Von der Behelfsbrücke bei Simbach bis ins wilde Kurdistan

Das THW Freising hilft in der größten Not

 

 

Autounfall oder brennendes Haus? Ganz klar, da denkt jeder sofort an Feuerwehr, Polizei, Rotes Kreuz. Aber was ist bei großen Überschwemmung oder gewaltigen Stürmen? Ein Haus droht nach einer Explosion einzustürzen? Massenkarambolage auf der Autobahn? Oder gar Tsunami, Erdbeben, Vulkanausbruch? Da stehen 70.000 Männer und 10.000 Frauen des THW mit ihrer Spezial-Technik und enormem Fachwissen bereit. Die 70 Blauen Jungs und Mädels aus Freising gibt‘s seit 1953, in wenigen Tagen weihen sie ihre neue Unterkunft an der Rudolf-Diesel-Straße ein.

 

Der Deichgraf von Schnotting

Zum THW (ganz korrekt heißt es Bundesanstalt Technisches Hilfswerk und wurde am 22. August 1950 als Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes gegründet) geht man wie zur Feuerwehr. Jürgen Fischer (48) war 20 Jahre Gruppenführer, heute ist er Fachberater Brückenbau und trägt nicht ohne Stolz den Spitznamen „Deichgraf von Schnotting“. Den kleinen Ort Schnotting bei Kirchdorf an der Amper hat er durch seinen beherzten Einsatz beim Hochwasser im Jahr 2013 vor dem totalen Absaufen gerettet. Die drei „Jahrhunderthochwasser“ in Südbayern 1999, 2003 und 2013 sind ihm eindrücklich in Erinnerung. „Aber ebenso das Elbe-Hochwasser 2013, die Sturzflut in Simbach im Juni 2016, das Busunglück auf der Autobahn A9 im Juli 2017 oder die brennende Scheune und kurz danach der umgestürzte Kran, beides am Vatertag“, zählt Peter Binner (32) auf.

 

Die Licht-, Stütz- und Brückenprofis

Das THW aus Freising gilt als Spezialeinheit für den Brückenbau, für das Ausleuchten großer Einsatzorte und das Abstützen einsturzgefährdeter Gebäude. „Manche Jahre, da haben wir fünf bis sechs große Einsätze im Monat, manche Jahre nur zwei, drei im Jahr – so wie 2017. Aber ein Einsatz von uns bedeutet ja immer, dass da 30, 40 Mann dabei sind, oft tage- oder wochenlang, etwa beim Abstützen eines Hauses, das nach einer Explosion kurz vor dem Einsturz steht. Oder wenn wir, wie in Simbach, eine fortgespülte Brücke so schnell wie möglich wieder aufbauen müssen“, berichtet Fischer.

 

Die alte Unterkunft war zu klein und schimmelte

Weil sie in Freising so spezialisiert sind auf Brücken, Beleuchtung und Abstützen, verfügen sie über 14 schwere Fahrzeuge, fünf Anhänger und zwei Boote. Hinzu kommen unzählige Rollwagen, bestückt mit Sandsäcken, Hebekissen, Atemschutz, Abseilequipment, Werkzeug, Bolzen und Schrauben zum Bau von Brücken oder Abstützgerüsten, einer Betonkettensäge, gewaltigen Pumpen und Schläuchen zum Abpumpen, einer „Büffelwinde“, Feuerlöschern, Ölbindemitteln, Absperrmaterial oder dem „GoJack“ zum Entfernen nicht mehr fahrbereiter Autos. Damit das viele Material anständig Platz findet und auch die THWler selbst bei der Ausbildung endlich adäquate Unterkünfte haben, kämpften sie viele Jahre um eine neue Unterkunft. Das alte THW-Heim am Domberg stammte von 1901, war zu klein, zu alt und schimmelig. „In unseren neuen Räumen, die wir Mitte April einweihen, haben wir mit viel Eigenleistung eine perfekte Unterkunft!“, sagt Jürgen Fischer. Am Seilerbrückl lagern noch Tonnen von Spezialteilen zum Brückenbau.

 

Helfen ja, löschen nein

Im Gegensatz zur Feuerwehr, die den Kommunen unterstellt ist, gehört das THW zum Bund und wird nur bei offiziellen Katastrophenlagen alarmiert. „Das bedeutet nicht, dass wir das ganze Jahr nur auf Katastrophen warten“, sagt Peter Binner. So steht jedes Wochenende ein großes THW-Fahrzeug inklusive Besatzung am Rastplatz Fürholzen bereit für größere Unfälle auf den Autobahnen A9, A99 und A92, um die Kollegen der Feuerwehr zu unterstützen. „Absperren, Flüssigkeiten binden, verlorene Ladung aufsammeln, Fahrzeuge von der Straße entfernen. Zum Löschen fahren wir allerdings nicht!“ Das THW hat andere Aufgaben.

 

Brände, Orkane, Explosionen

Wenn’s brennt, dann fährt das THW schon mal mit einem Spezial-Radlader in glimmendes Stroh und bringt das aus einer Scheune, bevor die komplett in Flammen aufgeht. Bei einem Unwetter kommen sie mit dem 30 Tonnen-Autokran und helfen, dass hohe Baukräne oder Baugerüste nicht umfallen. Bei Orkanen sorgen sie mit der Feuerwehr dafür, dass Dächer nicht komplett abgedeckt werden. „Wir sind in Freising einer von drei Standorten in Bayern mit dem speziellen Holz-Abstützsystem. Mit Holzteilen können wir bis zu 15 Meter hohe Stützböcke bauen und Häuser stabilisieren, damit die nach einer Explosion nicht komplett einstürzen“, berichtet Fischer. So wie in Dachau, als in einer Kühlhalle ein Gastank implodierte oder in München an der Donnersberger Straße, als ein altes Haus saniert werden sollte und die Baufirma die falschen Wände und Stützen herausbrach. So entstand ein gewaltiges Loch in etwa zehn Meter Höhe, die Wand wölbte sich -  das Haus durfte aber nicht einstürzen. „Da waren wir bei widrigsten Wetterbedingungen die ganze Nacht mit 30 Mann im Einsatz“, sagt Binner.

 

 

Ist der Flughafen bereit für eine Hilfs-Aktion?

Frederik von Blomberg (47) ist Logistik-Spezialist, nicht nur bei seinem Arbeitgeber am Flughafen München, sondern auch einer von wenigen bundesdeutschen THW-Helfern, die die Leistungsfähigkeit und Kapazität eines fremden Flughafens korrekt einschätzen können. „Die THW-Zentrale in Bonn hat angefragt, ob ich im Auftrag des Welternährungsprogramms WFP die Fähigkeiten des Flughafens Erbil begutachten könnte“, sagt von Blomberg, der erst mit 41 den Weg zum THW fand. Gut vorbereitet und gebrieft ging es in die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak nach Erbil. Das WFP (World Food Programme) der UN ist die weltgrößte humanitäre Organisation und bekämpft den Hunger weltweit. Man plante im Nord-Irak die Unterstützung aufzustocken. Die dafür benötigten Hilfsgüter sollten auch auf dem Flughafen Erbil angeliefert werden. Dazu musste man wissen, wie leistungsfähig dieser ist. „Hätten wir den Flughafen-Manager vor Ort gefragt, der hätte natürlich gesagt, dass die so viele Maschinen wie sie nur wollen und egal in welcher Größe schicken könnten. Also musste ich da hin und das prüfen“, berichtet von Blomberg. Er untersuchte für zwei Wochen den Flugplatz und verfasste einen Bericht. Knapp ein Jahr später war dieser Bericht die Grundlage für die umfangreichen WFP-Hilfslieferungen nach Kurdistan. Von Blomberg ist vor allem froh, dass er am Flughafen beschäftigt ist. „Da gibt es nie Probleme mit Freistellungen, die sind stolz drauf, dass sie solche Mitarbeitet haben und fördern das Ehrenamt stark!“ Natürlich müsse er schon von der Arbeit her abwägen, ob er bei jedem Einsatz mitkann. „Aber wir beim THW brauchen Arbeitgeber, die uns voll unterstützen!“

 

Mehr Unterstützung

Die Freisinger THWler wünschen sich mehr mediale Aufmerksamkeit für ihren Verein. Sie leisten einen erheblichen Beitrag für die Sicherheit der Bürger, sind bei allen großen Katastrophen vorne mit dabei. Erwähnt werden aber meist nur die Feuerwehr oder private Hilfsorganisationen. Auch sie machen das alles ehrenamtlich – Anerkennung, Dank ein wenig mehr Lob, das sind die beste Motivation! Zumal sie über den „THW-Förderverein“ auch viel Gerätschaft selbst besorgen und bauen. Finanziert mit ihrer eigenen kleinen Auslöse oder ihren eigenen Spenden.

 

 

Kasten

Mit 12 Jahren können Mädchen und Jungs zum THW in die Jugendgruppe gehen, das ist dann so eine Art technisches Pfadfinderleben. Ab 17 beginnt die einjährige Grundausbildung: Knoten, Leinen, Absicherungen am Boden und in der Höhe, Bergen und Transportieren von Lasten, Boot fahren, Holz- und Metallbau, Aufbau von Stützkonstruktionen oder kleinen Brücken. Alles natürlich mit viel Spaß und Gaudi. Nach der Grundausbildung kann man sich entscheiden, ob man sich auf Brückenbau, Bergung oder Beleuchtung spezialisieren möchte. Jeden zweiten Donnerstag ist Dienst für Instandhaltung, Besprechungen oder Ausbildung, fünf bis sechs Samstage im Jahr sind noch größere Übungen.

 

mehr Infos: www.thw-freising.de

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