Bis zur Theke und nicht weiter!

Einkaufen mit Dose und Sackerl – möglichst ohne Plastikverpackung

 

 

Kann man beim Einkaufen Plastikmüll vermeiden? Selbst wer Wurst oder Käse aus der Kühltheke im Lebensmittelmarkt meidet, die mit viel Verpackung und wenig Umweltbewusstsein daher kommen, ist nicht aus dem Schneider. Denn wie sieht’s aus, wenn ich beim Metzger mit meiner Dose, beim Bäcker mit meiner Stofftasche oder meinem eigenen Netz am Gemüse- und Obststand auftauche? Umwelt hin oder her: Hier geht es um sehr sensible Lebensmittel, wo die Hygiene erst einmal vorgeht.

Wurst über die Theke werfen?
Jeder von uns „verbraucht“ im Jahr gut 37 Kilo Plastik aus Verpackungen, in Deutschland sind das insgesamt über 3 Millionen Tonnen, ein Großteil davon sind Lebensmittel- und Getränkeverpackungen (und nur die Hälfte davon wird tatsächlich recycelt, also nicht nur verbrannt!)
Auch an der Käse- oder Fleischtheke bekommt man zum Leberkäse oder Emmentaler meist Plastik als Trenner zwischen den Scheiben und als Hülle ums Gesamtpaket dazu. Wäre es da nicht angebracht, eigene Verpackungen in den Laden mitzubringen und zu nutzen? Klingt einfach, ist es aber nicht. Die Lebensmittel-Hygiene-Verordnung besagt im Paragraph 3: „Lebensmittel dürfen nur so hergestellt, behandelt oder in den Verkehr gebracht werden, dass sie bei Beachtung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt der Gefahr einer nachteiligen Beeinflussung nicht ausgesetzt sind.“ Bedeutet für uns: Sie dürfen nur hygienisch einwandfrei verkauft werden. Da es aber einer Verkäuferin nicht zuzumuten ist, zu beurteilen, ob die mitgebrachten Gefäße hygienisch „einwandfrei“ sind, müsste die Verkäuferin die Wurst mehr oder weniger über die Theke werfen. Was ja auch nicht gerade praktikabel ist.
 

Rewes Tupper-Offensive
In Dortmund gibt es drei selbstständige Rewe-Kaufleute, die auf Kundenwunsch und in enger Absprache mit den jeweils zuständigen Ordnungs- und Veterinärämtern seit September vergangenen Jahres testweise an der Servicetheke Kundenbehältnisse annehmen. Hier bringt der Kunde seinen Mehrweg-Behälter mit und meldet diesen vor dem Kauf an der Wursttheke an. Danach legt er die Dose geöffnet auf ein spezielles Tablett, die Mitarbeiterin nimmt es entgegen und legt die gewünschte Menge, etwa an Aufschnitt hinein. Das Tablett geht dann wieder zurück zum Kunden, der die Dose selbst verschließt und seinen Bon drauf klebt. Fertig! Damit hat sich der Wurf über die Theke erledigt. „Verpackungen müssen auf das Maß reduziert werden, wie es nötig und praktikabel ist, sowie Abfälle größtmöglich dem Wertstoffkreislauf wieder zugeführt werden“, sagt ein Rewe-Sprecher. Der Konzern testet beispielsweise Graspapier für Verpackungen, ein Laserlogo direkt auf dem Obst und Gemüse und hat die Plastiktüte von Bananen bereits durch eine Banderole ersetzt. Was die flächendeckende Einführung der eigenen Dose an der Fleischtheke angeht, äußert der sich der Sprecher vorsichtig: „Für qualifizierte Aussagen zur Resonanz ist es noch viel zu früh.“

Vorbild Edeka?
Auch in zwölf Edeka-Filialen in Baden-Württemberg ist es seit Mitte 2016 möglich, an der Frischetheke Wurst, Käse und andere Waren lose, ohne Papier- und Plastikverpackung zu kaufen. Anfänglich mit einer „Mehrweg Hygiene Schleuse“, wo von Edeka bereitgestellte Dosen oder vom Kunden mitgebrachte Boxen mit UV-Licht bestrahlt und auf der anderen Seite vom Supermarkt-Personal entnommen wurden. Mittlerweile ist die „Tablett-Variante“ Usus, dank Tara-Funktion spielt das Gewicht der eigenen Frischhaltedose keine Rolle. Von einer Dokumentation über einen Unverpackt-Laden in Berlin hat sich auch Kaufmann Dieter Hieber inspirieren lassen. Er ist der Inhaber der zwölf Supermärkte und gehört der Edeka-Genossenschaft an. Er hat sich vorgenommen, seine Supermärkte plastikfrei zu gestalten. In der Obst- und Gemüseecke können die Kunden ihre Einkäufe in recycelte Netze verstauen, das Brot darf in den eigenen Jutebeutel gepackt werden. An der Frischetheke warten die Tabletts auf die Frischhaltedosen der Kunden.

Verpackungsarm bei Tagwerk
Die Verbannung von Plastik beginnt nach wie vor im Kleinen. Bei Tagwerk in Erding hat Reinhard Bloch die Idee aufgegriffen und bietet ebenfalls die sehr praktische Tablett-Variante an. Mitarbeiterin Andrea Falterer, seit zwölf Jahren bei Tagwerk hinter der Theke, bestätigt, „es werden immer mehr Kunden, die mit ihren eigenen Behältnissen zu uns kommen.“ Man müsse als Verkäuferin um- und mitdenken, damit man nicht einfach über die Theke greift, sondern erst zum Tablett. „Ein Lernprozess, aber einer der Sinn macht, nämlich weniger Plastik zu verbrauchen.“ Kunden, die erst beim Bummel durch den Markt zum Kauf animiert werden und keine Dose dabei haben, auch für den hat Bloch eine parat. Gegen Pfand kann der Kunde diese dann wieder im Tagwerk-Laden zurückgeben. Es ist nämlich nicht nur der Kampf gegen das Plastik an sich, sondern auch der Kampf gegen die Bequemlichkeit der Kunden, aber „ich bin sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, so Bloch. „Wir müssen es dem Kunden so einfach wie möglich machen.“ In der Obst- und Gemüse-Ecke liegen recycelte Netze bereit, in der die Kunden ihre Einkäufe verstauen können. Für Brot und Semmel gibt es Jutebeutel, für den ist allerdings auch an der Thekenoberkante Schluss ist, weiter darf auch er nicht rüber.

Feneberg, Schachtl und Bäckerei Neumeier
Auch Feneberg-Markleiter Helmut Filser setzt auf Reduzierung. „Die Kunden kaufen gerade bei Obst und Gemüse vieles lose und es ist auch kein Problem, dieses an der Kasse so abwiegen zu lassen.“ Auch gegen von zu Hause mitgebrachte Beutel hat er nichts, „die Kassiererin muss dann aber schon reinschauen, was auch wirklich drin ist.“ Bei Feneberg, wie auch bei der Metzgerei Schachtl, ist die Nachfrage, verpackungsfrei an der Fleisch- und Wursttheke einzukaufen, allerdings noch zu vernachlässigen. „Bei uns ist das bisher kein Thema, einfach weil auch die Kunden das noch nicht an uns herangetragen haben. Prinzipiell bin ich aber aufgeschlossen“, sagt Peter Schachtl. „Hygienisch einwandfrei muss es jedoch immer sein, das hat oberste Priorität.“ Bäcker Max Neumeier wird im Herbst eine Aktion starten: „verpackungsfrei einkaufen“. Da geht es dann um den Stoffbeutel, den die Kunden zu ihm mitbringen sollen und dafür auch belohnt werden. „Ich bin noch am tüfteln, wie wir das sauber und hygienisch machen, aber im Herbst geht’s los!“

Am Bauernmarkt gibt’s kaum noch Plastik
Beim Einkauf auf dem Erdinger Bauernmarkt kommen vor allem am Obststand viele Kunden mit ihrem eigenen Korb und lassen sich den Einkauf direkt dort hineinlegen. Händler Karl Brandl aus Ottenhofen bestätigt, dass „es den Leuten immer wichtiger wird! Die Kundschaft, die auf die dünnen Plastiktüten verzichtet, wird bei uns immer mehr.“ Andi Mair aus Neuching schätzt, dass etwa fünf Prozent ihre eigenen Schüsseln mitbringen, und sich an seinem Stand so das warme Mittagessen mit nach Hause nehmen „Das sind immer die gleichen, die kennen wir schon.“ Ganz ohne Plastik geht es jedoch auch beim Stand von Bio-Käser Georg Hartinger aus Hodersberg nicht. „Die Schnittkanten müssen wir mit Folie abdecken, sonst trocknen sie aus.“ Kunden mit eigenen Gefäßen könne man an einer Hand abzählen, „wir würden es aber schon machen. Dann halt die Box rauf auf’s Tablett und wir füllen ein.“

Unverpackt oder mit möglichst wenig Plastik einkaufen hängt also immer noch stark vom guten Willen ab. Und da ist jeder Einzelne gefragt. Bereits jetzt können mit den sich mehrenden Angeboten viele Verpackungen vermieden werden. Wir alle müssen das aber auch nutzen!

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