Wenn man sich selbst nach Luft japsen sieht

Das Dorfener schlaflabor behandelt das lebensgefährliche nächtliche Sägen mit Atemaussetzern

 

 

Jeder schnarcht! Jeder! Frauen wie Männer. So ab 45, 50 Jahren ist es vollkommen normal, dass der „Schlund“ (der trichterförmige Raum zwischen hinterer Mundhöhle und Speiseröhre) immer schlaffer wird, ebenso das Bindegewebe drumherum. Dann wird es für unsere Lungen immer schwerer, die Luft einzusaugen und wieder auszupressen: Atemaussetzer – die Mediziner sprechen von Apnoe - sind die Konsequenz. Beim einen zeigen sich diese eher leise, dezent, beim anderen pressluftartig laut. Übergewicht, die Schlafposition im Bett, Alkohol, Rauchen oder Medikamente verstärken das alles noch zusätzlich. Doch es geht nicht um den störenden Krach für den Partner im Schlafzimmer. Im Laufe der Jahre werden die Phasen des Luftanhaltens immer länger werden - bis zu zwei Minuten - und dann wird es richtig lebensgefährlich. Durch diese Apnoe-Phasen wird man nicht nur immer schlapper, ist zudem nie mehr richtig ausgeschlafen. Das Gehirn wird massiv geschädigt! Es drohen langfristig Demenz und Dummheit drohen. Der Blutdruck steigt deutlich und damit das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen (Herzinfarkt, Schlaganfall).

Das Schlaflabor in Dorfen sorgt für Abhilfe.

 

Lange Wartezeit für eine Nacht im Schlaflabor

Seit November 2017 gibt es im Krankenhaus Dorfen die Abteilung für Schlafmedizin. Es ist noch eine sehr junge Disziplin, erst seit gut 25 Jahren beschäftigt sich die Medizin mit der Krankheit Schlafstörung. Behandelt werden vor allem Atemaussetzer, aber auch die Schlafsucht (Narkolepsie). Geführt wird das Schlaflabor von Prof.Dr. Magdolna Hornyak, sie ist auch für die Schmerztherapie am Klinikum zuständig. Dr. Anett Lindner ist Stationsärztin und erfahrene Schlafmedizinerin. Sie bräuchten mehr erfahrene Mitarbeiterinnen, doch die sehr spezielle Anlernphase dauert lange. Daher kann das Schlaflabor aktuell pro Nacht nur drei bis vier Patienten untersuchen, obwohl der Bedarf groß ist. Es gibt zwar in Dorfen sechs Betten mit Kameras und der notwendigen Technologie, doch es wird noch dauern, bis sie jede Nacht sechs Atemlose betreuen und behandeln können. „Aktuell können wir jede Woche nur 12 bis 15 Patienten aufnehmen“, sagt Jessica Spirk, eine von sechs Mitarbeiterinnen. Dementsprechend lang ist die Wartezeit für die Untersuchung: bis zu sechs Monate!

 

Der Überdruck hält den Schlund offen

Der „normale“ Weg ins Schlaflabor führt über viele Jahre, manchmal Jahrzehnte, des sich immer mehr verstärkenden Schnarchens, gepaart mit immer häufigeren Atemaussetzern. Irgendwann ist man dann den ganzen Tag nur noch müde und schlapp, nie mehr richtig ausgeschlafen. „Das ist doch völlig normal: Der Körper wehrt sich die ganze Nacht gegen Atemnot – da kann man doch nicht ausgeschlafen sein“, sagt die 39-jährige Spirk. Sie spricht nicht nur als Mitarbeiterin des Schlaflabors, sondern aus eigener Erfahrung, denn sie schläft seit vier Monaten nur noch mit einer Maske. Diese bläst ihr permanent einen leichten Überdruck in die Nase, hält so den Schlund offen: Das Schnarchen und die Atemaussetzer sind weg! „Seither bin ich wieder richtig ausgeschlafen und fühle mich viel besser!“

 

Lange Atemaussetzer als Eintrittskarte ins Schlaflabor

Der erste Schritt für einen Intensiv-Schnarcher  führt zum Hausarzt, besser zu einem Fachmann wie Hals-/Nasen-Ohren-Arzt, Pneumologe (Lungenfacharzt), Kardiologe (Herzspezialist) oder Schlafmediziner aus einem anderen Fachgebiet, etwa der Neurologie. Der Facharzt gibt zunächst dem Betroffenen einen Polygraphie-Gürtel für eine Nacht mit nach Hause. Hier werden neben dem Puls vor allem die Atmung aufgezeichnet. Werden zahlreiche Atemaussetzer aufgezeichnet, ist eine Untersuchung im Schlaflabor für zwei Nächte notwendig. Keineswegs kommen nur die Menschen aus dem Landkreis Erding, im gesamten Nachbarlandkreis Freising gibt es kein Schlaflabor, die müssen entweder nach Landshut – oder eben nach Dorfen. Die meisten, die ins Schlaflabor wollen, schnarchen seit vielen Jahren intensiv und haben schon lange Zeit Atemaussetzer, da machen ein paar Wochen oder Monate Warten auch nichts mehr. „Im echten Notfall geht es schon deutlich schneller“, sagt Spirk.

 

Erst wer sich selbst beim Luft ringen sieht, glaubt es

Im Dorfener Schlaflabor bleibt jeder zwei Nächte. Die erste Nacht ist dazu da, um eine Diagnose zu stellen. An 20 Punkten wird man dazu vom Kopf über die Fingerspitzen, den Brustkorb bis zu den Beinen voll verkabelt, kann sich damit aber laut Jessica Spirk „problemlos“ drehen im Bett. „Wir wissen natürlich, dass es vielen schwerfällt, in der fremden Umgebung mit den vielen Kabeln zu schlafen, aber wir brauchen diese erste Nacht, um möglichst viele Daten zu sammeln.“

Acht Stunden lang werden sämtliche Werte des Körpers aufgezeichnet: Elektrische Hirnaktivität, Atmung, Herz, Sauerstoffsättigung des Blutes und vieles mehr. Dazu nimmt eine Infrarotkamera alle Bewegungen des Patienten auf. „Viele glauben das ja gar nicht mit den eigenen Atemaussetzern. Erst wenn sie sich selbst auf der Video-Aufnahme sehen, wie sie ‘zigmal in jeder Stunde nach Luft japsen, dann verstehen sie auch, wie wichtig das Behandeln der Schlaf-Apnoe ist!“

 

Schiene oder Maske

Am nächsten Morgen werten die Mitarbeiterinnen des Schlaflabors die Aufzeichnungen gemeinsammit Dr. Lindner aus. Für die zweite Nacht geht es nun darum, die langen Atemaussetzer – bis zu zwei Minuten – zu minimieren oder möglichst ganz zu verhindern. Selten genügt dazu eine spezielle Seitenlage oder eine Schiene im Mund, die den Unterkiefer nach vorne zieht und so die Atemwege offen hält. „Bei den allermeisten setzen wir aber eine Schlafmaske mit zusätzlicher Beatmung ein“, so Lindner. Die kleine Variante der Maske überdeckt nur die Nase, die große geht über Nase und Mund. Verbunden ist sie über einen dicken Schlauch mit einem kleinen Kästchen, das die Raumluft geräuschlos ansaugt und dann mit einem leichten Überdruck in die Nase bläst. Das Ziel ist es, durch den Überdruck die Atemwege offen zu halten.

 

Erholsamer Schlaf nur noch mit Maske

Die Aufgabe des Schlaflabor-Teams in der zweiten Nacht besteht darin, den richtigen Überdruck (wir sprechen hier von 5 bis 15 Millibar) zu finden, bei dem sich die Atmung normalisiert, Puls, Sauerstoff-Sättigung und vieles mehr in den Normalzustand kommen, keine Atemaussetzer mehr auftreten. „Die Einstellung des Überdrucks geht aber nur im Schlaf, nicht im Wachzustand, da atmet jeder automatisch gegen ihn an!“ Also warten sie, bis der Patient tief schläft und variieren dann den Überdruck immer wieder leicht. Ist der Idealwert einmal gefunden, werten sie erneut sämtliche Daten der Nacht aus – von da ab schläft der ehemalige Schnarcher mit Atemaussetzern nur noch mit Maske! „Unser Ziel ist es, dass jeder einen tiefen, ruhigen Schlaf bekommt – ohne Medikamente.“

 

Die Maske hilft jedem

Wenn die Schlaflabor-Mitarbeiter mit der Maske auftauchen, um diese perfekt anzupassen, ist die gute Laune nach der Therapienacht mit Beatmung und meistens gutem Schlaf vorbei. Jeder schimpft am Anfang über den Fremdkörper im Gesicht, die Bänder rund um den Kopf, die notwendig sind, dass die Maske nicht verrutscht. Viele haben ein Schönheitsproblem, andere stört die Technik und das Kästchen. „Dabei ist das Maschinchen viel leiser als jedes Schnarchen, man kann es sogar problemlos mitnehmen auf Reisen. Es hilft natürlich nicht sofort, das dauert schon einige Tage, manchmal ein paar Wochen, bis sich der wirklich erholsame Schlaf einstellt – aber langfristig hilft es eigentlich jedem“, sagt Spirk aus eigener Erfahrung.

 

Die Krankenkasse zahlt – aber überprüft den Einsatz

Die Krankenkassen zahlen die CPAP-Therapie (continuous positive airway pressure), also die assistierte nächtliche Beatmung, die nicht billig ist. Sinn macht sie, wie so viele andere Therapien und Medikamente aber auch nur, wenn man die Maske wirklich jede Nacht trägt. Dass hier keiner schummelt und sich nur jede dritte, vierte Nacht den Überdruck zuführt, dafür sorgt eine SD-Speicherkarte im Gerät, die sämtliche Benutzungsdaten aufzeichnet. Stellt die Kasse bei der regelmäßigen Auswertung fest, dass der Patient die Maske nicht trägt, nimmt sie ihm die Maschine wieder weg. „Doch das wäre sehr schade, denn jeder spürt, dass es ihm rasch viel besser geht. Es ist eben nur kein Pflaster, das ich auf eine Wunde klebe und dann ist alles in ein paar Stunden wieder gut.“

 

Nächtliche Atemaussetzer sind eine schwere Krankheit

Natürlich würde jedem Schnarcher auch Abnehmen, ein Rauch-Stopp, viel Bewegung an der frischen Luft helfen, um die Atemaussetzer zu vermindern. „Leider sind die nächtlichen Atemaussetzer, die obstruktive Schlafapnoe (OSA), in der Bevölkerung noch nicht so richtig bekannt und wahrgenommen als schlimme Krankheit“, sagt Ärztin Annett Lindner. An der stark steigenden Nachfrage nach Plätzen im Schlaflabor sehen die Dorfener Schlafspezialisten aber, dass sich dies wandelt.

 

Kasten 1

Wir schlafen heute im Schnitt eine halbe Stunde weniger als vor 100 Jahren. Das liegt daran, dass wir alle „keine Zeit“ haben und dass die Ablenkungen (Stress im Beruf, Probleme im Privaten, TV/ Computer/ Smartphone) heute deutlich größer sind. Laut Prof. Hornyak, Neurologin und Schlafmedizinerin, der Leiterin des Dorfener Schlaflabors, sind wir eine „schlaflose Gesellschaft“ geworden.

 

Kasten 2

Ein Drittel seines Lebens schläft der Mensch. In Deutschland leiden 8 Millionen Menschen an schweren Schlafstörungen: verminderte Schlafqualität, Schlaflosigkeit, Schnarchen und Atemaussetzern, morgendliche Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen.

Schlaf bedeutet vor allem Entmüdung: Erholung für Körper und Gehirn; Gedächtniskonsolidierung, Regulation Immunsystem

 

Kasten 3

Schlafdauer

+ Neugeborene: 16 Stunden

+ 10-Jährige: 8 Stunden

+ 15 bis 18 Jahre: 7,5 Stunden

+ ab 45 Jahre: 7 Stunden

+ ab 50 Jahre: leicht störbar

Schlaflosigkeit (Insomnie) nimmt im Alter zu und betrifft mehr Frauen als Männer; Ursachen: Schmerzen, Stress, Angst, private Sorgen

Bei längeren Wachphasen nachts aufstehen, nicht grübeln im Bett

  • Man kann nicht vorausschlafen!

  • Gute Hilfe: kurzer Mittagsschlaf (maximal 30 Minuten), traut sich aber keiner im Berufsleben!

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