Kannibalismus unter den Milchbauern

Mathias Lohmeier fordert in der Krise eine Mengenbegrenzung

 

 

Noch gibt es im Landkreis Erding 560 Milchbauern. Noch! Im vergangenen Jahr haben wieder 45 aufgehört. Der Milchpreis, den die Molkereien zahlen, befindet sich gerade im steilen Abwärtsflug, beträgt unter 30 Cent je Kilo. Die Bauern benötigen aber mindestens 40 Cent, um kostendeckend zu arbeiten. Wie lange soll das Sterben weitergehen? Es gäbe Lösungen, doch ein industrienaher Bauernverband und der fehlende Zusammenhalt unter den Milchbauern verhindern diese.

 

Von 32 konventionellen auf 78 Bio-Milchkühe

Mathias Lohmeier (50) ist Milchbauer bei Dorfen. Er hat den Hof 1995 von seinem Vater mit 32 Milchkühen und einer Bullenmast übernommen. Er verkaufte die Masttiere und setzte voll auf Milch. Die 1980 eingeführte europäische Milchquote führte zum einem zum Verschwinden der gigantischen Butterberge, Milchseen und Milchpulverlager aus den 1970er-Jahren und stabilisierte den Preis relativ gut. Vor allem auf Druck der neuen osteuropäischen EU-Mitglieder wurde die Quote jedoch am 31. März 2015 beendet. „Auch mit Quote gab es Preisschwankungen. Doch seit deren Ende produzieren viele Kollegen wie verrückt und so sank ganz logisch der Preis immer weiter – und wir haben jetzt wieder Lager mit 380.000 Tonnen Milchpulver. Pulver, das mit viel Steuergeld gekauft wurde und mit großem Verlust wieder verscherbelt wird. Das ist doch absolut unlogisch!“, sagt Lohmeier.

 

Der Landwirt muss bei der Molkerei parieren

Er fühlte sich bei seiner Molkerei als konventioneller Milchbauer schon lange nicht mehr als willkommener Lieferant, den man fair behandelt. „Die Molkereien setzen ihren Preis fest und der Bauer hat zu parieren. Je mehr Milch es auf dem Markt gab, umso niedriger wurde unser Preis – die Marge der Molkerei blieb immer gleich hoch. Wir waren nie auf Augenhöhe!“

Für Lohmeier stellte sich mit seinen drei Kindern wie bei vielen Kollegen der Region bei einem nicht mehr kostendeckenden Milchpreis die Existenzfrage. Er überlegte schon, auf Ziegen umzusteigen, seine Frau bat ihn inständig, doch mit den Tieren ganz aufzuhören. „Das kam für mich aber nicht in Frage, meine Frau sagt daher, ich hätte den Rinderwahn“, lacht Lohmeier. Er entschloss sich daher vor zwei Jahren auf Bio-Milch umzustellen und war einer der letzten Landwirte, den die Andechser Molkerei überhaupt noch aufnahm. Für ihn ist aber klar, dass nicht alle auf Bio-Milch umstellen können, generell müsse der Milchpreis einfach steigen.

 

20 Jahre BDM

Lohmeier engagiert sich auch stark im „Bundesverband Deutscher Milchviehhalter“ (BDM), ist dort der Erdinger Landkreis-Vorsitzende. Der BDM, der heuer sein 20. Gründungsjubiläum feiert, steht mit vielen Ansichten in direkter Konkurrenz zum „Deutschen Bauernverband“ (DBV). Von den gut 67.000 deutschen Milchbauern sind 17.000, also ein gutes Viertel, beim BDM organisiert, etwa doppelt so viele sind beim DBV, dem Rest ist Verbandsarbeit egal. Der DBV sitzt in seiner Berliner Zentrale im gleichen Gebäude wie der Verband der Ernährungsindustrie und hat ideologisch (wie gerade wieder bei der Glyphosat-Diskussion bewiesen wurde) eine große Nähe zur mächtigen Chemie-Industrie.

 

Keine Subvention, sondern ein fairer, akzeptabler Milchpreis

Der große Unterschied zwischen BDM und DBV ist, dass der BDM eine Subventionierung der Milchbauern oder des Milchpreises ablehnt. „Wir wollen für unsere gute Milch einen fairen Preis – und wenn der Preis fällt, dann müssen wir durch Mengenreduzierung gegensteuern“, sagt Lohmeier. Die Milchquote sei nicht ideal gewesen, aber doch viel besser als die Situation jetzt, wo jeder so viel produzieren kann, wie er will! „Das Problem ist, dass wir beim BDM seit Jahren fordern, im Krisenfall, also wenn der Preis deutlich fällt, die Menge wieder zu begrenzen – doch solche Leute wie Vize-Präsident des DBV, Günther Felßner, verhindern das“, schimpft Lohmeier. Felßner behauptet in zahlreichen Zeitungsartikeln bis heute, dass der der Wegfall der Milchquote keinem Bauern wehtut und der Milchpreis ganz bestimmt nicht abstürzen würde. „Die Kollegen im DBV glauben ihm das und produzieren wie wild – ärgern sich aber genauso über den niedrigen Milchpreis“, sagt Lohmeier.

 

Jede Kuh hat einen Namen – ist nicht bloß Nummer

Lohmeier hat heute 78 Kühe und 40 Kälber, bewirtschaftet 52 Hektar Fläche, davon 15 Hektar als Weideland. „Für die Bio-Milch werde ich drei Mal im Jahr kontrolliert, darf natürlich kein Genfutter, kein Glyphosat oder ähnliches verwenden. Aber dennoch kann ich mit meiner Fläche meine Tiere gut ernähren, die im Schnitt 6500 Liter Milch im Jahr geben.“ Im Gegensatz dazu liegt der Durchschnitt der deutschen Milchkühe bei 7700 Liter, viele geben bis zu 10.000 Liter im Jahr. Diese Extrem-Ausbeutung der Tiere mit Kraft- und Mastfutter führt dann allerdings dazu, dass die Turbokühe nur zwei Mal kalben können, bevor sie in den Schlachthof wandern. Bei Lohmeier werden die Kühe, die alle einen eigenen Namen haben, den der Bauer auch zielsicher jeder entgegen ruft, bis zu zehn Jahre alt werden, „ich will sie so lange wie möglich fair nutzen, so dass sie sich wohlfühlt!“

 

Europäische Kontrollinstanz braucht mehr Macht

„Wir haben nur die Möglichkeit über die Menge den Preis hoch zu holen. Dazu haben wir vom BDM auf europäischer Ebene, wobei wir in 14 Ländern organisiert sind, ein Monitoring-Board als Kontrollstelle eingerichtet, die täglich die Preisentwicklung genau beobachtet. Doch leider ist die von der Politik nicht mit so viel Macht ausgestattet worden, dass sie bei einem deutlichem Preisverfall, etwa um 10 Prozent, wirklich eingreifen kann, dass sofort weniger Milch produziert wird“, erklärt Lohmeier. Die Interessen von Milchindustrie und Milchbauern sind eben sehr unterschiedlich. Daher müsste die Politik die Rahmenbedingungen – aber auch im Sinne der Verbraucher und der Umwelt – setzen. Da die Politik nichts tut, kann der Handel frei gestalten - und der ist eben nur in Nischenmärkten sozial.

 

Das Konzept gibt es schon lange

Eine Milch-Reduzierung sei laut Lohmeier sehr einfach möglich, indem man den Tieren weniger Kraftfutter gibt, ältere Tiere früher zum Schlachthof bringt. „Hilft das nicht, dann muss als zweiter Schritt der Staat kleinere Hilfsprogramme erlauben, etwa die Verfütterung von Milchpulver an Kühe und Schweine. Der dritte Schritt wäre dann eine Verpflichtung an alle europäischen Milchbauern, zwei Prozent weniger Milch zu produzieren.“

Der BDM fordert diese Maßnahmen seit drei Jahren und verweist auf eine Aktion aus dem Jahr 2009, als man in seltener Einigkeit in Bayern für mehrere Wochen zwei Prozent weniger Milch an die Molkereien lieferte - und der Preis sofort um 30 Prozent anstieg. „Der Bayerische Landtag hat unsere Idee sogar einstimmig übernommen – doch der Deutschen Bauernverband und andere Bundesländer verhindern die Umsetzung! Und natürlich auch die unsolidarischen Kollegen, die einfach umso mehr produzieren. Also bleibt der Preis im Keller und werden auch immer mehr Milchbetriebe sterben!“

 

Es geht nicht um ein paar Cent für Frischmilch im Laden

„Die Verbraucher kommen zu uns oft und sagen, dass der Milchpreis im Supermarkt doch wieder um einige Cent gestiegen ist und wir zufrieden sein müssten. Was viele aber nicht wissen ist, dass höchstens 40 Prozent als Milch, Joghurt, Quark, Butter oder Käse auf den Markt kommt. Der Großteil wandert untergemischt in andere Lebensmittel auf den Markt und da steigt der Preis nicht. Daher hilft es uns wenig, wenn die Frischmilch ein paar Cent teurer wird im Handel. Der Preis, den die Molkereien an uns zahlen, der muss einfach steigen!“ Nur dann würden auch mehr Milchbauern weitermachen und ihren Betrieb guten Gewissens an die Kinder weitergeben. Nicht wie jetzt, wo in Bayern jedes Jahr über 1000 Milch-Betriebe aufhören. „Doch leider“, so bedauert Lohmeier, „gibt es weder eine Solidarität unter den Milchbauern noch einen freien Markt. Es herrscht Kannibalismus auf dem Milchmarkt!“

 

Kasten 1

Zwar wächst die Nachfrage nach Bio-Produkten in Deutschland ständig, doch auch immer mehr Landwirte wollen in der preislich fairen Schiene mitmischen (Bio-Milch wird mit 50 Cent je Kilo bezahlt). Zusätzlich produzieren die Biomilch-Lieferanten deutlich mehr. „Es gibt in Bayern aktuell rund 26.000 Bio-Milchkühe, die lieferten von Dezember 2016 bis Dezember 2017 um 30 Prozent mehr Bio-Milch – mehr verträgt der Markt aktuell nicht! Daher nehmen die Molkereien auch keine neue Lieferanten mehr auf“, sagt Lohmeier.

 

Kasten 2

In Deutschland gibt es aktuell 4,2 Millionen Milchkühe und 67.000 Milcherzeuger. Die Zahl der Betriebe nimmt in Deutschland im Schnitt um vier Prozent pro Jahr ab, seit dem Jahr 2000 hat sich ihre Zahl fast halbiert. Wer überleben will, hat mindestens 50 Kühe. Ebenso hat sich die Zahl der Milchkühe in den letzten Jahrzehnten stark verringert, 1984 gab es noch 5,7 Millionen – heute 25 Prozent weniger. Weil die Milchleistung (durch Züchtungen und Turbo-Futter) im gleichen Zeitraum von durchschnittlich 4.607 Kilogramm je Kuh auf heute 7.700 Kilogramm (+ 67%!!) anstieg, gibt es trotzdem immer mehr Milch – im Jahr 2017 mit rund 30 Milliarden Liter die höchste deutsche Milchmenge aller Zeiten.

 

Kommentar

Die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft ist pleite. Gut 1000 Landwirte oder 900.000 Tonnen Milch jährlich benötigen neue Abnehmer. Der Milchpreis bewegt sich nach einer kurzen Ruhephase wieder nach unten. Um den Preis zu stabilisieren, nachdem es ja die Milchquote nicht mehr gibt, kaufte Brüssel für teures Geld rund 380.000 Tonnen Milchpulver auf und will die jetzt irgendwie wieder loswerden. Entweder beschleunigt man damit den Preisverfall bei uns noch mehr oder man schädigt nachhaltig den Milchmarkt in Afrika oder Indien. In Deutschland gibt es Jahr für Jahr immer weniger Milchkühe, trotzdem war 2017 die Milchmenge so hoch wie noch nie. Alles Irrsinn? Stimmt! Doch ein Bauernverband, der mit seinem Motto: „Wachse oder weiche!“ nur noch die Interessen der Mega-Großbetriebe sowie der Chemie- und Lebensmittelindustrie vertritt, verhindert Lösungen. Aber auch die unsolidarischen Milchbauern selbst sind schuld: Wenn einer oder mehrere bereit sind, weniger Milch zu produzieren, um so den Preis zu stabilisieren oder gar zu erhöhen, dann verhindern das drei Nachbarn sofort und produzieren noch mehr. Irrsinn!

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