den Änderungen, aber auch bei den Maß-Anfertigungen und Verständnis dafür haben, was hinter einem Stück steckt!“

 

 

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