Bleib-Gesund-Tee, Ü50 Salz, oder lieber eine Scharfe Johanna

Kräuterpädagogin Gabriele Geitner in Harting

 

 

bb – Klein und zierlich, mit breitem Lachen und unglaublicher Power ausgestattet. So empfängt Gabriele Geitner (59) Besucher auf ihrem Huberhof in Harting, einem kleinen Ort nördlich von Taufkirchen. Aber ebenso wuselt sie bei ihren Kräuterwanderungen samt Kochkurs oder auf
Märkten, wenn sie ihr großes Spektrum an selbst hergestellten Produkten aus eigenhändig gesammelten Kräutern, Blüten und Früchten präsentiert. Ihr Leben verlief keineswegs
gradlinig und bot einige Schicksals und Rückschläge. Doch auf ihrem toll renovierten, uralten Bauernhof samt Hofladen und mit ihrem Hobby als „Kräuterpädagogin“ ist sie einfach
nur glücklich. „Für mich ging mein großer Traum in Erfüllung!“ Das sieht man ihr auch an.

Kindheit in der Natur
Aufgewachsen ist Geitner gemeinsam mit ihrem Bruder in Aufhausen, im Süden Erdings. „Wir hatten einen großen Garten, als Kinder waren wir jeden Tag im Wald, damals gab es ja auch noch viel mehr. Gemeinsam mit der Oma habe ich alle Pflanzen kennen gelernt, auch was man mit ihnen machen kann, habe mit ihr alle möglichen Beeren gesammelt und schon als Kind mit ihr Marmelade daraus gekocht“, erinnert sie sich. Als junges Mädchen fiel ihr auf, dass sie sehr zielsicher Schneefall voraussagen konnte, also wohl eine sehr enge Verbundenheit zur Natur hat. „Den kommenden Schneefall kann ich bis heute irgendwie riechen.“ Von der Oma hat sie viele Rezepte, dazu alte und sehr alte Kochbücher, etwa eines mit Rezepten der Hildegard
von Bingen. Die universalgelehrte Nonne lebte von 1098 bis 1179 und beschäftigte sich bereits damals mit „Naturheilkunde“, wie wir es heute nennen würden – also: mit Lebensmitteln direkt aus der Natur.


Die Träume realisiert
Bevor Geitner für sich selbst das Sammeln und Verarbeiten von Wild- und Gartenkräutern sowie Früchten professionalisierte mit einer zeit- und kostenintensiven Ausbildung zur „Kräuter-Pädagogin“ in der renommierten Gundermannschule in Bad Tölz, dauerte es noch viele Jahrzehnte. Dazwischen lagen sechs Kinder, heute zwischen 34 und 13 Jahren alt, mehrere Nackenschläge in der Partnerschaft sowie Jobs beim BR,der Versicherungskammer oder seit
vielen Jahren beim Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen, wo sie in der Poststelle arbeitet. „Ich hatte drei große Wünsche und Träume für mein Leben: Ich wollte schon immer sechs Kinder, die habe ich und bin so glücklich mit ihnen. Ich wollte einen großen Bauernhof, habe mein ganzes
Leben dafür gespart, ihn vor 15 Jahren in Harting gefunden und vor zehn Jahren gekauft. Und ich wollte mit der Natur, mit Kräutern, Blüten, Gräsern arbeiten und daraus wohlschmeckende
Lebensmittel machen. Auch das habe ich geschafft, in meinem Hofladen oder im Internet kann
die jeder kaufen. Also – ich bin glücklich!“, sagt sie aus vollem Herzen und lacht ihr äußerst sympathisches Lachen.

Das Rennpferd darf loslaufen
Mit ihrem Vater und ihren Kindern zog sie vor zehn Jahren in den alten Hof, tauschte die alten Fenster und Böden aus, renovierte aufwändig. Einer ihrer Söhne schreinerte den riesigen
Esstisch, ihre Schwiegertochter malte das herrliche Löwenzahn-Bild auf die Wand ihrer „Cucina“. Alles ist ganz offen, farbenfroh, im Zentrum bollert ein Holzofen, „ich habe auch eine Fußbodenheizung, aber die mache ich fast nie an, Holz ist einfach gemütlicher.“ Töpfchen, Schüsseln, Tiegeln, Gläschen und Flaschen stehen überall herum – quasi jederzeit einsatzbereit für den nächsten Wildkräuter-Kochkurs oder die Produktion eines Salzes, Senfs, Sirups, Öls
oder Fruchtaufstrichs. „Ich sammle eigentlich fast das ganze Jahr in meinem Garten und in der Umgebung, jetzt im Frühjahr natürlich viel mehr. Und gibt es wirklich gar keine Kräuter oder Früchte, dann kann ich mit meinen eigenen Eiern immer noch einen Eierlikör machen“, sagt Geitner. Nach vielen Jahren Suchen fand sie den Bauernhof, diesen als Alleinerziehende dann von der Bank auch finanziert zu bekommen war wahnsinnig schwer. „Aber ich habe das
geschafft und bin noch nie eine Rate schuldig geblieben“, betont sie stolz. Dann kam ihr Entschluss, im Crash-Kurs Kräuter-Pädagogin zu werden. Viele Wochenenden in Bad Tölz,
dazwischen zu Hause viel pauken. „Gemeinsam mit meinen Kindern, die fanden das klasse und lernten mit mir, vor allem die lateinischen Begriffe. Denn das ist eine staatlich anerkannte
Ausbildung, die verlangen wirklich viel, bevor man das Zertifikat erhält.“ Geitner sagt, sie habe das ihr ganzes Leben in sich gefühlt, dass sie mit Kräutern und Pfl anzen arbeiten will und ihr Wissen weitergeben möchte. „Doch mit meinen Kindern, die ich ja ernähren musste, ging das nicht. Als ich endlich die Urkunde zur staatlich anerkannten Kräuterpädagogin hatte – da fühlte ich mich wie ein Rennpferd, das jahrelang eingesperrt war und nun endlich losrennen darf. Das
war herrlich.“

 

Der Kampf gegen die Bürokratie
Und dann legte sie los, die Ideen, Rezepte und Konzepte hatte sie in ihrem Kopf schon ewig, kochte und mischte für sich selbst. Jetzt durfte sie es offiziell und auch verkaufen: Die vielen, vielen Lebensmittel, die sie entsprechend den Jahreszeiten und immer nach dem Motto „So einfach wie möglich“ in ihrer Küche herstellt: Fruchtaufstriche, von Erdbeere über Aronia, natürlich ihre geliebten Gänseblümchen, Hollerblüten, Him- und Johannisbeere, Quitte-Tonka, aber auch aus Springkraut und Rose. Darunter fallen ebenso die „Muntere Hilde“, „Lenis Kirschzauber“, der „Süße Johann“ und die „Scharfe Johanna“. Viele Rezepte von der Oma, Mama
und Freunden, aber auch jede Menge selber ausprobiert. „Manches hat am Anfang gar nicht geschmeckt!“ Die gleiche Vielfalt trifft auch zu auf ihre Soßen & Chutneys, hier reicht die Bandbreite von Löwenzahn-Knospen, die zu Blütenkapern werden bis Josta Chutney. Pesto gibt
es klassisch mit Basilikum oder mit Bärlauch, aber auch mit Giersch und Wildkräutern. Beim selbstgekochten Senf kann man verschiedene Größen und Schärfegraden von Feige bis zum „Huberhofsenf“ auswählen, bei den Gewürz-Salzen, („natürlich nur mit dem Original Ur-Salz, das noch alle 97 Mineralien beinhaltet“) vom 12-Kräutersalz über Blüten- und Gundelrebensalz bis Lavendelsalz, „Das Wilde Nr. 5“, Ü50- und schließlich Zaubersalz. Zucker verfeinert sie
zu Orient-, Orangen- oder Lavendelzucker. Die Zahl der verschiedenen Essige & Öle ist riesig, am außergewöhnlichsten sind sicherlich Veilchen-, Flieder- oder Gundelreben-Essig, Bärlauch- und Steinpilz Öl. Als Sirup bietet sie unter anderem die Geschmacksrichtungen Cassis,  Fichtennadeln, Ingwer, Springkraut oder Waldmeister an. Auch die Tees sind aus selbst gesammelten Kräutern und tragen Namen wie Anti Stress-, Alles Liebe-, Bleib Gesund-, Hals
Fee- oder Ruh Dich aus-Tee. Selbst für Essiggurken und Sauerkraut finde sie irgendwann Zeit und in ihrem„Naturschrankerl“ stehen neben Löwenzahn Sirup, Schwarzen Nüssen und Quittenkonfekt auch „Energie Platzl“, dessen Rezept angeblich von Hildegard von Bingen stammt. Alle ihre Köstlichkeiten gibt es als kleine Mitbringsel und Give Aways ebenso
wie in größeren Haushalts-Behältern, aber auch in liebevoll von Geitner zusammengestellten
Geschenkkörben.

 

Das große Wissen weitergeben
Das zweite Standbein neben den Spezialitäten sind ihre Vorträge: in Schulen, bei Landfrauen, bei der VHS oder Gartenbauvereinen. „Das Interesse der Leute ist gewaltig, so viele wollen wieder wissen, was um uns herum wächst und was man damitmachen kann!“ Außerdem steht sie etwa vier Mal im Jahr auf Märkten in der Region und präsentiert sich und ihr Sortiment. Schließlich gibt es natürlich noch „Kräuterwanderungen“ mit anschließendem Kochkurs, bei
dem die gesammelten Kräuter immer gleich zu allem möglichen verarbeitet werden. „So schmeckt der Frühling“ lautete das Motto des ersten Treffens in diesem Jahr, „Delikatessen am
Wegesrand“, das zweite. Am 6. Juli treffen sich bis zu zehn Kräuterfans zum Thema  „Wildkräuter und essbare Blüten“, am 20. Juli dann zu „Unkräuter zum Genießen“. „Und dann habe ich ab und zu noch ein paar Zahnärzte oder auch Firmen zu Gast, die kommen zuFeiern auf den Hof und wollen ganz einfach, aber super lecker essen und trinken – das mache ich dann für die“, berichtet Geitner.
Es läuft also richtig gut für sie und ihre Kräuter. „Mich ärgert nur, wie oft die von der  Lebensmittelkontrolle schon da waren und immer wieder das gleiche prüfen. Natürlich muss
sich jeder an die Regeln halten, aber so ein kleiner Betrieb wie meiner, was wollen die denn hier finden? Ich verwende doch nur die Natur um meinen Hof, das ist echt schon Schikane“, schüttelt sie den Kopf.

 

Das Einfache ist das Beste
Geitners Kunden im Hofladen, aber auch bei den Führungen und Vorträgen sind bunt gemischt: jung und alt, Frauen wie Männer. „Es sind sogar viele dabei, die selber auf dem Land aufgewachsen sind, aber vergessen haben, was man mit den Kräutern alles machen kann oder wie man sie sicher erkennt, dass keine giftigen dabei sind“, sagt Geitner. So etwa ihr Tipp beim beliebten Bärlauch, um den ja nicht mit Maiglöckchen zu verwechseln: „Der Bärlauch knackt
beim Blätter-knicken, Maiglöckchen nicht.“ Die Nachfrage nach ihren Produkten ist auch Dank der sehr guten Homepage sowie ihrer zahlreichen Auftrittte auf der Berliner Grünen Woche mit
dem Landkreis Erding groß. So lässt sich beispielsweise eine Spezialitäten- Metzgerei im schwäbischen Biberach ihren Fichtensirup schicken. Ein großer Caterer bekommt die unterschiedlichsten Sirups für seine Cocktails. „Ich hatte schon öfters das Angebot, große Mengen meiner Fruchtaufstriche, Sirups, Soßen oder Salze zu produzieren. Aber ich habe eine kleine Manufaktur, die Feinkost herstellt. Ich weiß ganz exakt, was wo drin ist und stelle alles selbst her. Ich stehe voll hinter all‘ meinen Produkten, da kann ich keine riesen Mengen herstellen.“ Für sie ist Einfachheit Trumpf, kein Hokuspokus oder Schischi. „Viele sind sehr überrascht, wie wenige Inhaltsstoffe drin sind und wie klasse das schmeckt!“ Essen bedeutet für Geitner: Genuss pur, Freude, Lebensqualität, Entspannung. Einige Tipps und Zutaten stehen auf jedem Etikett, „aber Alles verrate ich natürlich nicht – selbstverständlich habe ich aber jedes
Rezept ganz genau für mich aufgeschrieben, denn ich probiere ja ständig etwas Neues aus.“
 

Die Energie aus dem Garten
Fast alles, was sie verarbeitet, findet Geitner im großen Garten rund um ihren Hof: einige Beete, zwei neue Hochbeete mit Folien für die frühen Pflanzen, am sumpfi gen Tümpel, um den ein Biber die jungen Bäumchen flach gelegt hat, im Obstgarten und zwischen ihren vielen Beerensträuchern. „Einige Landwirte schimpfen schon, dass ich meine Kräuter und Gräser wachsen lasse, für die ist das Unkraut. Für mich Natur!“ Hier findet sie auch ihre Kraft und Energie, wenn sie sich mal wieder schlapp fühlt, „eine Stunde in meinem Garten – dann bin ich wieder voll aufgeladen.“ Sagt sie, lacht lauthals und wuselt los.

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