Der erste Schnitt wird um eine Viertelstunde vorverlegt

Alberg Hüttinger ist neuer "OP-Manager" im Krankenhaus und soll eine Menge Geld einsparen.

 

 

Kein kommunales Krankenhaus, das sich nicht nur die lukrativen Privat-Rosinen herauspickt, sondern für die Grundversorgung der Bevölkerung zuständig ist, kann kostendeckend arbeiten. Die Gründe dafür sind vielschichtig – aber es ist gut so, dass eine Stadt oder ein Landkreis jedes Jahr tief ins Steuersäckel greift, um seinen Bürgern in erträglicher Nähe und mit zu vertretenden
Wartezeiten alles bietet, was ein normales Krankenhaus kann: von der Behandlung der schweren Erkältung über Brand-, Stich- und Sturzverletzungen, Gallen- oder Nierenoperati-
onen, Herzinfarkte und Schlaganfälle bis hin zu Geburten. Dies alles verursacht, gemeinsam mit der viel zu oft unnötig genutzten Notfallabteilung, jedes Jahr ein kräftiges Defizit. Im Erdinger Krankenhaus waren es 2019 über 2,8 Millionen Euro. „Ich stehe zum Krankenhaus in Erding und
auch zu dem in Dorfen, beide sind für die Bevölkerung im Landkreis enorm wichtig. Wir müssen aber, um die Finanzen langfristig positiv zu entwickeln, Maßnahmen ergreifen“, betont Landrat Martin Bayerstorfer (CSU). So soll das Krankenhaus ein „Schwerpunktversorger“ werden, um neue Abteilungen, wie eine Kinderstation und eine Neurologie zu bekommen, dadurch mehr Patienten und Fördergelder, beispielsweise für den Bau eines hypermodernen „Hybrid-OP-Saals“. Der Vorteil: spezialisierte Abteilungen, wie eine Gefäß- oder Thoraxchirurgie sind im
Erdinger Klinikum bereits seit Jahrzehnten etabliert. Auch der Ausbau des Dialysezentrums soll vorangetrieben werden.


DER OP-MANAGER GREIFT EIN
Ein Schritt, um das Defizit nicht weiter zu erhöhen, ist Kosteneinsparung. Dafür wurde Albert Hüttinger (40) eingestellt, er ist seit Oktober 2019 der erste offizielle „OP-Manager“ in Erding. Seit 1. Februar greift seine erste Maßnahme: Der „erste Schnitt“ des Tages, also der Beginn aller
Operationen in den sechs zur Verfügung stehenden OP-Sälen, wird von 8.35 auf 8.20 Uhr vorverlegt. Was lächerlich klingen mag, vielleicht sogar Kopfschütteln auslöst, bekommt eine Dimension wenn man bedenkt, dass jede Minute OP-Saal, steril hergerichtet mit Patient, Schwestern, Pflegern, Ärzten und der Technik, 18 Euro kostet. „Das multipliziert mit täglich 15 Minuten früher anfangen in sechs OP-Räumen ergibt im Jahr eine Mehrauslastung der Operationsräume. Daher ist selbst diese Viertelstunde täglich früher anfangen, die alle pünktlich einhalten müssen, sinnvoll“, sagt Hüttinger. So kann das Klinikum sein Leistungsangebot erweitern und mehr Patienten versorgen. Dass sich dabei auch die
finanzielle Seite verbessert, ist ein erwünschter Nebeneffekt.

 

KEIN STRINGENTER WEG, ABER EIN FACHMANN
Er stammt aus Gumpersdorf in Niederbayern, hat mal Schreiner gelernt, kam über den Zivildienst zum Gesundheitssystem, machte eine Ausbildung zum Krankenpfleger, dann
zum Fachkrankenpfleger für OPs, es folgten Aus- und Fortbildungen, ein berufsbegleitendes Studium zum OP-Manager. Hüttinger war OP-Leiter in den Rottal-Inn-Kliniken in Eggen-
felden, Pflegedienstleiter, machte den MBA im Gesundheitswesen. Jetzt ist er OP-Manager am Klinikum Landkreis Erding und zudem verantwortlich für das Personal vor, während und nach den Operationen. „Die Operations-Bereiche erwirtschaften fast die Hälfte aller Einnahmen eines
Klinikums – gleichzeitig sind sie mit Abstand die teuerste Abteilung, die immer noch teurer wird, wenn die Organisation nicht reibungslos läuft“, erklärt Hüttinger. Seine Aufgabe ist
daher die effiziente Auslastung aller sechs OP-Räume, dass es also pünktlich losgeht mit den Operationen, das gesamte Personal inklusive Technik, Geräte, Besteck, Patient und vor allem Operateur bereit stehen. „Unser Ziel ist es, aus dem OP-Bereich mittelfristig ein sogenanntes
Profit-Center zu machen, in dem sämtliche Kosten mit den Einnahmen verrechnet werden. Wenn also zum Beispiel OP-Beginn um 10 Uhr ist und der Operateur aus welchem Grund auch immer erst um 10.20 Uhr anfängt, dann werden ihm diese 20 Minuten wirtschaftlich angerechnet. Am Monatsende muss er sich dafür rechtfertigen“, sagt Hüttinger.


„NAHT-SCHNITT“- UND „SCHNITT-NAHT-ZEIT“ SIND IN ERDING ZU LANGE
Über spezielle Dienstleister kann man sämtliche „normalen“ Operationen in allen deutschen Krankenhäusern miteinander vergleichen, sogenannte „Benchmarks“ einholen. Wie lange dauert also beispielswiese eine Gallenoperation ohne Komplikationen in Deutschland (vom ersten Schnitt bis zur Naht), oder wie lange dauert es von der einen zur nächsten OP: Patient hinausrollen, Desinfektion, Besteck- und Technik-Vorbereitungen, neuer Patient rein (die „Naht-Schnitt-Zeit“). „Wir untersuchen genau wie lange was in Erding dauert, vergleichen dann mit den Benchmarks und schauen woran das liegt. Befindet sich das Instrumentarium nicht am
idealen Ort? Kommen die Patienten oder Operateure zu spät, oder arbeiten die Erdinger Teams langsamer?“ Es gebe, so Hüttinger, in der gesamten Prozesskette ein spürbares Potenzial, das er gemeinsam mit den Ärzten erarbeiten will. „Auf keinen Fall werden wir die operierenden
Ärzte unter Druck setzen, maximale Qualität der OP wird immer im Mittelpunkt stehen. Aber sämtliche Abläufe vor und nach der Operation werden genau geprüft, inklusive Lieferanten
von Technik und Materialien, eben überall, wo es Einsparmöglichkeiten gibt“, so Hüttinger.

 

PROBLEM: PERSONALNOT
Hüttinger wurde primär eingestellt, um die Organisation im OP zu verbessern. „Ich selbst habe den Anspruch, einen sechsstelligen Euro-Betrag durch effizientere Prozesse im OP-Bereich einzusparen, gleichzeitig mehr OPs als die bisher rund 7000 im Jahr durchzuführen“, sagt
Hüttinger bestimmt. Nicht alle hätten ihn mit offenen Armen empfangen, da er doch einiges ändern wird. „Viele erkennen schon die Notwendigkeit meines Jobs. Ich sehe mich im po-
sitiven Sinne als Störenfried langjähriger Prozesse, die nun hinterfragt werden, um so effektiver zu werden und Kosten einzusparen, ohne dabei die Qualität der Patientenversorgung
zu ändern.“Ein Problem wird aber die Personalknappheit bleiben. „Wenn Pflegekräfte weiterhin so schlecht bezahlt werden wie bisher, dazu Kliniken in München hohe Prämien für Fachkräf-
te zahlen, werden wir uns als kleines Krankenhaus immer sehr schwer tun, alle Ansprüche zu erfüllen“, bedauert Hüttinger. Daher führt er auch seit seinem Dienstantritt ständig Per-
sonalgespräche, mit Bewerbern von Kolumbien bis zu den Philippinen.

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