Das Frauenhaus Erding:

Wie geht es weiter?

 

Ab dem 1. März wird das Erdinger Frauenhaus vom Kreisverband des Roten Kreuzes (BRK) betrieben. Das BRK löst damit nach 25 Jahren den Sozialdienst katholischer Frauen München (SkF) als Träger ab, der seit Gründung des Frauenhauses die Trägerschaft innehatte. Leider vollzog sich dieser Wechsel nicht anständig und ruhig, sondern mit vielen gegenseitigen Vorwürfen.

Der offizielle Grund für den Wechsel war ein finanzieller: Der SkF hatte 2016 ein Defizit von über 165.000 Euro und konnte die von Landrat Martin Bayerstorfer geforderte Kosten-Deckelung auf 120.000 Euro nicht erfüllen. Bayerstorfer warf dem SkF zudem einen fragwürdigen Umgang mit Spenden vor, es sei nicht nachzuvollziehen, was mit den Spenden geschehe. „Aus unserer Spendenverwaltung ist jederzeit ersichtlich ist, wie die jeweilige einrichtungsgebundene Spende verwendet worden ist, auch werden wir alljährlich von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer geprüft – ohne Beanstandung. Doch die Namen unserer Spender geben wir nicht preis!“, so Barbara Altweger, Pressesprecherin der SkF. Auch ärgerte sich der Landrat über die 15 ehrenamtlichen Helferinnen, (die überwiegend die Nachtstunden sowie die Wochenenden und Feiertage abdecken) die erklärten, dass sie bei einem Wechsel von der SkF zum BRK aus Solidarität zum alten Träger nicht mehr weiter arbeiten wollten.

Daher forcierte der Landrat einen Wechsel des Trägers.

 

Frauenhaus, wieso und wozu?
Jede vierte deutsche Frau ab 16 Jahren hat in ihrem Leben schon einmal Gewalt durch einen Partner erlebt. In Bayern sind jedes Jahr 140.000 Frauen von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt betroffen. Davon suchen 1.500 Zuflucht in einem Frauenhaus. Ebenso viele werden abgelehnt, einfach weil der Platz fehlt. Das ambulante Angebot der Fachberatungsstellen und Notrufe deckt, so zeigt die Bedarfsermittlungsstudie der Universität Erlangen aus dem Jahr 2016, quantitativ den Bedarf. Doch nicht das der Frauenhäuser: Das Bayerische Sozialministerium führt 41 in Bayern staatlich geförderte Frauenhäuser auf. Die meisten gibt es in Oberbayern (13), jeweils sechs in Mittelfranken und Schwaben, vier in Niederbayern, der Oberpfalz,  Ober- und Unterfranken. Sie boten gemeinsam im vergangenen Jahr 425 Schutzplätze für hilfesuchende Frauen und 504 Plätze für deren Kinder. Die Erlanger Studie zeigt bei den Frauenhäusern einen deutlich höheren Platzbedarf. Dies beruht zum Teil darauf, dass Frauen aufgrund der angespannten Wohnraumsituation keine Anschlusswohnung finden und deshalb länger als eigentlich erforderlich im Frauenhaus bleiben müssen.

 

Das BRK übernimmt zum ersten Mal ein Frauenhaus

Auf der bairischen Frauenhaus-Karte finden sich Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und der SkF neben privaten Organisationen als Träger. Das BRK ist (bis jetzt) noch nicht darunter. Das ändert sich jedoch ab dem 1. März 2018, wenn das BRK das Erdinger Haus übernimmt.

In Erding ist zeitgleich Platz für fünf Frauen mit ihren Kindern, vergangenes Jahr suchten insgesamt 31 Frauen die Schutzzone auf. „Ihre erste Station ist die Interventionsstelle, dort wird geklärt, wo ein Platz frei wird, ob und welche Art der häuslichen Gewalt vorliegt. Dann kommen wir ins Spiel, holen die Frau und beteiligten Kinder an einem vereinbarten Treffpunkt ab. Es folgt die Aufnahme und Einführung ins Haus, die Zimmer werden belegt, bei Bedarf händigen wir Lebensmittel oder auch Hygieneartikel aus“, erklärt Angela Rupp, Leiterin des Frauenhauses Erding das Procedere. „Wenn die Frauen von zuhause regelrecht flüchten, dann haben sie oft nur das wichtigste am Leib und ihre Dokumente.“ Dann heißt es erst einmal zur Ruhe kommen, sich einrichten, essen, trinken.

 

Ein langsamer Prozess

„Wie lange es dauert, bis die Frauen sich wieder einigermaßen beruhigt haben, ist von Fall zu Fall verschieden. Meist besprechen wir mit den Betroffenen, welche Sicherheitsvorkehrungen wir treffen sollen und müssen, damit der Partner sie nicht aufspüren kann. Natürlich müssen auch Formulare ausgefüllt werden. Hier leisten wir eine wichtige Orientierungshilfe und versuchen das ins Chaos gestürzte Leben der Frauen zu ordnen.“ Erst wenn Rupp und ihre Mitarbeiter die Gesamtsituation der Betroffenen analysiert und erste wichtige Schritte eingeleitet haben, der Kontakt zu Behörden und Einrichtungen hergestellt und ein erster Maßnahmenplan erstell ist, können sie mit der Arbeit an der Seele beginnen. Das heißt, die Gewaltsituation aufzuarbeiten mit all den dazugehörigen Fragen, wie und warum es so weit kommen konnte: Wie gehe ich nun mit den Kindern um? Wie klären wir die Sorgerechtsfragen? „Gerade Kleinkinder sind in dieser Situation aufs höchste sensibilisiert“, so Rupp. Der nächste Schritt ist die Entwicklung von Perspektiven: Wie soll es weitergehen? Wo und wie will ich leben? Wovon kann ich den Lebensunterhalt bestreiten? Wieviel Geld habe ich zur Verfügung? Wie finde ich eine Wohnung? Der letzte Schritt ist die Vorbereitung des Aus- und Umzugs aus dem Frauenhaus, Hilfe bei der Ausstattung der Wohnung und letztlich die Verabschiedung aus dem Haus. „31 aufgenommene Frauen in 52 Wochen, das heißt, dass wir annähernd jede Woche im Krisenmodus arbeiten“, erläutert Rupp. Mit „wir“ meint sie eineinhalb Vollzeitstellen und eine halbe Stelle für eine Erzieherin, die sich in „Hochzeiten“ um bis zu sieben verhaltensauffällige und traumatisierte Kinder kümmern müsse.
 

Keine geordnete Übergabe

Wie es im Erdinger Frauenhaus am 1.März konkret weitergeht, weiß Rupp nicht. Sie macht weiter wie bisher bis zum 28. Februar, vorbereitende Gespräche zwischen SkF und BRK gibt es keine. „Ja, an diesem Tag findet die Übergabe statt“, bestätigt die BRK-Geschäftsführerin in Erding, Gisela van der Heijden. Sie bedauert den Ablauf, sie hätte gerne bereits mehrere Tage vorher ihre Mitarbeiterinnen im Frauenhaus eingesetzt, aber dies sei von der SkF nicht gewünscht worden. Baulich zumindest finden keine Veränderungen statt, auch an den fünf Plätzen wird sich nichts ändern. „Wir können nicht sagen, was neu wird, da wir das alte Konzept nicht kennen. In unserer Arbeit stärken und begleiten wir Frauen und Kinder bei ihrem Entwicklungsprozess hin zu mehr Autonomie. Wir bringen das Thema „Gewalt gegen Frauen“ im öffentlichen, gesellschaftlichen und politischen Raum ein“, formuliert es van der Heijden, die sich angesichts der heftigen Diskussionen im Vorfeld sehr zurückhaltend und vorsichtig zeigt.

 

Wer darf ins Erdinger Frauenhaus?

Das Einzugsgebiet liegt bei Frauen aus dem Landkreis Erding und Ebersberg. Bei in Not geratenen Frauen aus anderen Landkreisen muss zuvor eine Kostenübernahmeerklärung vom dem jeweiligen Landratsamt eingeholt werden. „Die Dokumente und Unterlagen des Frauenhauses unterliegen natürlich dem Datenschutz“, versichert van der Heijden. Rupp befürchtet dennoch Risse im Vertrauensverhältnis zwischen den Frauenhaus und den Frauen, „Viele Verbindungen zu den Frauen halten über Jahre hinweg, wir sind immer noch in Kontakt. Was passiert damit? Die Frauen sind absolut verunsichert. Sie wissen gar nicht, was auf sie zukommt“, sagt Rupp.

 

Freising brachte den Stein ins Rollen

Aber noch einmal zurück, wie es zur Kündigung des Vertrages mit der SkF kam. Das geht ins Jahr 2015 zurück, als der Freisinger Rechnungsprüfungsausschuss die hohen Kosten des Erdinger Frauenhauses bemängelte. Damals saßen Freising und Erding über eine Finanzierungsvereinbarung als Vertragspartner gemeinsam in einem Boot. Als Freising diese Vereinbarung kündigte, sei für Bayerstorfer klar gewesen, schnell handeln zu müssen. „Ansonsten hätte sich der Vertrag mit dem SkF um ein weiteres Jahr verlängert“ so der Landrat. Einen Beschluss im Kreistag hätte er auf die Schnelle nicht herbeiführen können. Es sei nicht möglich gewesen, einen neuen Vertrag mit dem SkF zu schließen, denn „das Defizit mit rund 600.000 Euro über vier Jahre zusammengerechnet lag über dem Ausschreibungs-Schwellenwert von 50.000 Euro“, so Bayerstorfer. Die neue Ausschreibung ging an den SkF, das Bayerisches Rotes Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt, die beide ihr Interesse signalisiert haben, und zwei weitere Organisationen, deren Namen Bayerstorfer nicht nennen wollte. Beide hätten bereits Erfahrung mit dem Betrieb von Frauenhäusern. Die Kreistagssitzung vom 25. September 2017, in der der Kreistag entscheiden sollte, wer den Zuschlag für das Frauenhaus übernimmt, war eine laute und turbulente. Wenngleich von Anfang an feststand, wer den Auftrag bekommt: das BRK. Nur das Rote Kreuz erfüllte in seinem Konzept die Vorgabe, mit 120.000 Euro auszukommen. Dieser Betrag wurde von der Landkreis-Verwaltung errechnet. Welchen Kriterien dafür jedoch die Grundlage waren, diese Antwort blieb Bayerstorfer seinen Kreisräten schuldig. Die 120.000 Euro sind auf jeden Fall ausschließlich für das Frauenhaus gedacht. „Ein weiteres Angebot haben wir für die Interventionsstelle und das Hilfetelefon abgegeben“, so van der Heijden vom BRK. „Zudem hat das Landratsamt einen Wirtschaftsplan von uns erhalten, wir bezahlen unsere Mitarbeiter nach Tarif und da das BRK eine kleine, aber tatkräftige Verwaltungstruppe hat, liegt die Umlage für die `Verwaltung´ hier in seinem sehr niedrigen Bereich.“

Für den SkF ist der Betrag von 120.000 Euro nicht nachvollziehbar. „Das BRK kocht doch auch nur mit Wasser! Da ich an dem Anteil von 70 Prozent Personalkosten und 17% für Miet- und Mietnebenkosten nicht rütteln kann, konnte ich nur an 13% Sach- und Verwaltungskosten einsparen – und das ist niemals möglich, so auf 120.000 Euro zu kommen“, so Rupp.

 

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