Zum Henker nochmal!

Blutiges Relikt im Museum Erding

 

 

Rüde wurde Sebastian Pointner aufgefordert, sich auf den Stuhl mit den niedrigen Lehnen hinzusetzen. Dann verband man ihm die Augen, fesselte Arme und Beine, zog dem 20-Jährigen das Hemd aus und band ihm die Haare hoch. Wenige Augenblicke später war Sebastian Pointner tot.  Sein Kopf lag neben ihm auf dem Boden.  Hingerichtet am 3. Juli 1830 an der Erdinger Gerichtslinde in der Münchner Straße.

Ob’s wirklich haargenau so war, das läßt sich nur vermuten oder „herleiten“ an Hand von Stichen und Skizzen, die die damaligen Henkersprozeduren zeigen. „Ein riesiges Spektakel und eine Volksbelustigung war es auf alle Fälle“, ist sich Stadtarchivar Markus Hiermer ganz sicher. „Bei öffentlichen Hinrichtungen ging es zu wie beim Volksfest. Die Schaulustigen reisten von weither an, oft schon eine Woche vorher“, so Hiermer.
Das muss auch beim Henkersplatz in Untermailling in der Gemeinde Bockhorn so gewesen sein. Die Sensationshungrigen lösten hier aber den Unmut der Bauern aus. Denn der Galgen, der dem Ort auch den Beinamen „Galgenmailling“ einbrachte, stand auf Ackerland und die umliegenden Bauern beschwerten sich. Die Schaulustigen, die zu Hinrichtungen kamen, würden wertvolles Ackerland und die Felder niedertrampeln. „Auch wurde das Wild im Wald vertrieben, Hauseinbrüche und Diebstähle sich mehren“, berichtet Archivar Hiermer. Der Galgen sollte von ihrem Grund, forderte man daher bei Kurfürst Ferdinand ein.

 

Köpfen und Henken als touristisches Highlight
Meist aber war eine öffentliche Hinrichtung eine große Freude für alle Gastronomen, Beherbergungsbetriebe und sonstigen Handwerker, wie Schmiede oder Wagner, kam sie doch einem touristischen Highlight gleich. Da kam den Erdingern der Sebastian Pointner gerade recht, denn er war seit 40 Jahren endlich mal wieder eine Möglichkeit, solch‘ ein „schauriges“ Ereignis buchstäblich mit Kind und Kegel zu feiern. Pointner sollte dann aber auch der Letzte sein, der in Erding sein Leben verlor. Nach ihm ist keine weitere öffentliche Exekution mehr in der Herzogstadt bekannt.


Der Richtstuhl
Dass es aber der Sebastian Pointner, Müller aus Emling war, der im Juli 1830 geköpft wurde, das ist sicher, denn ein Zeitzeuge hat die gut 180 Jahre seitdem überdauert: Pointners „Richtstuhl“. Er steht im Depot des Museum Erding, einem heutigen Bistro-Stuhl mit geschwungener Armlehne nicht unähnlich. Ein auf der Sitzfläche angebrachtes Schild mit Pointners Namen und Hinrichtungsdatum zeugt von seiner schaurigen Verwendung. Zudem mit Pointner wahrlich kein Unschuldiger gerichtet wurde: Am 13.9.1829 tötete er aus Geld- und Habgier im Fraunberger Ortsteil Grafing den dortigen Müller Bartholomäus Kiefer und beraubte ihn anschließend. Nur einen Monat später brachte er den Taufkirchner Müller Franz Decker aus den gleichen Gründen um. Pointner gab in der Haft noch weitere Diebstähle und auch einen weiteren Raubmord an einer Dienstmagd in Tattendorf zu. Das Gericht sprach ihn daraufhin am 12.3.1830 schuldig und nachdem auch König Ludwig I. den zum Tode Verurteilten nicht begnadigte, wurde am 3. Juli das Urteil an der Gerichtslinde vollstreckt. Der Richtstuhl beweist, dass Pointner im Sitzen der Kopf abgeschlagen wurde. Eine Hinrichtungsart, die für den Henker durchaus eine handwerkliche Herausforderung war: Seitlich vom Delinquenten führte er den Schwerhieb aus, vorher musste er durch eine Körperdrehung erst Schwung gewinnen um dann mit möglichst einem Schwerthieb genau zwischen zwei Halswirbel zu treffen, um so den Kopf vom Rumpf zu trennen.
Ob Pointners Körper und Kopf verscharrt, sein Körper aufs Rad gebunden und zur Schau gestellt oder sein Kopf zur Abschreckung auf den Galgen genagelt wurde, das weiß keiner. An Hand von zahlreichen Hinrichtungs-Darstellungen jedoch konnte Pointner sich fast schon glücklich schätzen, „nur“ enthauptet zu werden. „Das Rädern oder Teilen“, so Hiermer, „scheint doch um ein ganz schönes Stück schmerzhafter gewesen zu sein.“  


Das fröhliche Badevergnügen über dem Galgen
Geschichtsträchtiges Baden ist auch allen Gästen des Kronthaler Weihers garantiert. Dort wurden im Jahr 1977 auf der Flur „Melkstatt“ im Zuge der Kiesgewinnung am Baggersee Menschenskelette gefunden. 1981 erhärtete der Fund von fünf weiteren Gerippen, dass es sich um einen neuzeitlichen Bestattungsplatz handeln musste. Da er weit außerhalb der Stadt Erding war, mehr oder weniger im Niemandsland, geht man von Gräbern „unehrlicher Leute“ aus, damals etwa fahrendes Volk, neudeutsch wären das soziale Randgruppen. Und wenn man auf der Stadtansicht von Matthäus Merian von 1644, welche in der Dauerausstellung zur Erdinger Stadtgeschichte hängt, genau hinschaut, dann sieht man ganz rechts drei schmale Säulen mit Dach, eine, Tempel nicht unähnlich. „Das ist der Erdinger Galgen“, da ist sich Museumsleiter Harald Krause sicher, just an der Stelle, und genau da, wo auch die Gräberfunde am Kronthaler Weiher liegen. Genau dort, wo heute der Bade-Ponton verankert ist!“ Wer also auf der hölzernen Schwimminsel im Kronthaler Weiher liegt, der „aalt“ sich gerade im Areal des einstigen Galgens. Besser kann „lebendige Geschichte“, gewürzt mit ein bißchen Schauer und Grusel, doch nicht sein!

 

Kriminalitätshochburg Erding?
Merians Stich zeigt einen großen, „dreistempligen“ Galgen in der Melkstatt. Der war geeignet für bis zu zwölf Hinrichtungen und mehr – gleichzeitig! War in Erding also das Verbrecheraufkommen so groß, dass man einen so großen Galgen brauchte? „Aber nein“, ist sich Stadtarchivar Hirmer sicher. „Da gab’s auch nicht mehr schwere Kriminalität als heute.“ Aber, man müsse schon zwischen Kriegs- und Friedenszeiten unterscheiden, „im Krieg bis 1815 wurde schon recht oft kurzer Prozess gemacht.“

Am 18. Februar 1949, also genau vor 70 Jahren,  wurde im Gefängnishof des Tübinger Landgerichts um sechs Uhr Richard Schuh auf dem Schafott (heute würde man wohl Fallbeil dazu sagen) hingerichtet. Es war das letzte Mal, dass in Westdeutschland „im Namen des Volkes“ eine Todesstrafe vollstreckt wurde. Mit Inkrafttreten des deutschen Grundgesetzes am 23. Mai 1949 endete die Todesstrafe in West-Deutschland.


 

Kasten
Einer der „geschäftstüchtigsten“ Henker in Deutschland war Johann Reichhart (geboren in Wichenbach bei Wörth an der Donau). Er hat in 23 Jahren 3165 Menschen hingerichtet, davon rund 250 Frauen. 2805 waren es allein im Auftrag der Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945. Reichhart köpfte auch die Verurteilten der Weißen Rose: Hans und Sophie Scholl, Willi Graf, Alexander Schmorell und Kurt Huber. Etliche Verschwörer des 20. Juli starben ebenfalls durch ihn, so wie Hunderte mehr, deren einziges Verbrechen darin bestand, sich gegen Verbrecher aufgelehnt zu haben. Reichhart starb 1972 in einem Pflegeheim in Dorfen.

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