Bauern wollen Unterstützung – und müssen doch erst mal umdenken

Grüne Kreuze sollen auf zum Teil miserable Situation aufmerksam machen

 

 

Fünf Kreuze stehen im Landkreis Erding. Nicht auf dem Friedhof, sondern auf landwirtschaftlich genutzten Äckern. Sie tragen keinen Trauerflor und symbolisieren auch nicht den Tod,
zumindest noch nicht. Denn die Kreuze auf den Feldern sind grün. „Das ist die Farbe der Hoffnung und das Kreuz steht auch als Zeichen der Auferstehung“, betont Michael Hamburger
von der Vereinigung „Landwirtschaft im Landkreis Erding“ bei der Vorstellung der Aktion #grüne- Kreuze. Politik, Handel und Verbraucher seien die Verursacher an der Bauern- Misere.
Eigenkritik gibt es keine.

Verbraucher müssten Anstrengungen honorieren
Gezimmert an den Kreuzen wird bundesweit, „im Landkreis läuft die Aktion gerade an“, sagt Hamburger. So wie auf dem Acker der Familie Brielmair in Grucking. Die junge Bäuerin Caroline ist Spross eines landwirtschaftlichen Betriebes mittlerer Größe, den es seit dem Jahr 1401 gibt. „600 Jahre lang haben wir voller Stolz die Bevölkerung ernährt!“ Die Brielmairs sind Fresser-Erzeuger (Jungtiere beim Rind) und Caroline betont: „Tierwohl kostet seinen Preis. Doch gegen billiges Fleisch aus dem Ausland kommen wir mit unserem teureren, bairischen Rindfleisch nicht an.“ Die Verbraucher würden zwar laut nachhaltig erzeugte Produkte fordern, möglichst in Bio-Qualität, ohne Spritzen und unter bester Einhaltung von Tierwohl. „Aber dann verlassen
sie die Supermärkte doch mit billigen Fleisch- und Wurstwaren“, sagt Landwirt Lorenz Oberndorfer. Da spiele plötzlich die Herkunft, artgerechte Haltung oder Fütterung keine Rolle mehr. „Es ist auch keinesfalls so, dass wir Bauern uns einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise
verweigern, aber Naturschutz muss langfristig planbar sein und eben auch zum Einkommen beitragen“, betont Hamburger. Moore wieder zu vernässen, Wälder aufzuforsten und Blühstreifen anzupflanzen, das ei alles machbar. „Aber Natur- und Artenschutz geht nicht zum Nulltarif, Bio zum Schnäppchenpreis gibt es nicht!“ Nur der Verbraucher, der spiele eben nicht mit, beklagt Hamburger, „alleine schaffen wir das nicht!“

 

CSU-Politik ist nicht mehr automatisch Bauern-Wohl
Viel Kritik äußern die Landwirte auch in Richtung Politik. Der Agrarpakt des Landwirtschafts- und Umweltministeriums erschwere die traditionelle Landwirtschaft, mache sie gar unmöglich. „Leider wird uns nicht gesagt, welche Alternativen wir haben, wenn wir Pflanzenschutzmittel
um 75 Prozent reduzieren sollen“, sagt Hamburger. Ein weiterer Punkt sei das Mercosur* Freihandelsabkommen, „ein unfairer Pakt, der viele Bauern, vor allem Familienbetriebe, in ihrer Existenz gefährdet“, sagt Kreisbäuerin Irmgard Posch. Keine Zukunft für die Jung-Bauern?
Die Konsequenz sei, dass sich Jung-Landwirte gegen die Landwirtschaft entscheiden, „einfach weil sie mutlos sind“. Es drohe, malen die Landwirte den Teufel an die Wand, dass eine
‚industrielle Landwirtschaft‘ komme, „die aber keiner von uns will. Dann kommen selbst die Grundnahrungsmittel aus dem Ausland, die unter welchen Standards auch immer erzeugt
wurden“, sagt Hamburger. Auch der Einzelhandel helfe den Landwirten gar nicht: Die Erzeugerpreise würden ständig gedrückt und billigere Lebensmittel importiert. Damit nehme man den Landwirten die „Luft zum Atmen“.

Grüne Kreuze sind angeblich kein Jammern
„Wir wollen die Verbraucher mit den grünen Kreuzen zum Nachdenken anregen“, sagte Posch. Sie stünden als Mahnmal gegen steigende Auflagenflut, überzogene Bürokratie, Dumpingpreise für Essen, ungebremsten Flächenverbrauch und unfaire Handelspolitik. Auch Bernhard Karrer vom Verband landwirtschaftlicher Fachbildung unterstützt die Aktion, denn es herrsche bereits eine bedrückende Lähmung in der Landwirtschaft. „Der Stillstand in der Entwicklung ist deutlich zu spüren. Wer uns Jammerei vorwirft, der täuscht sich, denn zum Jammern haben die Landwirte bald keine Kraft mehr und dauernd wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben“, sagt Karrer.

 

Es geht aber auch anders
Dass die Landwirte mit den Verbrauchern und damit ihren Endkunden ins Gespräch kommen, das ist für Matthias Lohmeier vom Bund deutscher Milchviehhalter wichtig. „Wir haben es unseren Mitgliedern frei gestellt, ob sie bei den Kreuzen mitmachen oder nicht. Der Verband steht offiziell jedoch nicht dahinter.“ Für Lohmeier sind die Kreuze nur ein weiteres Jammern und Klagen, alle anderen haben Schuld, nur nicht die Landwirte selbst. „Das müssen wir endlich
aufhören!“ Wie immer liefere manviel zu wenig Argumente, was konkret gemacht werden soll. „Unser Verband fordert ja bereits seit langem eine grundlegend geänderte Agrarpolitik. Lebensmittel müssen einfach viel mehr Wertschätzung erfahren - mit der hohen Qualität müssen wir mit dem Verbraucher ins Gespräch kommen, damit sie verstehen, was wir tun und tun wollen.“ Es gebe zahlreiche Länder, in denen Lebensmittel den Konsumenten wesentlich
mehr wert sind als bei uns. Ein anderes Beispiel, wie man mit der Natur und nicht gegen sie als
Landwirt arbeiten kann, ist Sepp Braun aus Achering im Kreis Freising: Vor über 30 Jahren stellte er seinen Ackerland- und Tierhaltungsbetrieb rigoros auf Ökolandbau um: Kleine
Traktoren, die den Boden nicht zu stark verdichten, Regenwürmer und dicke Humusschichten anstelle von Kunstdünger und Spritzmittel, Bäume und Hecken auf den Feldern als Windschutz, Erosionsverhinderung und für Singvögel, Holzvergasung zur Strom- und Wärmegewinnung anstelle von Mais und Biogas, Saatgutvermehrung von Wiesenpflanzen und Gemüse als lukrativer Einkommenszweig, Fleisch, Milch und Milchprodukte hochwertig – und kostendeckend – für den regionalen Markt, nicht für den europäischen oder gar Weltmarkt. Braun ist kein Spinner, sondern einer, der sich ständig weiterbildet, sein Wissen weitergibt und
mit der Natur arbeitet, der sich als „traditioneller Landwirt“ sieht. Für Manfred Drobny, Geschäftsführer des BUND Naturschutz Erding, ist Sepp Braun „ein Pionier in Sachen
nachhaltiger Landwirtschaft und ein sehr guter Beweis, dass es sehr wohl auch Bauern gibt, die ökologische und nachhaltige Landwirtschaft sehr gut können und vor allem auch davon
leben können.“

 

Bund Naturschutz: Landwirte müssen g’scheite Lebensmittel erzeugen
Für Drobny haben die Grünen Kreuze-Argumente keine Durchschlagskraft. Für ihn hört sich das „wieder nach großem Gejammer an.“ Drobny bezieht klar Position: „Landwirte müssen und sollen Lebensmittel produzieren. Sie müssen das aber g‘scheit machen: also nicht die Böden zerstören, sie mit Nitrat verunreinigen, Gewässer verschmutzen und natürlich auch das Tierwohl beachten.“ Wer ein Geschäftsmodell betreibe, zu dem das Kupieren von Schwänzen gehört, „da ist das Geschäftsmodell doch sehr fraglich.“ Drobny sieht auch den Verbraucher
als den falschen Adressaten der Forderungen. „Die Landwirte müssten vielmehr ihre  Forderungen dahin drehen, dass sich die Förderpolitik ändert. Dass eben nicht wie bisher
große Fläche und die hohe Anzahl der Tiere, sondern die Art der Bewirtschaftung als Förderkriterium gilt.“ Auf EU-Ebene hätte das auch fast geklappt, doch ausgerechnet die
deutsche Landwirtschafts-Ministerin Julia Klöckner habe das verhindert. „Die Bauern müssen sich schon bei ihr beschweren!“ Und was die in Bayern neu eingeführten Fünf-Meter-Streifen entlang der Gewässer angehe, „das ist in allen anderen Bundesländern schon lange Pflicht, und zwar ohne Entschädigung.“ Prinzipiell ist es für Drobny jedoch wichtig, vorsichtig mit dem Begriff „traditionelle Landwirtschaft“ umzugehen und nicht „die Bauern“ alle über einen Kamm zu scheren. „Wenn wir hier von traditioneller Landwirtschaft sprechen, dann impliziert man damit die heile Welt -und die gibt es ja lange nicht mehr.“

 

*Mercosur
ist ein Handelsabkommen zwischen der EU und den vier Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die Südamerikaner öffnen ihre Märkte der EU, damit fallen Zölle in Höhe von über vier Milliarden Euro pro Jahr für beide Seiten weg. Deutschland hat sich eindeutig pro-Abkommen positioniert, Frankreich, Irland und Luxemburg drohen mit einem Veto gegen die
Ratifizierung des Vertrages, Österreich lehnt ihn ab. Aus Südamerika wird vor allem billigstes Rindfleisch und Soja nach Europa geliefert, ein großes Problem für bairische Rinderzüchter. In den Mercosur- Ländern geht man sehr lax mit den Themen Pflanzenschutzmittel und
Gentechnik um, Umwelt- und Klimaschutz stehen nicht auf der Prioritätenliste.

 

Landkreis will Region stärken
Ins Gespräch kommen mit den Verbrauchern will auch Landrat Martin Bayerstorfer
mit einer regionalen Marke, „Regionalität ist das entscheidende Kriterium.“ Die Idee hierzu kam ihm während der Grünen Woche in Berlin, „im Vordergrund steht die Bedeutung des regionalen Einkaufens für die Verbraucher, die identitätsstiftende Wirkung und der Nachhaltigkeitsgedanke.“ Das müsse sich nicht auf landwirtschaftliche Produkte beschränken,
das kann auch ein Handwerker und seine Dienstleistungen sein. Ziel sei die Stärkung der regionalen Identität, andererseits die Förderung der Strukturen vor Ort und damit verbunden auch der Umweltschutzgedanke. Die Präsentation der (steuerzahlerfinanzierten) Landkreismarke soll auf der nächsten Grünen Woche im Januar in Berlin stattfinden.

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