Figuren des weltberühmten Erasmus Grasser im Museum Erding

 

 

Wertvolle Inventar-Nummern 946 und 964

Es werden nur wenige Finger spontan in die Höhe schnellen auf die Frage: Wer war Erasmus Grasser? Und wer es weiß, hat mit Sicherheit etwas mit dem Bereich der Kunsthistorie zu tun. Denn gleichwohl Grasser (geboren um 1450; gestorben 1518) einer der talentiertesten und durch seine Moriskentänzer auch originellsten deutschen Holzschnitzer des 15. Jahrhunderts war, hat er es nicht zum gleichen Ruhm geschafft wie sein Zeitgenosse Leonardo da Vinci oder seine Bildhauer Kollegen Tilman Riemenschneider (* um 1460; † 1531), Veit Stoß (* um 1447; † 1533) oder Hans Leinberger  (* um 1470/1480; † 1531). Erst spät feierte man Grasser so, wie es ihm gebührte: als kühnen Geist, der als Holzschnitzer, Bildhauer und Baumeister die Münchner Spätgotik prägte. Zwei seiner Figuren, der "Heilige Erasmus" und die "Heilige Katharina" hat das Erdinger Museum als Schätze mit den Inventar-Nummern 946 und 964 in seinem Besitz. Der Erasmus ist in der Abteilung „Kunst & Künstler“ ausgestellt und war vom April bis Juli im Bayerischen Nationalmuseum als Leihgabe zu sehen in der Ausstellung „Bewegte Zeiten – Der Bildhauer Erasmus Grasser“.


Der Ruhm kam erst später

Nicht einmal Grassers exaktes Geburtsdatum ist bekannt, um das Jahr 1450 herum vermutet man es in Schmidmühlen bei Amberg in der Oberpfalz. Auch sein Name war wenige Jahre nach seinem Tod im Jahr 1518 bereits wieder in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, war er doch 1480 in München Zunft-Vorsteher – heute würde man Innungsmeister sagen -  der Maler, Schnitzer, Seidennäher und Glaser. Eine Zeit, in der die Moriskentänzer gerade einen „Hype“ erlebten. Grasser hatte aufgrund seines Talents einige Neider, denn anfangs versuchte die Münchner Zunft ihm die Aufnahme zu verhindern, wollte ihm gar eine Berufsausübung nicht zulassen, als er 1475 beim Rat der Stadt München die Zulassung zur Meisterschaft beantragte. Der Rat erkannte sein Talent und erteilte ihm den Erlass. Dieser war zugleich mit dem Bürgerrecht verknüpft, Teil der Ständegesellschaften zu sein, die sich im Mittelalter in den Städten herausbildeten. Deren Mitglieder waren frei, genossen rechtlichen und militärischen Schutz und zählten zur privilegierten Mittel- und Oberschicht und stellten auch die Stadträte.

Der erfolgreiche und reiche Künstler

Grasser war jedoch beruflich erfolgreich, er eröffnete noch im gleichen Jahr eine Werkstatt in München, sein persönliches Glück fand er in der Heirat mit der aus dem niederen Landadel stammenden Dorothea Kaltenbrunner. Sie wohnten in einem Eckhaus in Schwabing, dort, wo heute etwa die Residenzstraße Nr. 10 ist.

Als Bildhauer konnte er in München Fuß fassen, bereits 1477 fertigte er die hölzerne Wappenschilde sowie die beiden bildhauerischen Sonne- und Mond-Darstellungen für den Tanz- und Festsaal im dortigen Tanzhaus. Dieser Auftrag bescherte ihm noch größere und seine heute bekanntesten bildhauerischen Arbeiten: Die sogenannten Moriskentänzer (1480), von denen er vermutlich 16 erstellte. Darunter der berühmte „Mohr“, der „Bauer“, das „Schneiderlein“ oder der „Hochzeiter“, die seither tausendfach kopiert wurden. Die aus Lindenholz geschnitzten Figuren gehören zu den bekanntesten Plastiken der Spätgotik und zählen heute mit zu den wertvollsten Ausstellungsstücken, die das Münchner Stadtmuseum zu bieten hat. Und sie haben Grasser zu einem der reichsten Künstler gemacht, die 16 Figuren kosteten 150 Pfund und 4 Schillinge und hätten für den Kauf von tausend Schafen gereicht. Grasser war in der Riege der 30 reichsten Bürger Münchens angelangt, sein Aufstieg ungebremst. Er profitierte vom Neubau des Rathauses und vom Bau der Frauenkirche, wo er 40 Apostel-, Papst- und Heiligenbüsten für das Chorgestühl lieferte.

Doch was machten Grassers Skulpturen aus, wieso begeisterten sie so, dass auch Hitler im Wohnzimmer am Obersalzberg eine Kopie eines Tänzers von Grasser aufstellte? Der Kurator des Bayerischen Nationalmuseums, Michael Weniger,  formuliert es so: „Keine edlen Antlitze, sondern Charakterköpfe mit großen Nasen, breiten Kinnpartien, seitlich abfallenden Augenbrauen, eingefallenen Wangen, häufig mit hervortretenden Augen, bisweilen in sehr tiefen Höhlen […], und fast immer mit zum Sprechen geöffneten Mündern.“ Für Volker Liedke, ehemals Oberkonservator

am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sind die Grassers Moriskentänzer „feinsinnige Studien menschlichen Verhaltens.“
 

Glück muss man haben

Viele Werke Grassers wurden erst spät oder nur zufällig entdeckt, auch die beiden Heiligen Figuren von Erasmus und Katharina im Museum Erding. Eine Schwarzweißfotografie aus dem Jahr 1963 zeigt den Ausstellungsraum zur Kirchenkunst, als das Städtische Heimatmuseum noch im zweiten Stock des heutigen Rathauses untergebracht war. „Auf dem Foto sind beide Holzskulpturen zu erkennen“, so Sammlungsleiterin Elisabeth Boxberger.  Auch auf Fotografien zur Neueröffnung am neuen Museumsstandort Prielmayerstraße 1 im Jahr 1986 ist die Figur des Heiligen Erasmus im Dauerausstellungsraum Kirchen- und Volkskunst zu erkennen. Seit vier Jahren steht die hölzerne Ganzfigur des Erasmus in der neueröffneten „Kunst & Künstler“-Abteilung der Dauerausstellung im sanierten und erweiterten Museum Erding. „Die Herkunft der Heiligen Katharina und des Heiligen Erasmus waren vermutlich jedoch bislang unbekannt, zumal die alten Zugangsbücher des Heimatmuseums tragischerweise verschollen sind“, so Boxberger. So hatte der ehemalige Kreisheimatpfleger Wolfgang Schierl die Erasmus-Figur beispielsweise noch der Leinberger-Schule zugeordnet und um 1525 datiert. Erst seit einem Jahr ist es eindeutig klar, welch‘ ein Schatz in der Herzogsstadt steht. Anlässlich der geplanten Sonderausstellung „Bewegte Zeiten – Der Bildhauer Erasmus Grasser“ besichtigte das Kuratorenteam von Bayerischem Nationalmuseum und Diözesanmuseum Freising das Museum Erding den Skulpturenbestand. Dabei ordneten die Experten die Erasmus-Skulptur einstimmig als ein Werk Grassers zu, und bestätigten damit die Kunsthistoriker Paul Arnold und Albrecht Miller, die bereits unabhängig voneinander mit dieser Herkunft identifiziert hatte, dies aber bislang scheinbar nicht öffentlich bekannt wurde.

Durch Zufall entdeckten die Kuratoren eine weitere Holzskulptur, die der Hl. Katharina, die im Depot schlummerte. Diese ordneten sie ebenfalls als mögliches Werk aus der Grasser’schen Werkstatt ein, besitzt sie stilistische Ähnlichkeiten zu bereits bekannten Grasser-Werken: die Frisur Erasmus, kräftige Kinnpartien, die etwas hervortretenden Augen sowie die Gewandfalten.

„Für die Sammlung des Museums Erding war dies ein wichtiger Erkenntniszugewinn, denn die beiden Museumsobjekte hatten nun plötzlich einen ‚berühmten Künstler-Vater‘ erhalten und lassen sich so genauer datieren.“ Erasmus kommt womöglich sogar aus der Gegend, „er könnte", so vermutet es Kurator Weniger, "aus der Kirche St. Georg in Finsing stammen, wo er verehrt wurde". Dort gibt es sogar noch weitere Holzskulpturen der Grasser-Werkstatt sagt Elisabeth Boxberger.

 

 

Kasten:

München ist geprägt von der spätgotischen Kunst des Bildhauers Erasmus Grasser. Zu seinem 500. Todestag zeigte das Bayerische Nationalmuseum in Kooperation mit dem Diözesanmuseum Freising vom 19.4. bis 29.7.2018 unter dem Titel „Bewegte Zeiten“ zum ersten Mal 70 wesentliche Werke seines Schaffens. Hierzu gibt es auch einen tollen Bildband von Eikelmann, Renate; Kürzeder, Christoph (Hrsg.) (2018): Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser (um 1450-1518). München: Hirmer.

 

Im Jahr 2016 konnte Grassers Skulpturengruppe „Schmerzensmann“ von der Erzdiözese München und Freising in New York für 112.500 US-Dollar ersteigern. Die hölzerne Skulpturengruppe entstand wohl um 1490 und wurde später steinfarben gefasst. Sie ist 54 Zentimeter hoch und zeigt Jesus Christus als Schmerzensmann, der von zwei Engeln gestützt wird.

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