Grünland erhalten – Produkte regional und saisonal kaufen!

Wie energieintensiv und unsinnig manche Produkte sind

 

 

Seit Januar liegen die Erdbeeren in den Supermärkten, täglich werden es mehr – und alle kommen aus Spanien, meist geflogen. Seit Februar liegt chilenischer und peruanischer Spargel in den Regalen, direkt neben Wassermelonen aus Costa Rica und Trauben aus Indien - ebenfalls alle mit dem Flugzeug zu uns gekommen. Seit ein paar Tagen gibt es sogar den „ersten bairischen“ Spargel, aufgezogen im beheizten (!) Gewächshaus. Muss das wirklich sein?

Viele reden während der Fastenzeit davon, sich selbst weniger Energie über das Essen zuzufügen. Einen ganz anderen Aspekt der Diät beleuchteten die Grünen gemeinsam mit Michael Rittershofer und Beatrice Rieger von Tagwerk in Dorfen: Wie viel Energie ist eigentlich notwendig, um unsere Lebensmittel herzustellen und zu uns zu transportieren?

Super- oder Alptraum-Wetter: Der Sommer 2018 bedeutete für viele einen Traumsommer mit monatelangem Badevergnügen, Radeln und Grillen. Für viele Landwirte waren die extreme Hitze und vor allem die sehr lange Trockenheit aber zum Teil existenzgefährdend. „Wir haben in unserer Region 50 Landwirte, die liefern dem Bio-Vermarkter Barnhouse in Mühldorf Hafer und Dinkel. Die Landwirte profitieren von guten Preisen, Barnhouse von hoher Qualität aus der Region. Doch im letzten Sommer hatten einige Bauern schon große Bedenken, ob sie die vereinbarte Menge überhaupt liefern können“, berichtete Rittershofer. Irgendwie schafften sie es - Dank künstlicher Bewässerung. Doch was sollten die Bauern in Afrika und Südamerika machen? „Aktuelle Studien sagen, dass durch den Klimawandel bislang nicht nutzbare Gebiete in Alaska, Sibirien und Nord-Kanada zu fruchtbaren Böden werden, die profitieren also davon. Auch wir in Mitteleuropa werden kaum darunter leiden, müssen lediglich unsere Pflanzen an höhere Temperaturen anpassen und verändern. Wirklich Leidtragende, das sind die Bauern in Südamerika, Afrika und Indien – denen geht nämlich das Wasser aus! Hier müsste die internationale wie auch deutsche Politik reagieren. „Doch wenn ich von einem Kohleausstieg bis 2038 höre, dann weiß ich, dass es kein echtes Interesse gibt, etwas rasch zu ändern“,
stellte Rittershofer fest.

Klima-Killer Kuh oder falsche Fütterung: Oft werden Kühe in Verbindung gebracht mit enormem Methan-Ausstoß. Weil das ein sehr schädliches Atmosphären-Gas ist, gilt auch das Rindvieh für viele als Klima-Zerstörer. „Das trifft dann auch tatsächlich zu, wenn riesige Waldgebiete gerodet werden, um darauf entweder Soja anzubauen als Kraftfutter für unsere Kühe, Schweine
oder Hühner oder wenn die Kühe gleich direkt auf dem ehemaligen Waldgebiet weiden“, sagt Rittershofer. In Deutschland werden von den landwirtschaftlichen Nutzflächen 42 Prozent
für Raufutter eingesetzt (Raufutter hat einen hohen Gehalt an Rohfaser, dazu gehören Luzerne, Klee, Grünfutter, Heu, Silage, Getreidestroh und Wurzelgemüse), davon sind 77 Prozent „Grünland“, also Gras und krautige Pflanzen. Weitere 37 Prozent der Landwirtschafts-Fläche wird für die menschliche Ernährung eingesetzt, 18 Prozent für Schweine und 3 Prozent für Hühner. „Hinzu kommen aber noch einmal mindestens 2,6 Millionen Hektar in Südamerika
für den Anbau von Soja als Kraftfutter für unsere Tiere, das wären über 15 Prozent unserer Fläche!“ Genau dieses Kraftfutter ist aus der Sicht von Rittershofer absolut unsinnig und überflüssig. „Eine Kuh muss keine 10.000 Liter Milch im Jahr geben, 5000 oder 6000 Liter genügen auch – wir produzieren sowieso zu viel Milch, die wir dann wieder als billiges Milchpulver nach Afrika exportieren und damit dort die Märkte kaputt machen.“ Rittershofer und Landwirt Georg Hartinger, selbst Milchkuhhalter, sind der festen Überzeugung: Gras und
Heu genügen für eine Kuh als Futter, dann erzeugt sie auch nur sehr wenig Methan. „Hinzu kommt, dass Grünland ein exzellenter CO2-Speicher ist, es kann doppelt so viel des schädlichen Treibhausgases speichern als der Wald und sieben Mal mehr als Humus. Doch wenn wir Grünland umwandeln zu Ackerland, wird CO2 frei, wenn wir es zubetonieren, kann es nichts mehr speichern.“
Rittershofers Appell daher: Als Verbraucher wenig Fleisch essen, wenn, dann
von Biohöfen aus der Regionv. Als Landwirt so viel Grünland wie möglich
erhalten, für die Kühe und den CO2-Speicher.

 

Methan ist schlimm fürs Klima – doch gar nichts gegen Lachgas!
Als Klimagas ist Methan (CH4) rund 25 Mal klimaschädlicher als CO2. Rund 37 Prozent der weltweit emittierten Methan-Menge stammt direkt oder indirekt aus der Viehhaltung. Methan entsteht in Fermentationsprozessen im Magen von Wiederkäuern. Darüber hinaus wird Methan durch die Abwasser- und Klärschlammbehandlung sowie die Klärschlammverwertung in der Landwirtschaft gebildet und freigesetzt. Die Landwirtschaft ist aktuell mit über 53 Prozent die größte Emissionsquelle für Methan. Eine Veränderung unserer Ernährung (weniger Fleisch!) und
die damit einhergehende Verringerung der Tierbestände bei den Wiederkäuern ist die effizienteste Maßnahme, um Methanemissionen zu reduzieren. Ebenso die Umstellung der Ernährung der Tiere (kein Kraftfutter, sondern Rohfaser!) ist der zweite Schritt. Die Düngung der Felder mit Mineralstickstoff ist, wie der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln, ein großer Negativ-Faktor in der landwirtschaftlichen Klimabilanz. Beide werden mit hohem Energieaufwand produziert, dabei entsteht CO2. Die Stickstoffdüngung setzt zudem das enorm klimaschädliche Lachgas (Distickstoffmonoxid N2O) frei, besonders wenn zu viel oder zum falschen Zeitpunkt gedüngt wird. Denn die Pflanzen nehmen nur eine begrenzte Menge an Stickstoff auf. Sowohl Mist und Gülle wie auch industriell hergestellter Dünger enthalten Stickstoff.
Werden diese stickstoffhaltigen Verbindungen abgebaut, entsteht Lachgas. (Auch Gärreste aus Biogasanlagen, die chemische Industrie und das Verbrennen fossiler Brennstoffe setzen Lachgas frei). Die landwirtschaftliche Bearbeitung des Bodens, Stickstoffdünger und die Tierhaltung
sind also entscheidende Emissionsquellen für die Treibhausgase Lachgas und Methan. 2016 stammten 80 Prozent der Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft.
Lachgas (N2O) ist ein Treibhausgas, das rund 300-mal so klimaschädlich ist wie Kohlendioxid (CO2 )!

 

Obst und Gemüse – alles zu seiner Zeit: Auch wenn es auf den ersten Blick als richtig erscheint: Es würde keinen Sinn machen, weder ökologisch, noch praktisch oder logistisch, wenn jeder seine Lebensmittel – selbst wenn sie aus der Region stammen – direkt beim Erzeuger abholt. Das Ergebnis wäre ein ständiges Hin- und Herfahren zwischen Eier-, Milchprodukte-, Fleisch-, Gemüse-, Obst- und Honig-/Marmeladen-Produzent. Dann hat man noch lange keine Getränke, Bekleidung, Hygieneartikel, Schreibwaren und vieles mehr. Es ist schon sinnvoll, wenn wir diese Produkte sammeln und in großen Kramerläden gemeinsam einkaufen.
„Doch es darf eben nicht so sein, dass ich im Januar Erdbeeren kaufe, im Februar Spargel, im März Heidelbeeren und so weiter. Die kommen nämlich entweder nicht aus der Region oder werden mit gigantischem Energieaufwand außerhalb der Saison hergestellt“, sagt Rittershofer. Wenn man die Energiebilanz der Transporte betrachtet (nicht die Klimaschädlichkeit der mit Schweröl auf den Weltmeeren herumtuckernden Riesenfrachter), dann ist der Transport mit dem Schiff am besten, gefolgt von der Bahn, dem Lkw und mit weitem Abstand am schlechtesten
ist das Flugzeug. „Erdbeeren im Winter aus Israel sind genauso schlecht wie generell Flug-Ananas oder –Mangos. Ebenso unsinnig ist der Anbau von Soja in Südamerika, wofür Regenwald
gerodet wird, das dann teuer nach Europa transportiert wird, um dort billigstes Hühner-, Schweine- und Rindfleisch zu produzieren, wovon wir nur Filets und Schnitzel essen und mit dem Rest die lokalen Märkte in Afrika zerstören.“ Jeder kann also selbst verantwortlich sein und etwas beitragen: Alles zu seiner Zeit und aus der Region!
Natürlich essen auch wir gerne Ananas, Bananen, Mango oder Papaya – und die wachsen nicht in Deutschland und auch kaum in Europa, obwohl es immer wärmer wird. Tausende von Bauern in Südamerika leben ja (meist schlecht) vom Anbau dieser Früchte, wir wollen den Konsum auch gar nicht verteufeln. Doch müssen es wirklich Erdbeeren im Januar, Melonen im Februar oder Spargel aus dem irrsinnig aufwändig beheizten Feld oder gar Gewächshaus sein?

 

Der Tomaten-Wahnsinn als Beispiel
Ein drastisches Beispiel für Irrsinn: Der „Treibhauseffekt“ für den Tomatenanbau
in CO2 je kg beträgt für:
Tomate, bio, während unserer Saison: 35g;
konventionelle Tomate in der Saison: 85g;
Tomate aus Spanien zur Saison: 600g;
Tomate von den Kanaren oder Israel im Winter: 7200g;
Tomate bio im Winter aus dem beheizten Gewächshaus: 9200g;
konventionelle Tomate im Winter, aus dem beheizten Gewächshaus: 9300g.

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© FRED MAGAZIN Verlag Das Magazin für Erding und die Region