Wir sind Bien!

Klar hat der FRED beim Volksbegehren Artenschutz unterschrieben.
Selbstverständlich war es sehr plakativ mit „Rettet die Bienen“ betitelt. Als Jung-Imker wissen wir natürlich, dass die normale Honigbiene keineswegs vom Aussterben bedroht ist, es sind die vielen hundert Arten an Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen und Käfer. Heute
geht es daher nicht darum, ob die extensive Landwirtschaft, die extreme Zubetonierung der Landschaft, die unverfrorene Geschäftspolitik der Chemie-Multis, die privaten, steinernen und blumenlosen Hausgärten (sensationeller Anteil in Bayern 0,4% der Fläche!) oder die sturen Landwirtschaftsminister und Bauernverbände Schuld am Sterben der Krabbler haben.

Heute geht es um „den Bien“.
Wir wollten schon lange Imker werden. Auch wenn sich theoretisch jeder eine Königin oder ein ganzes Volk einfach so kaufen und imkern kann, zuvor wollten wir unbedingt einen
Kurs machen. Das war gar nicht so einfach: In Erding gab es damals nur einen Verein, der aber keine Kurse abhielt, im Landkreis Freising gibt es zwar fünf Imker-Clubs, doch deren
Kurse waren - Imkern ist in! – über Jahre ausgebucht. Nach vielen Versuchen ergatterten wird endlich Plätze beim Bienenzuchtverein Massenhausen, einem kleinen Ort bei Neufahrn. Elke und Alex mit ihren vielen Helfern schulten uns nicht nur theoretisch umfassend. Jeder durfte auch sofort ein Volk für zwei Jahre betreuen. Gemeinsam mit erfahrenden Profis können wir so das
Erlernte sofort praktisch umsetzen. Und wir konnten sogar schon Honig ernten.

Das erste Mal beim eigenen Bien
Nach vier Mal zwei Theorie-Stunden durften wir dann zum ersten Mal zu unserem „Bien“. Zuvor waren Bienen ja nur Tiere, die herumschwirren, 80 Prozent der Obstbäume, fast alle Blütenpflanzen und 30 Prozent der Pflanzen für die menschliche Ernährung bestäuben. Sie stören vermeintlich auf der Terrasse und machen den Honig, den wir dann im Laden kaufen können. Doch jetzt heben wir erstmals den Blechdeckel auf der Beute ab. Rund um den Kasten sausen schon ein paar Tiere unseres Volkes – wohl genauso neugierig auf uns wie wir auf sie. Noch einmal schnell den Schleier kontrolliert, die Handschuhe, dass man ja nicht von so einem, ganz bestimmt stechlustigen Tierchen, die Tausendfach um den Kasten herumsurren,  gestochen wird. Unser „Bienenpate“ Bruno erklärt uns, wie wir mit dem neben dem Bienenbesen wichtigsten Imkerwerkzeug, dem Stockmeißel, den von Wachs und Honig etwas verklebten Holzdeckel von der darunter liegenden Zarge lösen können. Da wir in unserem Bienenverein alle
mit „Erlanger“ Magazin arbeiten, kann man jede Zarge einzeln ankippen, um die Waben darunter zu beobachten, muss nicht immer alles vorsichtig abheben und irgendwo abstellen.
So. Nun sehen wir also unsere Bienchen, viele, viele Tausend sind es: Ende April sind sie schon voll in action: sammeln, legen, brüten, säubern, Honig produzieren und verdeckeln. Von uns nehmen sie gar keine Notiz, nur wenige sind aufgestiegen um zu sehen, wer denn da das warme, kuschelige Zusammenleben stört. Damit das nicht zu viele werden und sich eventuell doch noch aufregen, genügen ein, zwei kurze Rauchstöße mit dem „Smoker“ – den Bienen suggeriert das „Feueralarm“ - und sie ziehen sich rasch zurück in die Nähe ihrer Königin
und Brut. Bruno, unser erfahrener Imker-Pate (dem angeblich ein Stich weder wehtut noch anschwillt) zieht nun ein einzelnes „Rähmchen“ mit den Wachswaben und Hunderten Bienen
ohne Handschuhe aus der Zarge heraus und kontrolliert: Sind „Stifte“ drin, also Eier, sieht man Brut, gar verdeckelte, entdeckt man etwa die Königin oder nur unnütze Drohenbrut, ist gar schon Honig eingelagert? Wir sehen eigentlich erst mal nichts außer vielen wild wuselnden Bienen auf den Waben. Der Schleier sitzt nicht richtig und verrutscht dauernd, zudem ist man so aufgeregt in der Erwartung, dass doch jetzt gleich der massive Angriff kommen muss. Nebenan sehen wir auch bei einem Jung-Imkerkollegen, dass ein kräftiger Stoß an die Wabe einen Schwarm aufsteigen lässt. Aber bei uns passiert nichts, die Bienen ignorieren uns. Selbst als wir unbeholfen ein weiteres Rähmchen herausziehen und angestrengt beide Seiten betrachten – als Novize weiß man gar nicht, wohin man eigentlich genau sehen soll – bleibt der Bien absolut friedlich. Nach ein paar Minuten ist die Kontrolle beendet, allen Völkern der Jung- und Probeimker geht es gut. Wir sind happy, keiner wurde gestochen.

Wir schleudern und vermehren
In den folgenden Wochen treffen wir uns jedes Wochenende, abwechselnd am Vereins-Bienenstand in Massenhausen und am Lehrbienenstand im Freisinger Moos (mitten im Wald hinter Pulling, fast jeder der Neuen hat sich auf dem Weg dorthin mehrfach verfahren) und bekommen noch sehr viel mehr Theorie: über Krankheiten und Bekämpfung, über Honig schleudern, abfüllen und korrekt vermarkten und natürlich über das Schwärmen, wie man es
verhindern, erkennen und auffangen kann. Ab etwa Ende April wird es nämlich im Stock so voll mit Bienen, Brut und Futter, dass die alte Königin abnimmt, wieder flugfähig wird und mit knapp der Hälfte ihrer Bienen ausschwärmt, um sich einen neuen Platz zu suchen. Der Imker versucht dies entweder ganz zu verhindern oder, wenn ein Volk doch schon ausgeschwärmt ist,
dieses wieder einzufangen und in eine eigene Beute zu bringen. Bienen sind nämlich bares Geld. Bei jedem Besuch unserer eigenen, aber auch fremder Bienenstände, wurde unsere Schutzkleidung immer weniger. Wir Jungimker haben alle erfahren, dass unsere heimischen Honigbienen absolut friedlich sind und eigentlich nie angreifen oder grundlos stechen (im
Gegensatz etwa zu Wespen). Nur am Ende des Sommers, wenn es kaum noch Blüten gibt, verteidigen die Bienen ihren Honig für das Überleben im Winter – und dann haben sie uns auch einige Male gestochen. Helfen tut dagegen eigentlich nur Kühlung. Im Mai kann man von etwas älterenVölkern das erste Mal Honig schleudern, die „Frühtracht“. Unsere Bienchen waren dafür aber noch zu jung. Doch wir konnten bereits den ersten „Ableger“ machen. Dazu entnimmt
man von einem starken Volk einige Brutwaben inklusive einem Teil der Bienen und setzt alles in eine neue Beute. Diese wird dann in einiger Entfernung zum bisherigen Volk aufgestellt, dass sie nicht wieder in den alten Stock zurückfliegen. Wenn alles gut geht – was es bei uns tat
– entsteht so ein neues Bienenvolk. Und im Juli war es dann tatsächlich so weit, wir konnten aus zwei unserer jungen Völker einige Honigwaben entnehmen, die Wachsdeckel abkratzen und die Waben ausschleudern. Mensch, waren wir stolz über unsere ersten eigenen 11 Kilo Honig – noch niemals haben wir zuvor so leckeren Honig gegessen. Alle haben überlebt!
Es folgten mehrere Behandlungen unserer braven Bienchen mit Ameisensäure gegen die Varroa-Milbe, mehrere Fütterungen – der Sommer war sehr lang, sehr heiß und bald ohne Blüten – das Verkleinern der Völker im Spätherbst, eine weitere Varroa-Behandlung, dieses Mal mit Oxalsäure. Und dann hieß es ab Mitte Dezember: Warten. Schlimm für einen Imker, der ansonsten fast jede Woche bei seinen Völkern ist. Nur warten, ja nicht die Kisten aufmachen
und kalte Luft reinlassen, nur ab und zu kontrollieren, ob Äste auf den Beuten liegen, Eis oder Schnee die Eingänge blockieren. Noch schlimmer dann der erste Gang im Frühjahr. Wir hatten von Kollegen Horrorgeschichten von bis zu 70 Prozent toten Völkern im Winter gehört, von Spitzmäusen und Schnecken, die in die Beuten krochen und alles auffraßen oder erfolglosen Varroa-Behandlungen. Doch dann die große Freude: Alle unsere fünf Völker leben und schwirren. Damit beginnt für uns nicht nur das neue Bienenjahr, sondern stellen sich die nächsten vielen Fragen und Unsicherheiten: Beute öffnen oder nicht? Rähmchen anschauen
oder nicht? Zufüttern oder nicht – und wenn ja: flüssig oder fest? Honigraum bereits zur Weidenblüte aufsetzen oder erst zur Kirschblüte? Brutraum ein- oder zweizargig?
Jedes Buch, jede Broschüre und jeder erfahrene Imker beantwortet diese Fragen völlig unterschiedlich. Denn eines haben wir sehr früh gelernt: Frag‘ drei Imker und du erhältst
fünf Meinungen. Trotzdem sind wir stolz: Wir sind Bien!
 

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